Grünstadt „Verständnis, Ansprache, Ablenkung“

91-72417604.jpg

Tausende Flüchtlinge aus Kriegsgebieten suchen Schutz bei uns. Erwachsene und Kinder haben Menschen sterben sehen und waren selbst in Lebensgefahr. Traumatisiert von ihren Erlebnissen brauchen sie professionelle Hilfe. Ellen Korelus-Bruder hat mit Dr. Alexander Jatzko, Psychosomatiker am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern, über den richtigen Umgang mit Opfern von Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung gesprochen.

Ist Traumatisierung ein Tabu?

In den Medien sehen und hören wir andauernd, was diesen Menschen wiederfahren ist. Somit ist es kein Tabu mehr. Um das Erlebte nicht wieder hochkommen zu lassen, ziehen sich Traumatisierte jedoch eher zurück. Wie wirkt sich das aus? Je mehr sich ein Betroffener mit dem Trauma befasst, desto weniger können sie ihr Denken und Fühlen kontrollieren. In diesem Zustand kann es zu überschießenden Reaktionen kommen. Woran ist Traumatisierung zu erkennen? Wenn Menschen nicht über Erlebnisse sprechen wollen, dabei unruhig werden, sich zurückziehen, aggressiver werden, sich immer weniger in der Hand haben, liegt eine Traumatisierung nahe. Wenn Betroffene das Gefühl haben, dass es gestern passiert und nicht schon Wochen her ist, sind das Anzeichen dafür, dass das Erlebte nicht verarbeitet ist. Welche Möglichkeiten gibt es für medizinische Laien, Betroffenen zu helfen? Je mehr wir Sicherheit, Beruhigung Interesse und Freundlichkeit geben, desto mehr werden diese Menschen von ihren schrecklichen Erlebnissen abgelenkt. In der Regel fehlen Flüchtlingen die notwendigen Sprachkenntnisse zur Beschreibung ihres Zustands. Ist ein Dolmetscher in diesem sensiblen Bereich das geeignete Mittel? Ohne Dolmetscher ist die Kommunikation zu sehr eingeschränkt. Auch Therapien sind ohne Dolmetscher kaum durchführbar. Das ist auch eine Belastung für die Dolmetscher. Mit welchen Folgen ist bei Nichtbehandlung zu rechnen? Traumatisierte Menschen verändern sich zunehmend, ziehen sich zurück. Konzentrationsmängel erschweren den Spracherwerb. Sie sind schnell überfordert. Negative Gefühle herrschen vor. Verstärkt langes Warten etwa auf ein Asylverfahren das Trauma? Je länger die Menschen in Angst leben, wieder in die Kriegsgebiete gehen zu müssen, desto länger werden die Angstbahnen im Gehirn gestärkt. Diese Menschen waren in ihrer Heimat massiver Willkür ausgesetzt. Vertrauen, dass sie jetzt in Sicherheit sind, wird nur durch Anerkennung ihres Asylantrags und damit ihres Leids hergestellt. Wie sind Kinder betroffen? Bei Kindern wirken sich Traumatisierungen oft anders aus. Je jünger ein traumatisiertes Kind ist, desto weniger kann es das Erlebte verarbeiten. Das hat langfristige Konsequenzen. Kann die Diagnose „Trauma“ Abschiebung verhindern? Wenn Krieg, Willkür und Gewalt in dem Land erlebt wurden, in das abgeschoben werden soll, ist das ein Grund für Aussetzung der Rückführung. In diesen Ländern besteht keine realistische Möglichkeit, den Menschen eine sichere Umgebung und Therapie zu gewährleisten. Gibt es ausreichende Behandlungsmöglichkeiten für Flüchtlinge? Wenn wir an reine Traumatherapie denken, dann nicht. Es gibt wenige Möglichkeiten und lange Wartezeiten. Menschlichkeit und Zuwendung sind aber für die meisten Betroffenen zunächst viel wichtiger. Wie soll die Umgebung auf Trauma-Symptome reagieren? Mit Verständnis, Ansprache, Ablenkung. So können Betroffene ihre Gefühle schnell wieder kontrollieren. Gibt es Ansprechpartner für Flüchtlinge und Betreuer in Krisensituationen? Hilfsorganisationen und staatliche Stellen verfügen häufig über ein entsprechendes Netzwerk. Das ist jedoch regional so unterschiedlich, dass ich keinen zentralen Ansprechpartner nennen kann.

x