Grünstadt
Stuhltest oder Darmspiegelung: Was dieser Pfälzer Chefarzt empfiehlt
Herr Dr. Münke, ist Darmkrebs eine Krankheit, die wir irgendwann ausrotten werden?
Zumindest fast – dank Darmspiegelung und Stuhluntersuchungen. Der überwiegende Teil der Erkrankungen entsteht aus Darmpolypen. Die wachsen langsam und werden erst nach mehreren Jahren bösartig. Wir haben mit der Koloskopie, also der Darmspiegelung, eine gute Chance, die vorher zu finden und noch während der Untersuchung zu entfernen. Damit ist die Weiterentwicklung zum Krebs beendet.
Mal ehrlich: Das Koloskop sieht ja schon fies aus. Ist das der Grund, dass immer noch viel zu wenige Menschen die Vorsorgemöglichkeiten nutzen?
Ja, die sind alle so ängstlich wie Sie (lacht). Natürlich geht es hier auch um eine Körperregion, die schambehaftet ist und die die man nicht so gerne präsentiert. Aber ich habe auch schon meine erste Darmspiegelung hinter mir, und ich kann Ihnen sagen, das ist ein tolles Gefühl, wenn man hinterher weiß, dass man keine Polypen (mehr) hat.
Das glaube ich. Aber was sagen Sie den Leuten, die Angst vor Schmerzen haben?
Für viele ist die Spülung (Anmerkung der Redaktion: Das Trinken des Abführmittels) vorher am Schlimmsten. Von der Untersuchung selbst kriegt der Patient nichts mit, die verschläft er ja.
Aber er kriegt ja keine Vollnarkose?
Nein, aber es ist eine Sedierung, ein extrem tiefer Schlaf. Der Patient atmet also noch selbst, spürt aber keine Schmerzen. Auch das Entfernen von Polypen spürt er nicht, weil die Darmschleimhaut ohne Schmerzempfinden ist. Manchmal werden die Leute nach der Narkose und der Untersuchung wach und fragen, wann es denn losgeht. Sie erholen sich auch ganz schnell von der Sedierung. Nach einer halben Stunde merken sie schon gar nicht mehr, dass sie ein Medikament bekommen haben.
Kann man danach direkt wieder arbeiten?
Nein. Wer eine Darmspiegelung gemacht hat, der hat es auch verdient, danach den ganzen Tag frei zu haben. Auto fahren darf man danach auch nicht.
Was kann schiefgehen?
Es gibt eine geringe Perforationsgefahr, also eine Gefahr, den Darm zu verletzen. Das Risiko ist beim Abtragen eines Polypen höher. Aber die Darmspiegelung wäre niemals zu einer Vorsorgeuntersuchung geworden, wenn der Nutzen nicht höher wäre als das Risiko.
Setzt bei Ihnen ein Jagdinstinkt ein, wenn Sie sich auf die Suche nach Polypen machen?
(lacht) Es löst keine Euphorie bei mir aus, dafür ist das zu sehr Routine.
Sie haben vorhin Stuhluntersuchungen erwähnt. Wer nicht alle zehn Jahre eine Darmspiegelung machen lassen möchte, kann ab einem Alter von 50 stattdessen alle zwei Jahre seinen Stuhl auf Blut untersuchen lassen. Ist das denn genauso effektiv wie die Koloskopie?
Die Darmspiegelung ist wesentlich besser. Bis ein Stuhltest auf Blut positiv reagiert, braucht man schon eine gewisse Größe des Polypen, und der müsste dann auch bluten. Das tun aber nicht alle. Außerdem kann der Stuhltest falsch positiv sein. Der Test kann nicht unterscheiden, ob es sich um harmloses Hämorrhoidenblut oder um Polypenblut handelt. Moderne Tests sind teils empfindlicher oder können genetische Veränderungen nachweisen. Leider sind die neueren Test in den Studien nicht deutlich besser beim Vermeiden von Darmkrebs, und die Kosten werden deshalb auch von den Kassen nicht übernommen. Und wenn einer der Tests positiv ist, folgt sowieso eine Darmspiegelung.
Haben Lebensstil und Ernährung einen Einfluss auf das Darmkrebsrisiko?
Ja. Es gibt Untersuchungen zu Japanern, die in die USA ausgewandert sind und die amerikanischen Ernährungsgewohnheiten, also etwa einen hohen Fleischkonsum, übernommen haben. Deren Darmkrebsrisiko ist gestiegen. Die Empfehlung lautet: Frisches Obst, wenig Fleisch, viele Ballaststoffe und viel Bewegung.
Welche Rolle spielen Alkohol und Zigaretten?
Rauchen und Alkohol erhöhen das Risiko, neben vielen anderen Erkrankungen an Krebs zu erkranken.
