Grünstadt / Großkarlbach RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Telefontrick-Attacke: Neuer Abwimmel-Vorwurf gegen Polizei

Hier landen Anrufer aus dem Leiningerland, wenn sie der Polizei etwas melden wollen: Wachtisch der Inspektion Grünstadt.
Hier landen Anrufer aus dem Leiningerland, wenn sie der Polizei etwas melden wollen: Wachtisch der Inspektion Grünstadt.

Eine weitere Bürgerin aus der Region beklagt: Die Polizei habe sie abblitzen lassen, als sie eine Betrüger-Attacke meldete. So reagiert der Grünstadter Inspektions-Chef.

„Anonym“ steht im Display, als im Spätsommer 2025 bei Inge Schneider das Telefon klingelt. Der Anrufer gibt sich als ihr erwachsener Sohn aus. Doch er spricht weinerlich und kaum vernehmbar. Zu verstehen ist: Er hat jemanden überfahren, reicht den Hörer jetzt an einen Polizisten weiter. Damit folgt das Gespräch dem klassischen Strickmuster eines Telefontrickbetrugs: Gewiefte Gauner bringen Menschen mit erfundenen Schocknachrichten aus der Fassung.

Auf Anzeige verzichtet

Denn die verstörten Opfer sollen Geld oder Wertgegenstände opfern, um ihre Angehörigen aus der vermeintlichen Notlage zu retten. Bei Inge Schneider allerdings blitzen die Kriminellen ab. Sie sagt deutlich hörbar zu ihrem Mann, dass er seinerseits den Sohn auf dem Handy anrufen solle – woraufhin die Gauner auflegen. Danach greift die Großkarlbacherin erneut zum Telefon, sie will die für ihren Wohnort zuständige Polizeiinspektion in Grünstadt über den Fall informieren.

Doch dort fühlt sie sich nicht ernstgenommen. „Wenn es Sie beruhigt, können wir eine Anzeige aufnehmen“: Dieser Satz des Beamten habe sie auf eine Anzeige verzichten lassen – eine Entscheidung, über die sie sich später ärgert. Erinnert hat sie sich an den Vorfall nun, weil ein Ehepaar aus Bad Dürkheim in der RHEINPFALZ von einem ähnlichen Erlebnis berichtet hat. Demnach erzählten Betrüger diesen Senioren bei einem Anruf im Januar, dass ihr Sohn Krebs im Endstadium habe.

Für den Chef kaum vorstellbar

Nur ein teures Medikament könne ihn retten, seine Eltern müssten daher einem Abholer sofort Geld oder Gold übergeben: Auch die Eheleute aus Bad Dürkheim durchschauten das miese Spiel, wandten sich eigenen Angaben zufolge an die Polizei – und hatten den Eindruck, dass die sich für sie nicht interessiert. Angesichts dieser Kritik hat die Dienststelle in der Kurstadt mittlerweile beteuert, dass solche Hinweise durchaus ernstgenommen würden.

Chef der Polizeiinspektion Grünstadt: Thomas Jung.
Chef der Polizeiinspektion Grünstadt: Thomas Jung.

Allerdings lasse sich in der Inspektion trotz „interner Nachbereitung“ nicht mehr nachvollziehen, was genau in diesem Fall passiert sei. Ähnlich geht es dem Grünstadter Polizeichef Thomas Jung nun mit der Folge-Kritik aus Großkarlbach. Er sagt: Es kann zu einem Missverständnis gekommen sein, als Schneider anrief. Aber dass ein Kollege die Frau tatsächlich abwimmeln wollte, könne er sich nicht vorstellen: „Das würde ja an Strafvereitelung im Amt grenzen.“

Daten ruckzuck erfasst

Außerdem sei es für Polizisten kaum noch Aufwand, derartige Vorfälle korrekt aufzunehmen. Schließlich müssten sie die Eckdaten wie Informationen zum Gesprächsverlauf und zur angezeigten Anrufer-Nummer nur in ein digitales Formular eintragen. „Das dauert zwei Minuten.“ Will sagen: Wenn sie aufgewühlte Bürger tatsächlich abblitzen lassen wollten, wäre das für die Beamten zumeist sogar zeitraubender, als wenn sie korrekt handeln und den Hinweis erfassen.

Dass die Inspektion Bürger-Anrufe wegen Telefonbetrügern tatsächlich verarbeitet, belegen Jung zufolge auch Zahlen: Im Januar etwa habe sie 34 derartige Fälle erfasst, im Februar bislang 24. Außerdem versichert er, dass Ermittler die Hinweise sehr wohl nutzen. Zwar gilt: Wenn Betrüger durchschaut werden und das mitbekommen, wird dieser einzelne Anruf nicht mehr auf eine heiße Spur führen. Aber er kann zum Puzzleteil werden, das sich in ein Gesamtbild fügt.

Warnen und Präsenz zeigen

Jung erläutert: Wenn das Landeskriminalamt (LKA) Informationen bündelt und auswertet, können Fälle nach den jeweiligen Eigenheiten sortiert und so zum Beispiel verschiedenen Tätergruppen zugeordnet werden. Unmittelbar aufschlussreich ist es für Ermittler zudem, wenn sich in kurzer Zeit Betrügeranrufe in wenigen Orten ballen. Denn dann lauert irgendwo in der Nähe ein Abholer, der übertölpelten Opfern Geld oder Wertsachen abnehmen soll.

Für die Polizei bedeutet das: Sie veröffentlicht aktuelle Warnhinweise, um die Menschen im betroffenen Gebiet auf die akute Gefahr hinzuweisen. Und sie zeigt Jung zufolge auch mit zusätzlichen Streifenfahrten mehr Präsenz vor Ort. So kann es immerhin gelingen, die Kriminellen abzuschrecken. Und bisweilen können Fahnder sie sogar in eine Falle locken: etwa, indem sie eine fingierte Übergabe einfädeln und so Abholer schnappen.

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