Sausenheim
Warum diese Winzer und Landwirte jetzt gemeinsame Sache machen
Wenn jeder für sich allein kämpft, wird es mitunter schwierig. In der Gemeinschaft kann vieles leichter werden. Im Leiningerland gibt es deshalb seit Kurzem die neue Bauern- und Winzerschaft (BW) Grünstadt-Sausenheim-Burgenland. Aktuell umfasst sie 21 Weingüter und einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sie hat sich aus den Ortsvereinen Grünstadt-Sausenheim und Burgenländchen (Battenberg, Kleinkarlbach, Neuleiningen) gebildet. „Die Fusion ist wichtig“, sagt Gerhard Siebert. Beide BW, die jeweils vor langer Zeit (1983 und 2002) auch aus Zusammenschlüssen entstanden sind, seien zwar finanziell gut ausgestattet. Allerdings schrumpften sie zusehends. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind allein aus der BW Grünstadt-Sausenheim, die Siebert bis vor wenigen Wochen geleitet hat, rund 15 Unternehmen ausgeschieden.
Das Hauptproblem: Zum Durchsetzen eigener Interessen braucht es eine gewisse Größe. Im Kreisverband, in dessen Vorstand er selber sitze, hänge das Stimmrecht von der Größe der bewirtschafteten Fläche ab, so der 66-Jährige. Die Mitglieder aus Deidesheim, Niederkirchen oder Dirmstein beispielsweise hätten in der Summe erheblich mehr als die 200 Hektar, die die Sausenheimer mit den Grünstadtern in die Waagschale werfen könnten. Die neue BW hat mit rund 440 Hektar nun deutlich mehr Gewicht, sodass die eigenen Interessen besser vertreten werden können.
Gemeinsam gegen Schädlinge
Mit starker Stimme lässt sich fortan Gehör verschaffen, wenn Vorhaben die eigenen Rebflächen tangieren oder in Zukunft Folgen für den Weinbau haben werden: unter anderem wenn ein Investor eine Photovoltaik-Freiflächenanlage oder einen Windpark plant, wenn Gas-Hochdruckleitungen verlegt oder eine Umgehungsstraße gebaut werden soll. Weitere Themen sind Hochwasserschutz und Wegebeiträge.
Größere Einheiten zu bilden ist auch unter anderen Gesichtspunkten von Vorteil – etwa bei der Schädlingsbekämpfung. „2002 haben wird die Pheromon-Anwendergemeinschaft mit Neuleiningen gegründet“, sagt Siebert. Schließlich ergebe es wenig Sinn, die Sexuallockstoffe, die die Schadinsekten verwirren sollen, nur im eigenen Weinberg auszubringen, so sein Sohn Christoph, der zum Vorsitzenden der neuen BW gewählt wurde. Zudem sei der Einkauf in größeren Mengen günstiger.
Allein fehlen Kapazitäten und Mittel
Auch Fortbildungen, Vorträge, Ausflüge und Betriebsbesichtigungen werden gemeinsam organisiert, wodurch schneller die Mindestteilnehmerzahl erreicht wird. Bei Veranstaltungen und Aktionen finden sich leichter ausreichend Freiwillige, die mit anpacken, wenn der Pool groß ist. „Wir sind Konkurrenten und gleichzeitig Kollegen. Selbstverständlich helfen wir uns untereinander“, sagt Wolfgang Heiner, der 21 Jahre lang der Stellvertreter von Gerhard Siebert war und jetzt Revisor ist. Schatzmeisterin Ilona Kohl gibt zu Bedenken: „Wir sind alle Familienweingüter. Die haben oft allein weder die Kapazitäten noch die Mittel, um Projekte umzusetzen.“
Die BW Grünstadt-Sausenheim hat unter anderem Mitte der 1990er-Jahre in Eigenleistung ein Ortsschild errichtet und den Platz für den ersten Sausenheimer Advent gestaltet. Sie wirkte beim – inzwischen eingestellten – Erlebnistag Deutsche Weinstraße mit, kreierte Motivwagen für die Winzerfestumzüge in Bockenheim und Neustadt. Darüber hinaus rief sie 2004 die Höllenpfadwanderung ins Leben. Dabei wird auch viel Geld in die Hand genommen, um Schilder zu installieren und reparieren, wie Siebert erläutert. Allein 8500 Euro habe die Instandsetzung des 2011 zerstörten Honigsack-Schriftzuges gekostet.
