Grünstadt / Eisenberg
Wie die Jugendämter in der Zeit der Corona-Krise arbeiten
Die gute Nachricht zuerst: Beide Jugendämter stellen derzeit keinen signifikanten Anstieg an Meldungen fest. Trotzdem ist die aktuelle Situation für die gesamte Bevölkerung, insbesondere aber für Familien, eine Herausforderung. Eltern sind nun mehr gefordert denn je – immerhin müssen sie ihre Kinder nicht nur beaufsichtigen, sondern auch sinnvoll beschäftigen.
Allerdings ist nicht immer nur das ein Problem: Für manche Kinder sind Schule und Kindertagesstätte die einzigen geschützten Räume, die nun wegfallen. Im Jahr 2018 haben die Jugendämter in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei rund 50.400 Kindern und Jugendlichen (rund 13,7 Millionen Minderjährige leben in Deutschland) eine Kindeswohlgefährdung festgestellt, rund zehn Prozent mehr Fälle als im Vorjahr. Wie die Statistik für das Jahr 2020 ausfallen wird, insbesondere während der Corona-Pandemie ist noch unklar.
Das Jugendamt habe sich auf die aktuelle Situation eingestellt, sagt Sina Müller, Pressesprecherin der Kreisverwaltung Bad Dürkheim. Es bedürfe individueller und flexibler Lösungen. Auch weiterhin stünden die Mitarbeiter der Behörde mit den Familien und freien Trägern der Jugendhilfe im stetigem Austausch. Die Kontakte zu den Familien hätten sich jedoch verändert. Wo es möglich ist, finden sie laut Jugendamt per Telefon, Videoschalte oder Mails statt. „Hausbesuche finden nur in zwingend notwendigen Fällen statt, aber wenn es erforderlich ist, gehen Jugendamt und freie Träger nach wie vor zu den Familien vor Ort. Die Hygienemaßnahmen werden natürlich eingehalten“, versichert Müller.
Bei Auffälligkeiten ans Jugendamt wenden
Auch eine Aufnahme in die Notbetreuung der Kindertagesstätte oder Schule ist möglich, falls es das Jugendamt für erforderlich hält. Generell gelte es für das Umfeld, aufmerksam zu sein und sich ans Jugendamt oder auch an Beratungsstellen zu wenden, wenn etwas auffällig in einer Familie erscheint. „Menschen, die sich um das Wohl eines Kindes sorgen, sollten Beratung in Anspruch nehmen. Dies kann auf Wunsch auch anonym erfolgen“, erklärt Müller. Meldungen gehen laut Verwaltung von den Familien selbst beim Amt ein, durch installierte Helfer in den Familien oder durch das soziale Umfeldes wie beispielsweise Nachbarn.
Welche Unterstützung und Hilfen in Zeiten von Corona derzeit besonders benötigt werden, könne nicht pauschal gesagt werden. Fragen zu Erziehung, Trennung und Scheidung, Umgangsregelungen, soziale Sicherung oder Betreuung in der Kindertagespflege seien immer Thema.
Jugendhilfe mit Feuerwehrfunktion
Als eine Art „Feuerwehrfunktion“ beschreibt das Jugendamt des Donnersbergkreises derzeit die Aufgabe seiner ambulanten Jugendhilfeträger. „Diese befinden sich bei bisher betreuten Familien im Krisenmodus. Sie versuchen zu deeskalieren. Wir wissen aber auch von immer mehr Schulen und Kitas, dass engagierte und kreative Lehr- und Erziehungskräfte Kontakt mit Eltern halten, beispielsweise bei Erledigungen von Schulanforderung unterstützen“, so Pressesprecherin Tanja Gaß. Auch im Donnersbergkreis finden Kontakte überwiegend telefonisch oder per E-Mail statt. In notwendigen Einzelfällen wie etwa beim Kinderschutz werden laut Verwaltung weiterhin Hausbesuche durchgeführt, die Mitarbeiter seien mit dem empfohlenem Schutz ausgestattet.
„Persönliche Gespräche können im Einzelfall in der Behörde in einem speziell dafür vorgesehenen Bereich durchgeführt werden“, so Gaß. Bei Auffälligkeiten sollte man sich umgehend ans Jugendamt wenden. Außerhalb der Bürozeiten sei die Polizei der Ansprechpartner. Dass die Anzahl der Meldungen in Zeiten von Corona zugenommen habe, verneint das Jugendamt: „Aber es ist uns bewusst, dass aufgrund der geltenden Kontaktbeschränkungen auch Informationen aus der Familie heraus schwieriger zu bewerkstelligen sind.“ Deshalb auch der Appell an die Bevölkerung, aufmerksam zu sein und Informationen weiterzuleiten.
Mehr Pflegeplätze möglich
Aber auch Eltern sollten den Kontakt zum Amt nicht scheuen, wenn sie Hilfe brauchen. Besonders in der Anfangszeit von Corona hätten viele getrennt lebende Eltern Fragen zu Umgangskontakten gehabt. Auch wenn derzeit im Donnersbergkreis die Anzahl der Meldungen nicht zunehme, werde mit stationären Trägern der Jugendhilfe Gespräche geführt, um weitere Inobhutnahmeplätze aufzubauen. „Wir konnten einige Pflegefamilien gewinnen, die bereit sind, im Bedarfsfall ein weiteres Kind kurzzeitig aufzunehmen. Es sind momentan auch kurzzeitige Unterstützungen durch Fachkräfte zur Deeskalation in Hausgemeinschaften möglich,“ so die Pressesprecherin.
Auch innerhalb der Behörde gebe es eine veränderte Arbeitsweise. Vorgeschriebene Fallkonferenzen mit mehreren Mitarbeitern fänden beispielsweise per Telefonkonferenz statt. Homeoffice werde ebenfalls genutzt.
Problem nicht verheimlichen
Andrea Breßler, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Grünstadt und der Verbandsgemeinde Leiningerland, hat noch keine Anfragen oder Hinweise wegen Missachten des Kinderschutzes erhalten. „Momentan ist es eher ein Stillstand, bei mir ist es ruhiger als sonst“, berichtet Breßler. Wichtig sei, dass sich Betroffene beispielsweise an Beratungsstellen, Frauenhäuser oder die Polizei wendeten und keinesfalls ihr Problem verheimlichten.
„Wir können keinen Anstieg an Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung oder Auffälligkeiten erkennen“, erklärt der Grünstadter Polizeichef Sigfried Doll. Etwas anderes stellt er dagegen fest: „Die Jugendkriminalität während der Ferien, die sonst immer höher ist als zu Schulzeiten, ist vermindert.“ Demnach komme es in Zeiten der Corona-Krise kaum zu Vandalismus durch Jugendliche.