Leiningerland
Vollzeitjob, Familie, Bürgermeister: Wie diese drei Männer durchhalten
Sie sind in ihren Dörfern präsent, kümmern sich um die Belange der Bürger und fungieren als Schnittstelle zur Verbandsgemeindeverwaltung. Aber dass Ortsbürgermeister diese Aufgaben ehrenamtlich machen, sei vielen nicht bewusst, hat Michael Schütz (CDU), Rathauschef Obersülzens, festgestellt. Der 41-Jährige ist Vater und Ehemann, hat einen Vollzeitjob und bis zur Kommunalwahl vor zwei Jahren keinerlei politische Erfahrung gesammelt. „So lange es Spaß macht, mache ich es gern“, betont er. Gleichzeitig weiß er um die Belastung im Alltag – wie auch seine Kollegen Steffen Burkhardt (SPD) in Hettenleidelheim und Johannes Nippgen (Wählergruppe Freyland-Mahling) in Neuleiningen.
„Ich hatte mir schon länger Gedanken gemacht, wie ich mich einbringen kann, und wollte etwas für den Ort bewegen“, sagt Schütz über seine Ambitionen, die ihn damals dazu brachten, sich fürs Amt aufstellen zu lassen. Nachdem er beruflich stark eingespannt und sein Haus umgebaut war, habe Schütz, der sich selbst als Fleißbienchen bezeichnet, Zeit gehabt, die er in Obersülzen investieren wollte. „Aber ich wusste nicht, was auf mich zukommt“, räumt er lachend ein. Seine Rolle als Ortsbürgermeister beschreibt er als „Bindeglied zur Verwaltung“, das Impulse aus dem Dorfleben heraus entwickelt, gemeinsam mit dem Gemeinderat. Um den zeigt sich Schütz dankbar: „Ich habe hier Leute, von deren Erfahrungsschatz ich profitiere.“ Das entlaste ihn massiv.
24 Stunden zusätzlich fürs Amt nötig
Gleichzeitig kennt er die Grenzen des Ehrenamts. Er müsse sich selbst entlasten und Ausgleiche finden, was durch den Posten als Ortsbürgermeister schwierig geworden sei. Glücklicherweise unterstütze ihn seine Frau. Beide planen zusammen den Alltag und treffen klare Absprachen. Anfallende Telefonate übernehme er häufiger auf dem Weg zur Arbeit oder nach Feierabend. „Ob das gesund ist oder nicht, ist etwas anderes“, gibt er zu und fügt an: „Eigentlich bräuchte ich 24 Stunden extra fürs Amt.“
Gerade die Komplexität mancher Themen setze ihm zu. Als Beispiel nennt er den „Förderdschungel“ im Land, der zu viel Bürokratie mit sich bringe. Um sich nicht selbst zu überlasten, achte er darauf, sich ausreichend abzugrenzen und die Ansprüche an sich selbst zu senken – und so manche Charaktereigenschaft helfe durchaus auch. Er zählt zum Beispiel Begeisterungsfähigkeit für bestimmte Themen auf, die Fähigkeit, Menschen zu vernetzen, einen gewissen Idealismus sowie das Aufbringen von Wertschätzung für andere. „Und Kaffee ist nötig“, ergänzt er. Wichtig sei ihm, Job, Familie und Ehrenamt gerecht werden zu können, denn wenn das nicht mehr funktioniert, sei eine Grenze erreicht. Aber Schütz sieht sich noch ins Amt wachsen und betont, dass es ihm viel Freude macht.
Fortgeschrittenes Alter als Vorteil
Hettenleidelheims Ortsoberhaupt Steffen Burkhardt, wie Schütz seit 2024 im Amt,zeigt sich froh darüber, dass seine Kinder bereits erwachsen sind. „Früher war mein Fokus auf der Familie, dem Hausbau und dem Beruf, als junger Vater hätte ich das Amt als Bürgermeister nicht geschafft“, so der 59-Jährige, der als Kaufmann in der Großchemie arbeitet. Seine Lebenssituation sei günstig, um Ortschef zu sein, sagt er. Denn durch die berufliche Routine lasse sich der Job mit dem Ehrenamt gut vereinen. Trotzdem seien 14-Stunden-Tage immer wieder Realität.
