Grünstadt
Und wo gehen sie aufs Klo? So funktioniert die Grünstadter Waldkita
Wie ungewöhnlich ist die Grünstadter Waldkita?
In Waldkindergärten sind die Kinder fast durchgehend in der Natur. Also wird für sie auch kein Haus gebaut, sondern nur ein Notunterschlupf bereitgestellt – etwa eine Hütte oder ein Bauwagen. In Rheinland-Pfalz gibt es nach Angaben des Landesjugendamts 24 derartige Einrichtungen. Mitgezählt werden da aber nur komplett eigenständige Waldkitas. Wenn sie wie in Grünstadt als Spezialgruppe Teil einer konventionellen Kita ist, ist sie in dieser Datei nicht erfasst.
Wer hat die Waldkita-Idee nach Grünstadt gebracht?
Markus Schubert ist Leiter der Kita Pfalzkitz, der die Waldkita-Gruppe zugeordnet ist. Einmal wöchentlich gehört er auch zur Erzieher-Riege, die sich vor Ort um die Wald-Kinder kümmert. Er sagt: Er hat die Idee schon vor Jahren in die Debatte eingebracht, weil ihm als Ex-Pfadfinder das Konzept gefällt. Verwirklicht hat die Stadt seinen Traum unter anderem, weil sie dringend zusätzliche Plätze bereitstellen musste und das mit dem Waldkita-Modell recht schnell geht.
Ist die Waldkita-Gruppe jetzt nur eine Notlösung für Familien, die anders keinen Platz für ihre Kinder bekommen hätten?
Schubert sagt: Die 25 Plätze sind alle belegt, es gibt eine Warteliste. Die Eltern sämtlicher Kinder hätten sich bewusst für das Waldkita-Konzept entschieden. Eine Familie sei deshalb sogar extra nach Grünstadt gezogen.
Müssen die Kinder besondere Bedingungen erfüllen, um in die Waldkita aufgenommen zu werden?
Waldkita-Kinder müssen mindestens drei Jahre alt sein und die Windelphase hinter sich gelassen haben. Wer noch nicht so weit ist, wird einstweilen in den konventionellen Kindergarten aufgenommen. Weitergehende Bedingungen gibt es nicht. So werden zum Beispiel keine Extra-Impfungen verlangt – obwohl die Kinder wohl häufiger als andere von Zecken gebissen werden und eine FSME-Impfung daher nach Schuberts Einschätzung durchaus sinnvoll wäre.
Sind die Kinder tatsächlich den ganzen Tag unterwegs?
Die Grünstadter Waldkita-Gruppe bietet eine Sieben-Stunden-Betreuung. Während der Bring- und Abholzeiten von 8 bis 9 sowie von 14 bis 15 Uhr sind die Kinder in ihrem Stützpunkt am Rand des Stadtparks, wo für sie zwei Bauwagen in einem umzäunten Außengelände stehen. Die übrige Zeit haben sie Schubert zufolge bislang tatsächlich fast nur in der Natur verbracht. In ihre Unterkunft ausweichen werden sie aber immer, wenn Gefahr droht: etwa durch Gewitter, Sturm oder bei großer Kälte. Inwieweit sie den Schutz auch zum Beispiel bei unangenehmem Nieselregen nutzen, müsse sich in den kommenden Monaten zeigen: „Das wird sich einspielen.“
Wo gehen die Kinder aufs Klo?
In manchen Waldkindergärten gibt es dafür keinerlei Vorkehrungen: Die Notdurft muss in der Natur verrichtet, der Stuhl dort eben verscharrt werden. Grünstadt bietet den Kindern etwas mehr Komfort. In beiden Bauwagen befindet sich je eine Klokabine, die an Wasser- und Abwasserleitungen angeschlossen ist. Die WC-Schüsseln haben die normale Größe, können daher auch von den Erziehern genutzt werden. Für die Kinder gibt es eine Aufstiegs-Plattform. Wenn sie tagsüber unterwegs sind, erleichtern sie sich gleichwohl im Park. Schubert sagt: Das „große Geschäft“ fällt dabei nur selten an. „Die Kinder können sich darauf schon einstellen. Und sie merken schnell, dass das im Bauwagen bequemer geht.“
Was gibt’s noch in den Bauwagen?