Wenn das jetzt jemand liest, der vegan lebt, keinen Alkohol trinkt und Nichtraucher ist, kann der sich zurücklehnen und die Darmspiegelung ausfallen lassen?
Nein. Der hat vielleicht ein etwas geringeres Risiko zu erkranken, aber es ist nicht null. Wichtig ist das Gesamtpaket aus gesundem Lebensstil und Vorsorge.
Ist eine überstandene Darmspiegelung der Freifahrtschein dafür, jeden Tag den Grill anzuschmeißen?
Nein. Eine gesunde Ernährung ist ja für den ganzen Körper gut.
In Deutschland hat ja jeder Versicherte ab 50 die Möglichkeit, sich vom Hausarzt an einen Facharzt überweisen zu lassen, um vorsorglich eine Darmspiegelung zu machen. Aber ist die Koloskopie ab 50 denn überhaupt früh genug?
Die Wahrscheinlichkeit, Polypen zu finden, nimmt mit dem Alter zu. Wenn man zu früh mit der Koloskopie anfängt, ist die Belastung für den Patienten höher als der Nutzen. Wobei man leider sagen muss: Es gibt gelegentlich auch Patienten, die unter 30 sind und Darmkrebs bekommen. Das ist natürlich besonders tragisch, aber Gott sei dank selten.
Sind das dann Patienten mit erhöhtem familiärem Risiko?
Nicht unbedingt. Manchmal tritt Darmkrebs sporadisch auf, und kein Mensch kann sagen, woher das kommt.
Was ist mit Kindern von Darmkrebspatienten? Müssen die schon vor dem 50. Lebensjahr zur Vorsorge gehen?
Die Empfehlung ist, zehn Jahre vor dem ersten Auftreten von Darmkrebs bei den Eltern eine Koloskopie machen zu lassen.
Haben Sie einen Wunsch an die Politik?
Mehr Vermittlung von Wissen um Gesundheit in den Schulen mit Themen wie Ernährung, Sport und Nichtrauchen wären sehr wichtig.
Bei der Prostatakrebsfrüherkennung gibt es ja inzwischen einen modernen Bluttest, den PSA-Test, der das Abtasten obsolet macht. Denken Sie, dass etwas Ähnliches eines Tages auch in der Darmkrebsfrüherkennung möglich sein wird?
Ich weiß nicht, ob es einen Bluttest geben wird, aber ich denke schon, dass sich in Zukunft noch einiges tun wird.
Es gibt ja winzig kleine Kameras zum Schlucken, die auch in der Darmkrebsvorsorge eingesetzt werden können. Was halten Sie von denen?
Für die Darmkrebsvorsorge ist das nichts. Sie wissen ja nie, in welcher Ecke des Dickdarms die landen. Und Proben nehmen können sie auch nicht. Aber die Kapselendoskopie funktioniert im Dünndarm ganz gut. Dafür sind die wirklich toll, zum Beispiel um Blutungsquellen zu finden. Mit normalen Endoskopen ist nur der Anfang und das Ende des Dünndarmes zu erreichen. Die Kapsel schließt diese Lücke.
Wenn es dann doch passiert ist: Was sind typische Darmkrebssymptome?
Gelegentlich Schmerzen, Blut im Stuhl, akut einsetzende Verstopfung. Das sind die spezifischen Symptome. Manchmal sind die Leute aber auch einfach nur blasser durch die Blutarmut oder verlieren Gewicht. Das Tückische am Darmkrebs ist, dass man ihn so lange nicht bemerkt. Wenn man Schmerzen spürt, dann hat er oft schon gestreut.
Gibt es dann trotzdem noch Chancen auf Heilung?
Ja, es gibt heute sehr gute Therapiemöglichkeiten. Für eine Heilung müssen alle Zellen aus dem Körper operativ entfernt werden. In den vergangenen 20 Jahren hat sich aber bei der Chemotherapie enorm viel getan, selbst in den Fällen, wo der Krebs schon gestreut hat. Manche Patienten können noch lange gut damit leben.
Droht allen Darmkrebspatienten ein Stoma, also ein künstlicher Darmausgang?
Nein. Nur wenn der Schließmuskel betroffen ist, muss ein bleibendes Stoma angelegt werden.
Vielleicht finden die Leser Sie jetzt sympathisch und denken: „Darmspiegelung, die mach ich nur beim Münke“. Die müssen Sie enttäuschen, oder?
Für die reine Vorsorgeuntersuchung im kassenärztlichen Bereich haben wir im Krankenhaus keine Zulassung. Ambulante Koloskopien zur Abklärung von Symptomen können wir aber durchführen. Bei Privatversicherten gibt es diese Einschränkung nicht.
Zur Person
Dr. Hans Münke (64) stammt aus Ostfriesland und ist Chefarzt der Inneren Medizin am Kreiskrankenhaus in Grünstadt.