Grünstadt
Raiffeisen schließt Pfälzer Landmaschinen-Werkstatt: Winzer empört
Traubenvollernter sind Wunderwerke der Landwirtschaftstechnik: für die Winzer längst unverzichtbar, aber hochkomplex und schon allein deshalb auch oft kaputt. Außerdem sind sie während der Lese-Zeit ungefähr vier Wochen lang jeden Tag für 18 bis 19 Stunden im Einsatz, berichtet Christoph Siebert. Entsprechend hoch ist der Verschleiß, der Vorsitzende der Bauern- und Winzerschaft Grünstadt-Sausenheim-Burgenland sagt: „Da ist es ganz normal, wenn einmal pro Woche eine Reparatur anfällt.“
Mit den Kunden vertraut
Die allerdings muss dann schnell erledigt werden, für die Winzer zählt jede Stunde. Bislang standen für sie in der Grünstadter Brückenstraße zuverlässige Retter in der Not bereit: Statt halbe Tage lang auf mobile Technikteams zu warten, konnten die Landwirte mit ihren Maschinen schnell ins RWZ-Agrartechnikzentrum fahren. Dort gibt es versierte Fachleute, die auf die speziellen Weinbau-Geräte spezialisiert sind und zum Beispiel auch um die Eigenheiten der wingerttauglichen Schmalspur-Schlepper wissen.
Außerdem sind sie mit ihren Kunden vertraut, Siebert sagt: Die RWZ-Techniker kennen die Betriebe in der Region, deren Abläufe und den jeweiligen Maschinenpark. Doch damit ist bald Schluss. Die Kölner Zentrale des Unternehmens aus der Raiffeisen-Familie hat am 17. Februar Briefe an die Kunden verschickt, in denen mit freundlichen Grüßen der Geschäftsleitung steht: Die Grünstadter Niederlassung mit Werkstatt- und Ersatzteilservice sowie Neu- und Gebrauchtmaschinenverkauf wird Ende März dichtgemacht.
Umsatz um die Hälfte geschrumpft
Eine Firmensprecherin erläutert auf RHEINPFALZ-Nachfrage: Die Umsätze seien seit 2022 um die Hälfte geschrumpft, dazu kämen Auslastungsprobleme und Fachkräftemangel. Außerdem gebe es im Umkreis weitere, deutlich modernere Filialen. In Grünstadt hingegen sei mittlerweile ein „Investitionsstau in Millionenhöhe“ aufgelaufen. Von 13 dort bislang beschäftigten Personen würden nun voraussichtlich sechs an andere Standorte wechseln, mit sieben weiteren „erarbeiten wir aktuell individuelle Lösungen“.
Den bisherigen Kunden wiederum empfiehlt das Unternehmen die rheinhessischen Niederlassungen in Gundersheim und Saulheim sowie die Standorte in Mutterstadt und Herxheim bei Landau. Außerdem sollen sie einen mobilen Werkstatt- und Ersatzteilnotdienst anfordern können. Was er davon hält, hat Bauern- und Winzerchef Siebert in einen Protestbrief an die RWZ-Zentrale geschrieben: Die verbleibenden Niederlassungen seien zu weit weg, die Entfernungen „nicht akzeptabel“.
RWZ-Sprecherin will besänftigen
Ein mobiler Reparaturservice wiederum sei „keine gleichwertige Alternative zu einem vollwertigen Standort mit Ersatzteillager, Werkstattinfrastruktur und dauerhaft präsenter Fachkompetenz. Er kann unterstützend wirken, ersetzt jedoch keine funktionierende Niederlassung“. Doch vor allem ärgert sich Siebert darüber, wie RWZ nach mehr als 70 Jahren Präsenz in Grünstadt über die Schließungspläne informiert hat: Das war viel zu kurzfristig, schimpft der Sausenheimer – und viel zu vage.
Schließlich gehe es in der Landwirtschaft derzeit schon wieder so richtig mit der Arbeit los. Doch trotz der Hinweise im Schreiben wüssten Bauern und Winzer nun nicht, auf was genau sie sich im Fall eines Geräte-Defekts einstellen müssten. Die Firmensprecherin versucht derweil, Unmut zu dämpfen: „Unser Engagement für die regionale Landwirtschaft und den Weinbau ist selbstverständlich ungebrochen und wir werden den Beweis antreten, dass jeder Kunde informiert, gehört und weiterhin erstklassig betreut wird.“
Kunden wollen abspringen
Doch auf diesen Beweis werden offenbar nicht alle Betroffenen warten. Siebert sagt: Einige Kollegen haben sich schon neue Anlaufstellen gesucht. Schließlich gebe es in Grünstadt noch eine kleinere Agrartechnik-Werkstatt, die wohl einen Teil der bisherigen RWZ-Kunden aufnehmen werde. Und in Neustadt gebe es eine größere Firma, die Wunderwerke der Landwirtschaftstechnik ebenfalls reparieren kann.
