Sparen mit der RHEINPFALZ
Supermärkte retten Lebensmittel – Zu Lasten der Tafel?
Leiningerland. Vermutlich jeder kennt das: Beim Einkaufen stechen bunte Schildchen mit großer Aufschrift ins Auge. „Ich bin noch gut“, „Bitte kauf mich“ oder „Rette mich“ liest man darauf. Diese Produkte steuern auf den Ablauf ihrer Mindesthaltbarkeit zu – und sind dadurch deutlich im Preis reduziert. Aber auch Obst und Gemüse lassen sich günstig ergattern, wenn sie etwa kleine Schönheitsfehler haben. So können beispielsweise die fleckige Banane und der Apfel mit der unebenen Oberfläche noch im Einkaufswagen landen. Die RHEINPFALZ hat sich bei den größten Supermarktketten umgehört, wie bei ihnen Lebensmittel „gerettet“ werden.
Ein Sprecher der Rewe-Group – zu der auch Penny gehört – teilt mit, dass vor allem Frischfleisch und Molkereiprodukte, die das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) in wenigen Tagen erreichen, bis zu 30 Prozent reduziert werden. Bei Molkereiprodukten wie Milch, Joghurt und Sahne der Penny-Eigenmarke werde sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie auch nach ihrem MHD noch verzehrt werden können.
Dazu der Unternehmenssprecher: „Wir wollen damit zeigen, dass ein Lebensmittel mit dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht automatisch weggeworfen werden muss. Denn vielen Kunden ist oftmals nicht bewusst, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht bedeutet, dass ein Produkt einen Tag später nicht mehr genießbar ist – es ist kein Verfallsdatum.“
Obst mit optischen Mängeln im Angebot
Bei Kaufland sinken die Preise ebenfalls bei Produkten, deren MHD näher rückt. Wie eine Sprecherin der Supermarktkette mitteilt, kommt das besonders bei Obst und Gemüse zum Tragen: „Da wir unseren Kunden dieses tagesfrisch anbieten, werden Produkte kurz vor Ladenschluss preisreduziert abverkauft.“ Bereits seit einigen Jahren habe Kaufland zudem dauerhaft Äpfel, Karotten und Kartoffeln von deutschen Landwirten mit optischen Mängeln im Sortiment. Unter dem Namen „Die etwas Anderen“ sind die weniger schönen Produkte für weniger Geld zu haben.
Der Discounter-Riese Lidl verfolgt seit Ende 2020 das hauseigene „Ich bin noch gut“-Konzept, das mittlerweile den Namen „Rette mich“ trägt. Dabei können die Kunden bis zu fünf Kilogramm schwere Rettertüten für einen Festpreis von drei Euro erstehen, die mit Obst und Gemüse gefüllt sind. In sogenannten Retterboxen in den Filialen könnten außerdem vergünstigte Backwaren gefunden werden, so die Auskunft der Lidl-Pressestelle.
Aldi fordert zum Probieren auf
Ein recht ähnliches Konzept kommt bei Globus zum Einsatz. Dort ist die Rede von „Last Minute“-Boxen und -Tüten. „Artikel aus unseren Kühlregalen, die nahe am Mindesthaltbarkeitsdatum liegen, werden unseren Kunden vergünstigt – mindestens zum halben Preis – angeboten“, so Isabella Kettner, Referentin für Nachhaltigkeit.
In den Filialen von Aldi Süd werden aktuell keine Rettertüren angeboten, wie der Discounter auf Nachfrage mitteilt. Allerdings werden etwa Milchprodukte mit dem Hinweis „Riech mich! Probier mich! Ich bin häufig länger gut!“ versehen. Das soll Kunden dazu animieren, ihre Produkte selbst darauf zu prüfen, ob sie noch genießbar sind, anstatt sich ausschließlich auf das MHD zu verlassen.
Rückt dieses Datum bei Lebensmitteln näher, werden die mit einem Aufkleber markiert und der Preis um bis zu 30 Prozent herabgesetzt. Ebenfalls reduziert angeboten werden unter dem Namen „Krumme Dinger“ beispielsweise Äpfel und Karotten, deren Form nicht der Norm entspricht. Das Konzept komme auch bei Wurstwaren zum Einsatz, etwa bei „unperfekten“ Wiener Würstchen.
„Dürfen uns nicht beklagen“
Von den Vertretern aller angefragten Handelsriesen wird betont, wie eng sie schon jahrelang mit den Tafeln und weiteren Hilfsorganisationen zusammenarbeiten, um sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Die RHEINPFALZ hat sich erkundigt, ob die Grünstadter Tafel und die Eisenberger Brücke darunter leiden, dass Produkte kurz vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit und mit Schönheitsfehlern zunehmend stark reduziert angeboten werden.
„Ich kann es nicht genau sagen, aber die Vermutung liegt nahe, dass wir weniger Lebensmittel erhalten“, sagt Barbara Böckmann von der Tafel. Aktuell erhalte man nur geringe Mengen Milchprodukte und insgesamt sei das Angebot derzeit knapp. „Alles, was nicht an uns geht, fehlt uns natürlich“, so Böckmann. Einen Aufnahmestopp für Kunden wie bei anderen Tafeln gebe es zwar nicht, doch sie fürchtet, man könne das Maximum bald erreichen: Es kämen immer mehr Bedürftige, „aber wir können maximal 280 stemmen“.
Dagmar Grünewald von der Eisenberger Brücke ist zufrieden: „Wir würden auch gern mal schon vorgepackte Tüten bekommen, doch wir dürfen uns nicht beklagen.“ In den vergangenen eineinhalb Jahren habe sich die Anzahl der Bedürftigen, die das Angebot der Brücke wahrnehmen, verdoppelt. Darunter seien viele Ukrainer, die vor Russlands Angriffskrieg hierher flohen. „Aktuell können wir aber noch alle versorgen“, betont Grünewald.