Die Entscheidung, trotzdem Rathauschef zu werden, begründet er mit den Umständen und seiner eigenen Geschichte: Seit neun Generationen lebe seine Familie im Ort – und als sich niemand fand, der Bürgermeister werden wollte, habe er entschieden, der Ortsgemeinde etwas zurückgeben zu wollen. „Mir macht es Freude, täglich neue Dinge zu lernen, aber es tauchen eben auch viele Probleme auf, bei denen unklar ist, wie wir sie lösen sollen“, sagt er.
„Brückenbauer“ zwischen Ort und Verwaltung
In seinem Amt, das er als enorm umfangreich wahrnimmt, habe er eine „Brückenbauerfunktion“ zwischen Verwaltung und Ort, in der es viel Geduld brauche. Gerade im Hinblick auf bürokratische Verfahren sei die Zusammenarbeit mit der VG mühsam, weil er ständig nachfragen müsse, wie der Stand ist, was er aufgrund seines Jobs in der freien Wirtschaft nicht gewohnt sei. Gleichzeitig habe der Ortsbürgermeister wenig Entscheidungsmacht aufgrund der demokratischen Struktur, heißt: Die meisten Entscheidungen trifft der Gemeinderat. Und: „Ich muss mich auf die Kompetenz der Fachstellen verlassen“, sagt er. Gleichzeitig zeigt er sich dankbar über die vielen Ehrenamtlichen in seinem Ort, denn sie nehmen ihm Arbeit ab, auf sie sei Verlass.
Eine ähnliche Haltung hat auch Johannes Nippgen, Ortsbürgermeister in Neuleiningen: „Wir sind nur so stark wie die Gemeinschaft.“ Er selbst beschreibt sich in der Rolle des Bürgermeisters als „Podolski der Nationalmannschaft“, wie er sagt: Vorbild, Klassenkasper mit der notwendigen Ernsthaftigkeit, Visionär und Mitwirkender. Denn jedes Gemeinderatsmitglied bringe seine eigenen Kompetenzen ein, sodass er – ebenfalls ohne kommunalpolitische Vorerfahrung – 2024 sicher ins Amt gestartet sei.
Selbstständigkeit schafft Flexibilität
Die große Herausforderung, die er gleichzeitig aber auch als Entlastung wahrnimmt: Nippgen ist Winzer und damit selbstständig. Das verschaffe ihm Flexibilität. Die Krux: Er müsse unterscheiden zwischen der Perspektive des Landwirts und des Bürgermeisters, der für seine Bürger spricht und entscheidet: „Man muss manchmal über die eigenen Ideen hinweg sehen.“
Gleichzeitig habe er lernen müssen, Aufgaben zu verteilen und anzuerkennen, dass er „nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann“. Seine Familie unterstütze ihn dabei, wobei ihn ob der Belastung auch immer wieder Zweifel plagen. Viele Abläufe seien kompliziert, weshalb er sich auf die Verwaltung verlasse, die ihn in seinem Amt unterstützt, auch wenn er sich selbst in Themen „reinfuchse“. Das sei nur nicht in allen Bereichen bis in die Tiefe möglich. Größere Ortsgemeinden zu verwalten sieht er als noch herausfordernder, wobei ihm auch zugutekomme, dass er in Neuleiningen fest verankert sei. Weil er erst seit anderthalb Jahren im Amt ist, will sich Nippgen Zeit geben, um mit den Erfahrungen zu wachsen. Doch er und seine Bürgermeisterkollegen sind sich einig: Herausfordernd bleibt es, so oder so.