Jetzt mit zwei Gebietskörperschaften zu tun
Laut Christoph Siebert wird die gemeinsame Arbeit in bewährter Weise fortgesetzt. Der 37-Jährige sagt, demnächst stünden wieder Unterhaltungsmaßnahmen an den Feldwegen an. Zur Finanzierung werden Wegebeiträge erhoben. Wenn es um die Beitragshöhe gehe, sei es wichtig, in den entsprechenden Fachgremien vertreten zu sein, betont er. Sitzrechte hat die BW in den Landwirtschaftsausschüssen und im Weinwettstreitausschuss. „Neu ist seit der Fusion, dass wir es fortan mit zwei Gebietskörperschaften zu tun haben: der Stadt und der Verbandsgemeinde“, erklärt der Winzer. Aus diesem Grunde sei sein Stellvertreter der Kleinkarlbacher Alexander Hartmetz.
Bereits vor dem offiziellen Zusammenschluss haben die beiden benachbarten BW gut miteinander kooperiert. Etwa bei der Entwicklung neuer Formate für eine bessere Vermarktung. 2017 hatte auf dem Schillerplatz „Grünstadt tischt auf“ Premiere. 2018 wurde das wiederholt. „Danach haben wir es aber wieder eingestellt“, berichtet Kohl. Hauptgrund war der positive Nachfrageeffekt für die einzelnen Weingüter. „Aber man muss immer mal wieder etwas ausprobieren“, sagt sie, auch mit Blick auf die in der Verbandsgemeinde Leiningerland schon seit Längerem angedachte Weinmesse. „Grundsätzlich ist es begrüßenswert, wenn unsere Produkte in aller Munde sind. Aber es könnte sich herausstellen, dass die Loyalität der Besucher zu den Anbietern größer wäre, wenn die Veranstaltung an einem weiter entfernten Ort stattfände“, zeigt sie sich skeptisch. Wer kennt das nicht: Ein Getränk schmeckt am Urlaubsort besser als daheim.
Kein Backpulver mehr gegen Mehltau
Etwas einfallen lassen müsse man sich aber. Denn die Situation auf dem Markt werde nicht einfacher. Da wäre der ständig steigende Mindestlohn. „Es muss doch klar sein: Der Kunde ist nicht bereit, jeden Preis zu bezahlen“, sagt Kohl. Dieser werde noch durch andere Faktoren in die Höhe getrieben. Christoph Siebert führt aus: „Gegen Echten Mehltau dürfen wir neuerdings kein Natron, also handelsübliches Backpulver, mehr einsetzen. Stattdessen sind wir gezwungen, teure Insektizide zu nutzen.“
Trumps Zoll-Politik sorgt auch nicht gerade für einen ruhigen Schlaf bei den Winzern – allerdings eher in die andere Richtung. „Wir sind zwar kaum direkt betroffen, aber indirekt könnten wir darunter leiden“, so Kohl. Denn wenn die großen Mitbewerber, die bislang viel in die USA exportieren, ihre Erzeugnisse vermehrt im Inland anbieten, könnte das zum Preisverfall führen.
Vorstand
Vorsitzender Christoph Siebert (Sausenheim), Stellvertreter Alexander Hartmetz (Kleinkarlbach), Kassiererin Ilona Kohl (Sausenheim), Schriftführerin Julia Denig (Battenberg), stellvertretender Schriftführer Sebastian Heiner (Sausenheim), Beisitzer: Benjamin Conrad (Sausenheim), Karolin Gaul (Sausenheim), Volker Hammer (Sausenheim), Johannes Nippgen (Neuleiningen), Thomas Pahlke (Battenberg), Johannes Siebert (Sausenheim), Axel Spies (Sausenheim) und Niclas Tisch (Grünstadt); Revisoren: Wolfgang Heiner (Sausenheim) und Dennis Zimmermann (Kleinkarlbach).