Grünstadt Viel älter als die Kommilitonen
Asselheim. „Ich glaube schon, dass man ein bisschen verrückt sein muss, um im Alter noch einmal etwas ganz anderes zu machen“, sagt der Asselheimer Hans-Joachim Hock. Aber vor allem das Interesse an psychologischen Fragen und der Ehrgeiz hätten ihn vor neun Jahren dazu bewogen, die Ausbildung zum psychologischen Berater zu beginnen. „Das ist über längere Zeit gereift. Meine Frau hat damals nicht versucht, es mir auszureden“, ergänzt der 57-Jährige lachend. Vor neun Jahren hat Hock mit der Ausbildung zum psychologischen Berater bei der Studiengemeinschaft Darmstadt begonnen – parallel zu seinem Beruf als Chemiefacharbeiter bei der Firma BASF in Ludwigshafen. „Ich mag den Beruf und gehe nach wie vor gerne arbeiten“, sagt Hock, der seit 31 Jahren im Schichtdienst tätig ist. Dort wirkt er bei der Produktion von Kunststoffgranulat mit: „Aus drei Flüssigkeiten wird eine Masse hergestellt, aus der wiederum das Granulat entsteht.“ Doch zurück zum zweiten Bildungsweg. Von zu Hause aus belegte Hock seine Kurse, die sich unter anderem um psychische Krankheiten wie Depressionen, Alkohol- und Drogensucht sowie um Trauerbegleitung drehten. „Die Noten waren im Vergleich zur Schule richtig gut, damals hatte ich mich eher durchgemogelt. Für die Ausbildung war ich Feuer und Flamme“, sagt Hock lachend. Zugegeben: Nicht der gesamte Unterrichtsstoff war neu für den Asselheimer. Seit 15 Jahren hilft Hans-Joachim Hock einem Bestatter aus – den Namen verrät Hock nicht –, begleitet ihn bei der Abholung Verstorbener und schenkt, natürlich nur auf Wunsch, den Hinterbliebenen ein offenes Ohr. „Diese Arbeit hat mir bei den Kursen schon geholfen, weil ich das Theoretische aus der Praxis schon gekannt habe.“ Allerdings wurde die Euphorie jäh gebremst. „Ein Jahr, nachdem ich mit der Schule begonnen hatte, erkrankte meine Frau Petra an Brustkrebs.“ Die Diagnose sei wie ein Schlag in die Magengrube gewesen. „Man steht erst einmal da, fragt sich wieso und weshalb“, schildert Hans-Joachim Hock. Eine Antwort auf die Frage gebe es natürlich nicht. An eine Fortsetzung der Ausbildung sei dann erstmal nicht zu denken gewesen. „Ich habe für zwei Jahre unterbrochen. Alles andere ist für mich in den Hintergrund gerückt.“ Es folgten Operation, Chemotherapie und Bestrahlungen, die Hocks Frau über sich ergehen lassen musste. „Es war ein stetes Auf und Ab.“ Schlussendlich sprach die Therapie an, und Hocks Frau Petra geht es heute besser, bei den regelmäßigen Untersuchungen habe sie bisher nur gute Nachrichten erhalten. „Natürlich fragt man sich hin und wieder, wie wir das geschafft haben“, wirft die 56-Jährige ein, die regelmäßig die Selbsthilfegruppe nach Krebs in Grünstadt besucht. In der Zeit, in der sich Petra Hocks Zustand stabilisierte, nahm der heute 57-Jährige die Ausbildung wieder auf, „aber eher tröpfchenweise. Der Krebs war anfangs immer noch im Hinterkopf“. Ein Abbruch sei dennoch nicht in Frage gekommen. „Das Helfersyndrom, sprich, der Wunsch, Menschen zu unterstützen, hatte ich schon immer. Nun wollte ich es auch einsetzen“, sagt Hans-Joachim Hock. Durch Praktika, unter anderem beim Blauen Kreuz – eine Organisation, die Suchtkranken Hilfe bietet – konnte er weitere Einblicke in die Beratungstätigkeit erhalten. 2014 schließlich legte Hock seine Prüfung zum psychologischen Berater an der Paracelsus-Schule in Mannheim ab. „Da habe ich dann das erste Mal meine Kommilitonen gesehen und war natürlich deutlich älter“, ergänzt er lachend. Ende gut, alles gut. In seiner Praxis betreut Hock Klienten, die unter Depressionen, Angststörungen, Sinnkrisen sowie einer Sucht leiden oder nicht über den Tod eines geliebten Menschen hinwegkommen. „Man muss natürlich viel Fingerspitzengefühl beweisen. Und letztlich kann man nur Wege aufzeigen, gehen müssen sie die Klienten letztlich alleine“, so Hock, der aktuell eine Fortbildung für das Kriseninterventionsteam des Grünstadter Fördervereins Erweiterter Rettungsdienst besucht. In Gesprächen mit Krebspatienten fließe dann hin und wieder seine eigene Erfahrung mit ein. „Die Erkrankung meiner Frau ist Teil unseres Lebens geworden, sie hat uns noch mehr zusammengeschweißt und uns auch stärker gemacht.“ Kontakt Kennen Sie auch jemanden, der einen Neuanfang gewagt hat? Oder haben Sie selbst privat, beruflich oder im Leben nochmal neu angefangen? Melden Sie sich unter Telefon 06359/933023 oder per E-Mail an die Adresse redgru@rheinpfalz.de . |hlr