Altleiningen
Pfälzer Weideauftrieb: Eine Kuh springt vor Freude durch den Zaun
Um 10.30 Uhr soll sie starten – die Premiere des Weideauftriebs auf dem Kleinsägmühlerhof in Altleiningen. Doch der Zustrom derjenigen, die sich das Spektakel des integrativen Öko-Betriebs der Lebenshilfe Bad Dürkheim anschauen wollen, reißt nicht ab. Juniorchef Matthias Danner persönlich spielt – sein jüngstes Kind im Tragetuch vor dem Bauch – den Parkplatz-Einweiser. Auf die Frage, ob er mit so einem Andrang gerechnet habe, sagt der 34-Jährige ebenso selbstbewusst wie knapp: „Ja.“
Danner hat zusammen mit Sarah Schönung die Idee zu diesem Event entwickelt. Die Landwirtin, die 2021 ein Praxissemester auf dem Hof absolviert hat, ist seit Mai 2024 dort fest angestellt. Sie kümmert sich vornehmlich um die rund 110 Rinder. 45 von ihnen sind Milchkühe, und die sind die Protagonisten der Veranstaltung an diesem Tag. Seit November hielten sie sich ausschließlich im Laufstall auf. Dieser verfügt zwar gemäß EU-Öko-Verordnung über Auslauf im Innen- und Außenbereich. Aber in Altleiningen sind die Kühe zusätzlich vom Frühling bis zum Herbst auf der Wiese. Inzwischen herrscht im Öko-Bereich sogar eine Weidepflicht. Biobauern, die keine Grasflächen direkt am Hof haben, geraten dadurch massiv unter Druck.
Weidepflicht wird kritisch gesehen
Der Kleinsägmühlerhof nicht. Er bewirtschaftet allein 70 Hektar Grünland, ein Teil grenzt an das Betriebsgelände. Dennoch sieht Seniorchef Richard Danner die neue Vorschrift vor dem Hintergrund des Klimawandels kritisch. „Immer häufiger haben wir Sommer, in denen es monatelang nicht regnet, und wir müssten auf der Weide zufüttern“, erklärt er. Das wäre allerdings ungut, weil sich dann der Dung auf einer kleinen Fläche konzentrieren würde, was dem Boden schade.
Eine Trift führt vom Stall zur Weide. Sie überquert einen Wanderweg, der von der K31 in den Pfälzerwald führt. Soll das Nutzvieh dort entlanggetrieben werden, ist der Zugang vorübergehend durch dicke Holzstämme zu blockieren. Die Sperrung vorzunehmen, gehört zu den Lieblingsaufgaben von Andy, einem der 40 Beschäftigten mit Handicap. Schönung gibt ihm den Arbeitsauftrag und bittet einen ehemaligen Freiwilligendienstler, Andy zu unterstützen.
Die Spannung erhöht sich
Derweil herrscht viel Leben auf dem Hof, wo Strohballen zum Sitzen zwischen den Stehtischen liegen. Es duftet nach Gulasch- und Kartoffelsuppe sowie nach Waffeln. Im Hofladen ist eine lange Schlange vor der Kasse. Zahlreiche Familien spazieren in Richtung Weide, alle auf der Suche nach dem besten Platz, um die Kühe zu beobachten. Niki, ein betreuter Mitarbeiter der ersten Stunde, passt auf, dass alles geordnet abläuft.
Inzwischen ist es 10.50 Uhr. Die Spannung steigt. Wann es endlich losgeht, fragen sich nicht nur die Kinder, die erwartungsvoll mit Mama, Papa und Hund am Elektrozaun stehen. Gegen 11 Uhr gibt Schönung den Startschuss und man hört ein entferntes Muhen, das kontinuierlich näher kommt. Und dann sieht man die Tiere auch schon die Trift hinuntersausen. Sie galoppieren, einige springen regelrecht den Weg hinunter.
Auch nachts auf der Weide?
Sie freuen sich offensichtlich, gleich frische Wiese unter den Hufen zu haben. Eine Kuh ist zu stürmisch und rennt einen Zaun um. Sofort sind etliche Mitarbeiter und Helfer zur Stelle, haben die Lage schnell im Griff. Schönung erzählt mit Blick auf die aktuell explodierende Vegetation, dass sie das Vieh gern 14 Tage zur Probe auch über Nacht auf der Weide lassen würde. Zu klären sei, wie lange ausreichend Grashalme und Blumen vorhanden sind, sodass die Tiere auch satt werden. „Ebenso ist zu testen, ob das in den Betriebsablauf passt, denn diese Änderung bedeutet Mehraufwand“, erläutert die Landwirtin.
So müssten die Kühe vor 6 Uhr zum Melkstand im Stall getrieben werden und nachmittags noch einmal sowie danach wieder aufs Grünland. Kälbchen dürften erst mit sechs bis neun Monaten auf die Weide, damit sie nicht unter Mangelernährung litten, so die Fachfrau. Die älteren Rinder, die keine Milchkühe sind, bleiben über Nacht draußen. Sie sollen in wenigen Tagen in Kleingruppen unter anderem nach Höningen und Battenberg gebracht werden.