Beide Bauwagen sind mit Garderoben, kleinen Tischen und Sitzmöbeln ausgestattet. Der eine dient den Erziehern zudem bei Bedarf als Besprechungsraum, dort gibt es auch eine Teeküche. Im anderen ist am hinteren Ende eine Zwischendecke eingezogen. Drüber und drunter haben die Kinder somit eine Art Rückzucks-Höhle.
Wie werden die Kinder mit Essen versorgt?
Im konventionellen Kindergarten-Betrieb bekommen die Kinder eine warme Mittagsmahlzeit, in der Waldkita müssen ihnen ihre Eltern etwas mitgeben. Schubert berichtet: „Viele bringen ihr Essen in Warmhalte-Dosen mit, das funktioniert ganz gut.“ Lachend ergänzt er: „Die Frage ist nur, ob die Kinder das dann tatsächlich erst mittags essen.“
Wie haben Kinder und Erzieher die frühsommerliche Hitzewelle überstanden?
Während die Stadt ihre konventionellen Kindergärten nach und nach mit Klimaanlagen ausstattet, war es im Stadtpark vergleichsweise angenehm. Schubert sagt: „Wir waren hier ständig im Halbschatten, und außerdem geht hier oben auf dem Berg fast immer ein leichter Wind.“
Werden die Bauwagen beheizt?
Schubert berichtet: „Ja, wir haben sehr effiziente Infrarotheizungen verbaut, die von der Decke runterstrahlen.“ Welche Temperatur dann im Bauwagen herrschen soll, ist noch offen. „Das wird auch variieren, je nachdem, was die Wetterlage hergibt, und ob wir den Tag drinnen verbringen oder uns nur kurz aufwärmen.“
Sind die Kinder im Wald genauso sicher wie in einem konventionellen Kindergarten?
Wenn sich Kindergartenkinder außerhalb eines eingezäunten Geländes bewegen, bedeutet das automatisch mehr Risiken. Um das auszugleichen, gibt’s in einer Waldkita mehr Erzieher pro Gruppe als in einer konventionellen Einrichtung.
Lernen die Kinder in einem Waldkindergarten alles, was sie später für den Wechsel in die Schule brauchen?
Schubert sagt: Motorik und Selbstständigkeit werden in einer Waldkita wohl besser gefördert als in konventionellen Einrichtungen. Und naturkundliches Wissen bekämen die Kinder ganz automatisch. Aber auch andere Fähigkeiten ließen sich unter freiem Himmel ebenso gut vermitteln wie in einem Gebäude, das Zählen etwa könne man schließlich auch mit Stöckchen oder Tannenzapfen üben. „Die Natur bietet uns alle Lernmittel, die wir brauchen.“
Was kostet die Waldkita?
Nach Angaben der Stadtverwaltung sind Startkosten – etwa für den Bauwagen-Kauf und die Leitungsanschlüsse – von mehr als 350.000 Euro angefallen. Vom Land bekommt Grünstadt dafür gut 200.000 Euro Förderung, der Kreis steuert knapp 40.000 Euro bei. Die laufenden Kosten etwa für Reparaturen muss die Stadt dann alleine tragen. Sie rechnet mit etwa 40.000 Euro jährlich.
Und was macht der Hund in der Waldkita?
Eine der Erzieherinnen ist Hundehalterin, bringt „Snickers“ immer mit zur Arbeit. Der Vierbeiner ist für den Umgang mit Kindern extra trainiert, kommt in der Betreuung auch aktiv zum Einsatz: etwa, indem die Kinder in einem Spiel für ihn Leckerli ergattern und so nebenbei das Zählen üben.