Grünstadt Selbst Fußmatten können Barrieren sein

Rollator fahren und ein Schörlchen genießen, das schließt sich nicht aus, weder für die Senioren noch für den Fahrlehrer. Doch ansonsten hat der Kurs „Rollator-Führerschein“ durchaus ernste Hintergründe. Rund um den Tisch im Mertesheimer Dorfgemeinschaftshaus sitzt die örtliche Seniorengruppe, die von Hannelore Raudzus regelmäßig eingeladen wird. Zwei Männer, der Rest sind Frauen, sind gekommen, um einen Schritt zur Sicherung der eigenen Selbstständigkeit zu tun.

Los geht es mit der Theorie. Jürgen Kempf, Verkehrserzieher bei der Polizei in Grünstadt, gibt Tipps, zeigt ein spezielles Gerät, das bei Unfällen mit Autos zum Zerschneiden der Gurte und zum Zertrümmern der Scheiben dient. Sind Senioren bei einem Unfall Bei- oder Mitfahrer, sollten sie sich so schnell wie möglich hinter die Leitplanken begeben, erklärt Kempf, der auch auf die noch recht neue Warnwestenpflicht für alle Fahrzeuginsassen hinweist. Dann übernimmt Hugo Ritter von der Verkehrswacht. Bis zu seiner Pensionierung war er Verkehrserzieher bei der Polizei, heute übernimmt er die Kurse ehrenamtlich. Zunächst geht es um den Umgang mit der Gehhilfe: Da gibt es faltbare Modelle, starre Ausführungen, welche, die im Sanitätshaus verkauft werden, mit Kundendienst, andere aus dem Discounter, die bei Schäden oft nur schwer zu reparieren sind. Grundlagen, die einfach dazugehören, und zu denen die Senioren auch ihre ersten Anmerkungen machen. „Wissen sie eigentlich, dass für den Rollator wie beim Auto ein zulässiges Gesamtgewicht gilt?“, fragt Ritter. 135 Kilo gibt das Gesetz vor, dabei zählt das Gewicht des Nutzers und alles, was sonst mitgeführt wird, zusammen mit dem Eigengewicht des Rollators. Bremsen kontrollieren, Griffe richtig einstellen – vieles was Ritter erzählt, scheint selbstverständlich. Dennoch sind die Senioren im Raum ganz Ohr. Sie scheinen alle zu wissen, um was es geht. Da Rollatoren auch als Sitzgelegenheit zum Ausruhen dienen können, gibt es weitere Gefahren, beispielsweise wenn die Bremse nicht angezogen wird, wenn der Boden nicht eben oder zu glatt ist. Selbst das richtige Parken der Rollatoren wird angesprochen: Sie sollten so abgestellt werden, dass sie für andere Nutzer der Gehhilfen keine Hindernisse darstellen. „Wir haben Tests durchgeführt, Orte untersucht, vieles im Umgang mit dem Rollator selbst ausprobiert“, erzählt Ritter, der die Senioren auch zu ihren Erfahrungen im eigenen Wohnort befragt. Hier kommt dann auch Ortsbürgermeisterin Doris Nitzsche ins Gespräch mit den älteren Mitbürgern. Die Senioren berichten von Schwierigkeiten mit dem Rollator im Bereich Holzweg an der Einmündung der Bahnhofstraße, am Lindenbaum, beklagen, dass die Hauptstraße zugeparkt ist, und sie mit den Gehhilfen auf die Straße ausweichen müssen. Auch der Ausgang vom Rathaus auf die Hauptstraße sei schwierig zu bewältigen. Nitzsche verspricht, dass der Gemeinderat in seiner nächsten Sitzung diese Stellen bei einer bereits geplanten Ortsbegehung ebenfalls in Augenschein nehmen werde. „Dort, wo Senioren Probleme mit Rollatoren haben, sind auch Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kinderwagen mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert“, so die Ortsbürgermeisterin. Dann geht es endlich zur praktischen Fahrstunde in die Halle. Ritter hat einen Parcours aufgebaut. Selbst Fußmatten können Barrieren bilden. Er zeigt, wie mit Hilfe der Bremsen Kurven gefahren werden können, wie mit dem Rollator auf engstem Raum gewendet werden kann. Fragen werden geklärt, Senioren zeigen, welche Kniffe sie entwickelt haben, wenn es etwa über die Bordsteinkante gehen muss. Margot Scholl (79) braucht zwar noch keinen Rollator, dreht aber dennoch eine Runde. „Es hat mich interessiert, ich wollte wissen, wie es funktioniert. Ich dachte, es würde sich schwerer fahren“, so Scholl, die hofft, noch lange ohne Rollator klar zu kommen. Insgesamt findet sie die Gehhilfe allerdings recht praktisch. Lucia Herrmann hat schon seit fünf Jahren ihren Rollator. „Ich laufe alle Tage damit. Das mit der Kipphilfe war für mich neu, das hab ich bei meinen Geräten nicht“, erzählt sie. Außer dem Rollator, mit dem sie ins Dorfgemeinschaftshaus gekommen ist, hat sie einen zweiten noch im Auto. „Sonntags bin ich gern in der Stadt mit dem Rollator unterwegs. Mal in Grünstadt in der Fußgängerzone oder in Eisenberg“, berichtet sie. Der Rollator ist bei Ausflügen ihr ständiger Begleiter und sorgt so dafür, dass die Seniorin noch aktiv unterwegs sein kann. (jös)