Grünstadt
Pfälzer Tiertafel: Immer stärker benötigt – und ausgenutzt
Wenn sich finanzielle Verhältnisse durch Erkrankung, Arbeitslosigkeit oder sonstige Schicksalsschläge dramatisch verschlechtern, gerät so manches Haustier in Not. Oft bleibt dem Halter nur, es wegzugeben, bestenfalls zu Freunden oder Verwandten, mitunter jedoch ins Tierheim. Der eine oder andere Vierbeiner wird auch einfach ausgesetzt. Um das zu verhindern, hatte sich 2018 in Grünstadt der gemeinnützige Verein Tierfreunde Helfende Hände gegründet und Ende November desselben Jahres in Sausenheim eine Tiertafel eröffnet. Eine zunehmend wichtige Institution.
Denn die Anzahl der bedürftigen Katzen- und Hundehalter steigt. Als die Tiertafel in der Alten Schule aufmachte, kamen an den Ausgabetagen regelmäßig zwischen zwölf und 20 Menschen vorbei, um für ihre vierbeinigen Hausgenossen kostenlos Futter und Zubehör abzuholen. Da das Domizil im oberen Stockwerk nicht barrierefrei war, das Hinaufschleppen der Ware für die Mitarbeiter ebenso mühsam war wie der Besuch für manchen mobilitätseingeschränkten Kunden, zog die Einrichtung rund zwölf Monate später um. Sie sitzt seither in der Jakobstraße, Eingang Östlicher Graben gegenüber der Stadtmission. Nach der Corona-Pandemie hatte die Tiertafel schon 40 bis 45 Haushalte zu versorgen.
Regelmäßig auch in Worms
„Heute sind es 104 Halter, darunter 60 Katzenbesitzer“, berichtet Thomas Hinderle, seit April der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, der seit 2022 ein zweites Standbein in Worms hat. Allerdings nicht in einer Immobilie, sondern in einem Pavillon, der einmal monatlich vor dem Sozialkaufhaus Am Wolfsgraben aufgestellt wird. „Wir haben lange erfolglos nach einem Gebäude gesucht, und einen Seecontainer kriegen wir nicht“, erläutert der gelernte Stuckateur, der heute einen Schrotthandel betreibt und auch Entrümpelungen macht.
Vor Kurzem aber wurde der Grünstadter Standort erweitert – als die Räume nebenan, die ein türkischer Sport- und Kulturverein gemietet hatte, frei wurden. „Wir haben die Fläche auf circa 170 Quadratmeter verdoppeln können“, sagt der 53-Jährige. Er freut sich, dass die Eigentümerin keine Miete vom Verein verlangt, ärgert sich aber, dass die Stadt nicht gewillt ist, den Tafel-Mitarbeitern während der Öffnungszeit die Parkplätze vor der Tür gebührenfrei zu überlassen.
Nicht ohne Bedürftigkeitsnachweis
Die sieben ehrenamtlich Mitwirkenden des Vereins mit aktuell 55 Mitgliedern verfügen jetzt auch über eine kleine Küche mit fließendem Wasser, über eine Toilette sowie ein Lager. Dort finden sich unter anderem Hundebetten, -decken und -mäntel, Katzenklos und Streu, Leinen, Spielzeug, Näpfe und Transportboxen jeglicher Größe. Verschenkt wird solches Zubehör einmal monatlich nach Vorlage von Bedürftigkeitsnachweisen. Hinderle erzählt, dass dies mitunter ausgenutzt wird: „Wir hatten einer Frau eine Transportbox mitgegeben und fanden sie dann auf Facebook, wo sie für 80 Euro angeboten wurde.“
Die Ware stamme meist aus Spenden – darunter auch größere und regelmäßige Zuwendungen von Firmen oder aus privater Hand. Leider nutze das mancher aus, um seine Dosen mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum loszuwerden, klagt Hinderle. Andererseits wurde dem Verein nach Auskunft der Vorsitzenden Ulrike Knobloch auch mal ein Kleinbus spendiert. Ihr Stellvertreter weist schmunzelnd auf skurrile Gaben hin, wie zum Beispiel recht teure Hundeföhne. Er selbst steuere einiges aus Haushaltsauflösungen bei. „Wir müssen jedoch auch zukaufen, 2024 haben wir das für rund 3000 Euro getan“, sagt er. Allein an Nass- und Trockenfutter wurden in dem Jahr 2045 Kilogramm ausgegeben. Und das, obwohl die Tafel jeweils maximal vier Tiere pro Haushalt versorgt (nahezu ausschließlich Hunde und Katzen) und denen monatlich lediglich eine Teilverpflegung für 14 Tage gewährt. „Mehr könnten wir uns nicht leisten“, erklärt Hinderle. Außerdem bestehe die Gefahr, dass die kostenfreie Verpflegung zur Selbstverständlichkeit werde.
Vorkasse für Tierarzt-Behandlungen
Tendenzen in diese Richtung seien durchaus zu beobachten. So gebe es Kunden, die viel Geld für Tätowierungen, Zigaretten und Alkohol ausgäben, erzählt er kopfschüttelnd. Man erlebe, dass Leute drei große Hunde bei der Tafel anmelden und sich später herausstellt, dass sie lediglich ein kleines Exemplar oder gar eine Katze besäßen. Der eine oder andere lege sich trotz prekärer Finanzlage weitere Haustiere zu. „Neuanschaffungen versorgen wir aber nicht“, sagt Hinderle. Ebenso wenig akzeptiert werde, wenn unverschämt am Futter herumgenörgelt und Mitarbeiter beleidigt werden. Eine Frau habe einfach eine Behandlung beim Veterinär in Anspruch genommen und sei davon ausgegangen, dass der Verein die Kosten schon übernehmen werde. Der Zweite Vorsitzende stellt klar: „Über notwendige Besuche beim Tierarzt muss vorab mit uns gesprochen werden. Und wir gehen auch nur in Vorleistung, der Kunde hat das in Raten abzuzahlen.“
Kontakt
Tiertafel Grünstadt, Jakobstraße 20 (Eingang Östlicher Graben), geöffnet jeden ersten Samstag im Monat, ab 9 Uhr für Annahme von Spenden, zwischen 10 und 12 Uhr zur Abgabe der Ware. Ansprechpartner: Vorsitzende Ulrike Knobloch, Telefon 0172 6912054, Stellvertreter Thomas Hinderle, Telefon 0152 53108276. Spendenkonto: IBAN DE19 5479 0000 0010 6693 67.