Kirchheim
Nach Antisemitismus-Eklat: So entscheidet Kirchheim über Stolpersteine
Gegen ein Hinweisschild mit Entfernungsangabe zum Internierungslager Gurs, in das am 22. Oktober 1940 auch Juden aus dem Ort deportiert wurden, hatte sich in Kirchheim erheblicher Widerstand geregt. Da es nicht auf öffentlichem Grund aufgestellt werden durfte, erklärte sich schließlich der Winzer Christoph Hammel bereit, dem gelben Pfeil auf seinem Privatgrund einen Platz zu geben. Vergleichbare Hindernisse stehen dem nächsten Projekt der Interessengemeinschaft Jüdisches Kirchheim nicht im Weg.
Die IG beantragte, Stolpersteine für die Opfer des Holocaust zu verlegen. So wie es in anderen Orten, beispielsweise in Dirmstein, Großkarlbach und Grünstadt, längst geschehen ist – insgesamt in mehr als 1860 Kommunen in 31 europäischen Ländern. Das dezentrale Mahnmal, das der Berliner Künstler Gunter Demnig 1996 anfing aufzubauen, ist das weltweit größte seiner Art. Die Quader der Stiftung – Spuren mit den Maßen 96 mal 96 mal 100 Millimeter sind eine europaweit anerkannte Form des niederschwelligen Gedenkens, wie IG-Initiator Arthur Höhn betont.
Sorgfältige Recherche wird überwacht
„Sie werden im öffentlichen Bereich vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz der Opfer niveaugleich im Boden integriert“, erläutert er. Auf jedem Betonwürfel ist eine Messingplatte befestigt, auf die die Namen, Lebensdaten und Schicksale der betroffenen Juden – oder anderer Personen, die von den Nazis verfolgt, verschleppt, vertrieben, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden – eingraviert sind. Dafür seien Richtlinien für die sorgfältige Recherche festgelegt worden, über deren Einhaltung die Stiftung wache, so Höhn.
Für Kirchheim erfüllten bislang die historischen Fakten für acht Juden die strengen Vorgaben. „Vier von ihnen lebten neben der Synagoge in der Hintergasse“, sagt der IG-Sprecher. Die anderen hätten in der Bissersheimer Straße, in der Hollergasse und in der Weinstraße Nord gewohnt. „Die Gesamtanzahl der Stolpersteine könnte sich im Zuge weiterer Nachforschungen erhöhen“, erklärt er. Mit der Finanzierung der Mahnmale, die pro Stück etwa 150 Euro kosten, solle der Haushalt der Ortsgemeinde nicht belastet werden. „Das wird ausschließlich über Spenden erfolgen“, versichert auch Bürgermeister Thomas Dhonau (SPD).
Im Winter könnten die ersten Steine liegen
Lediglich die bautechnische Vor- und Nachbereitung der Denkmal-Standorte wie das Ausschneiden von Asphalt und Entsorgen des Schutts wird die Kommune übernehmen. Auf seiner jüngsten Sitzung folgte der Rat der einstimmig abgegebenen Empfehlung des Ausschusses für Kultur und Öffentlichkeit, den Antrag der IG zu befürworten. Der Grundsatzbeschluss für die Stolpersteinverlegung wurde ebenfalls einmütig gefasst. Nach Genehmigung, Herstellung und Organisation der Verlegung könnten die ersten Stolpersteine laut Höhn im kommenden Winter in den Boden eingelassen werden.
Termin
Die IG Jüdisches Kirchheim wird genauer über das Stolperstein-Projekt informieren: am Freitag, 29. Mai, 19 Uhr, im Seitengebäude des Friederich-Diffiné-Hauses.