Grünstadt Selbst ist die Frau – oder nicht?

Kira Wolf
Kira Wolf

„Frauen interessieren sich zu wenig für Finanzen“, kritisiert die Grünstadter Gleichstellungsbeauftragte Kira Wolf. Dabei sei es so wichtig, dass sich vor allem Frauen mit dem Thema befassen. Denn: Bei so gut wie all ihren Beratungen geht es um finanzielle Probleme.

Trotz aller Debatten rund um das Thema Gleichberechtigung gilt nach wie vor: Frauen verdienen weniger als Männer, leisten häufiger unbezahlte Mehrarbeit (auch „Fürsorge-Arbeit“ genannt) wie Haushalt und Kindererziehung und sind durch niedrigere Renten öfter von Altersarmut betroffen. Das belegen entsprechende Zahlen, unter anderem vom Statistischen Bundesamt, der Deutschen Rentenversicherung und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Laut Kira Wolf, der Gleichstellungsbeauftragten von Grünstadt und der Verbandsgemeinde Leiningerland, beginnt das Problem häufig schon damit, dass Frauen zu wenig Interesse an Finanzthemen zeigten. So hätten zum Beispiel zwei Kurse zum Thema Finanzen, die sie im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit dem Beratungsdienst Geld und Haushalt angeboten habe, wegen zu wenig Anmeldungen abgesagt werden müssen.

Plötzlich reicht das Geld nicht mehr

„Das ist für mich so deprimierend, weil ich hier so viele Frauen sitzen habe, die eine Finanzberatung dringend nötig hätten“, sagt Wolf. Fast alle Probleme, wegen derer Frauen zu ihr in die Beratung kämen, hätten „direkt oder indirekt mit Geld zu tun“.

Besonders bei Gewalt durch den Partner sei häufig eine starke finanzielle Abhängigkeit der Grund dafür, weshalb die Frau das Gefühl hat, sich nicht aus der Partnerschaft lösen zu können. Hinzu kämen alleinerziehende Frauen oder solche, die sich jahrelang um die Kindererziehung gekümmert haben und nicht arbeiten gegangen sind. „Dann hat sich der Mann getrennt und plötzlich reicht das Geld nicht“, erläutert die Gleichstellungsbeauftragte Beispiele aus der Praxis.

Diese Fälle zeigten, wie wichtig es ist, sich – unabhängig von einem Partner – um seine Finanzen zu kümmern. Wolf empfiehlt daher allen, die bei ihr in die Beratung kommen, unbedingt ihr Finanzwissen aufzubessern, nachdem die akuten Probleme gelöst sind. „Ich stelle immer wieder fest, dass viele Frauen wirklich wenig wissen über Finanzen, selbst in meiner Altersgruppe“, sagt die 29-Jährige. Das liegt laut Wolf aber nicht zwangsläufig nur darin begründet, dass sich Frauen nicht interessieren, sondern auch daran, wie sie aufgewachsen sind. „Es gibt immer noch das Stereotyp, dass Frauen nicht gut mit Zahlen umgehen können und nicht gut in Mathe sind. Finanzen sind immer noch ein Männerbereich“, sagt Wolf.

Sie hoffe, dass diese Stereotype im Laufe der Generationen immer weniger werden und sich auch die Gehälter, der Anteil an unbezahlter Mehrarbeit und Renten weiter angleichen. „So lange Frauen aber weniger Geld haben, weil sie weniger verdienen beziehungsweise mehr Fürsorge-Arbeit leisten, ist es umso wichtiger, dass sie wissen, wie man mit Geld umgeht und wie man es anlegen kann“, betont die studierte Sozialwissenschaftlerin.

Insbesondere, wenn nicht so viel Geld da sei oder man sich beispielsweise nach einer Trennung an einen niedrigeren Lebensstandard gewöhnen müsse, sei es ganz wichtig zu wissen: „Wie plane ich mein Budget richtig ein? Und wie mache ich es vielleicht auch zu mehr Geld, auch wenn es nicht viel ist?“, erläutert Wolf.

Investment-Bereich von Männern dominiert

Gerade der Investment-Bereich sei aktuell noch stark von Männern dominiert. Das bestätigen auch die Zahlen des Deutschen Aktieninstituts. Laut dessen Angaben sind nur ein gutes Drittel der 12 Millionen Menschen, die im vergangenen Jahr in Aktien investiert haben, weiblich.

Das liege zum einen daran, dass Frauen weniger zum Investieren hätten, aber hänge häufig auch mit mangelnden Fachkenntnissen zusammen oder daran, dass sich Frauen schlichtweg nicht an das Thema herantrauen.

Ein mangelndes Selbstbewusstsein sei auch häufig der Grund dafür, warum Frauen in ähnlichen Jobs meist schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. Denn: „Frauen sind bei Gehaltsverhandlungen viel zurückhaltender und trauen sich viel weniger zu. Männer preschen da viel mehr vor. Frauen stapeln eher zu niedrig“, sagt Wolf.

Kurse zum Thema sollen helfen

Aus diesem Grund bieten die Gleichstellungsstellen in Grünstadt und Neustadt einen Online-Kurs zu Gehaltsverhandlungen am 13. September um 18.30 Uhr an. Interessierte können sich per E-Mail an kira.wolf@gruenstadt.de oder unter der Telefonnummer 06359 805 104 anmelden. Der Kurs ist der Auftakt der Veranstaltungsreihe „Frau-Arbeit-Geld“, bei der verschiedene Gleichstellungsbeauftragte aus der Umgebung mit dem Arbeitskreis für Frauen und Mädchen am Arbeitsmarkt kooperieren. Es sind weitere Online-Kurse zu Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Budgetplanung geplant, alles auf der Webseite der Stadt einsehbar. Im Frühjahr 2023 wird Wolf auch noch einmal einen Versuch starten, einen Finanzkurs anzubieten, in der Hoffnung, dass sich dann mehr Frauen dafür anmelden.

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