Leiningerland
Tradition im Wandel: Zweite Weingräfin in Folge nicht aus Winzerfamilie
Zehn Weindörfer gibt es im Leiningerland und sie alle verbindet die Weingräfin. Die wird nun zum zweiten Mal in Folge aus Sausenheim stammen. Nach Madeleine Heitz, deren Amtszeit in wenigen Wochen endet, folgt Lotte Heiner, ebenfalls aus dem südlichen Grünstadter Teilort. Und die beiden haben noch eine Gemeinsamkeit: Sie sind keine Winzertöchter. Heitz hatte vor ihrer Amtszeit gar keine beruflichen Berührungspunkte mit Wein, Heiner studiert Internationale Weinwirtschaft in Geisenheim – ein Unterschied. Eine dritte Gemeinsamkeit eint die beiden Frauen dennoch: Sie haben die Bauern- und Winzerschaft Grünstadt-Sausenheim-Burgenland hinter sich.
„Weingräfinnen können Wein entmystifizieren“
Dass beide Frauen keine Weingutszöglinge sind, hält Mitglied und Winzer Johannes Nippgen sogar für einen Vorteil. Der Neuleininger Ortsbürgermeister sieht darin die Möglichkeit, auch anderen branchenfremden Menschen den Wein näher zu bringen. „Die Weingräfinnen können den Wein entmystifizieren“, sagt er. Darüber hinaus sei die Bauern- und Winzerschaft froh, dass sich überhaupt Frauen um das Amt bewerben, sagt Christoph Siebert, der mit seinem Bruder Johannes das Weingut Schenk-Siebert in Sausenheim führt: „Die Interessen haben sich verschoben. Es ist ja ein Ehrenamt, das ist zeitlich sehr fordernd.“
Deshalb sei es inzwischen schwieriger geworden, Kandidatinnen zu finden. „Vor 20 Jahren waren es fünf bis sechs Bewerberinnen, heute noch ein bis zwei“, fügt er an. Bei der pfälzischen Weinkönigin, ergänzt Sieberts Vater Gerhard Siebert, sei es ebenfalls schwieriger geworden, Nachfolger zu finden. Und das sei wichtig, auch im Norden der Mittelhaardt, sagt sein Sohn: „Es geht um die Repräsentation der Stadt und des Leiningerlands.“
Bodenständigkeit soll Hemmungen nehmen
Diese Aufgabe nimmt Madeleine Heitz bereits seit Sommer vergangenes Jahr wahr. Inzwischen kenne sie sich besser mit Wein aus, wie sie sagt. Auch sie sieht den Vorteil, Menschen anders erreichen zu können. „Ich kann frei Schnauze sagen, es schmeckt gut. Wenn jemand sagt, Wein schmecke nach Litschi, aber das Gegenüber hat noch nie Litschi probiert, kann er damit ja nichts anfangen“, sagt sie. Deshalb sei eine niedrigschwelligere Herangehensweise hilfreich.
Solche Gespräche ergäben sich auf Weinfesten oder bei Terminen, bei denen sie Grünstadts Bürgermeister Mimmo Scarmato (CDU) begleitet: „Da werde ich immer wieder gefragt, was ich gerne trinke.“ Und das sei überwiegend lieblicher Wein, sagt sie, ohne sich auf eine Sorte festlegen zu wollen. Mit trockenem könne sie nicht so viel anfangen. Darüber hinaus sieht sie in der Rolle als Weingräfin eine Vorbildfunktion für junge Menschen – und ein Zeugnis der Vergangenheit. Denn die Weingräfin, die einzige Hoheit mit diesem Titel, erinnert an Gräfin Eva, die die Burg Neuleiningen vor dem Bauernkrieg geschützt hat.
Was sie noch anstoßen möchte, bevor ihre Amtszeit im Sommer endet: mehr Messen besuchen und nicht immer nur dieselben Rahmentermine wahrnehmen. Denn dadurch könne der Wein des Leiningerlands noch stärker über die regionalen Grenzen hinaus präsentiert werden, was er durchaus verdient habe. „Ich versuche, da mehr Abwechslung reinzukriegen“, sagt sie.
Bewusstsein für Tradition fördern
Lotte Heiner wird nach Heitz den Wein des Leiningerlands als Weingräfin repräsentieren. Durch ihr Studium hat sie bereits Wissen angehäuft, auch wenn sie nicht aus einem Betrieb stammt. „Ich denke, das hilft schon, weil man ein breiteres Verständnis vom Wein hat und die Arbeitsschritte bei der Produktion kennt“, sagt die Weinbau-Studentin. Sie sei überhaupt erst dadurch auf die Idee gekommen, sich als Weingräfin zu bewerben. Ihre Kommilitoninnen, die selbst Weinhoheit waren, hätten sie bestärkt, weil das Amt hilfreich sei, ein Netzwerk aufzubauen.
Den Trend hin zu weniger Alkoholkonsum nimmt sie quer durch alle Altersstufen wahr. Ihr gehe es allerdings vor allem darum, ein Bewusstsein für die Tradition des Weins in der Region zu schaffen: „Es gibt ihn nicht überall in Deutschland. Man muss sich bewusstmachen, dass man in einer Weinregion groß wird.“ Ihre Aufgabe sieht sie deshalb darin, Transparenz für die Produktion zu schaffen und dafür, wie viel Arbeit in einer Flasche steckt. Dass sie nicht aus einem Weingut stammt, habe allerdings wenig Einfluss auf das Amt, „solange man mit Freude und Engagement rangeht“. Nur der logistische Aufwand sei größer, beispielsweise beim Weinfest in Grünstadt, wo der Stand der Weingräfin nun von der Bauern- und Winzerschaft betrieben wird. Darüber hinaus sei es bloß wichtig, sich als Weingräfin in das Thema zu fuchsen und Interesse zu zeigen – und das tue sie bereits jetzt.
