Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Leiningerland-Verschandelung oder lukrative Energiequelle: Streit um Windrad

Moderne Windkraftanlagen ragen sehr hoch in den Himmel.
Moderne Windkraftanlagen ragen sehr hoch in den Himmel.

Applaus gibt’s für die Befürworter ebenso wie für die Gegner: Mit welchen Argumenten in Kirchheim um eine neue, bis zu 260 Meter hohe Windkraftanlage gerungen wird.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass einige Zuhörer die Gemeinderatssitzungen in Kirchheim verfolgen. Zuletzt aber wurden im Rathaus die Stühle knapp. Auf der Tagesordnung stand ein Punkt, der offensichtlich sehr viele Leute interessierte: „Vorstellung eines Windenergieprojektes“, über dessen Planungen schon 2020 im Verbandsgemeinderat gesprochen wurde. Wie Ortsbürgermeister Thomas Dhonau (SPD) berichtete, plant die Lambsheimer Firma Gaia die Errichtung von Windrädern. Als mögliche Sonderbaufläche ist ein Areal ausgewiesen, das größtenteils östlich des Gewerbegebietes Rosengartenweg und nördlich der A6 liegt. Aufgrund einzuhaltender Abstände der Anlagen untereinander und zu Gebäuden, Schnellstraßen sowie Stromtrassen sind vier Standorte anvisiert: zwei auf der Gemarkung Obersülzen, einer auf Großkarlbacher Gebiet und einer in Kirchheim vis-à-vis des Aldi-Lagers.

Die modernen Windkraftanlagen werden bei einem senkrecht in den Himmel ragenden Rotorblatt circa 260 Meter messen. In der Nabenhöhe von 170 bis 180 Metern ist laut dem Rheinland-Pfalz-Windatlas eine Windgeschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde zu erwarten. Bei einer Nennleistung von 7,2 Megawatt pro Kraftwerk rechnet die Gaia mbH mit jeweils einem mittleren Stromertrag pro Jahr von rund 13 Millionen Kilowattstunden. „Das entspricht etwa dem Bedarf von 4000 Drei-Personen-Haushalten“, verdeutlichte Dhonau. Er warb für das Projekt, indem er auf den Umweltaspekt, die Energieautarkie und die Einnahmemöglichkeiten verwies.

Viele verschiedene Einnahmemöglichkeiten

Pacht könne Kirchheim zwar nicht kassieren, da im Projektgebiet keine gemeindeeigenen Flurstücke liegen. Aber für die Nutzung der Wege und die Verlegung von Erdkabeln bis zum Netzverknüpfungspunkt gebe es jeweils 1,50 Euro pro laufenden Meter oder eine Pauschale. Auch lasse das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu, dass die Betreiber den anliegenden Kommunen im Umkreis von 2500 Metern bis zu 0,2 Cent pro eingespeister Kilowattstunde Strom bezahlen, um die Akzeptanz für die riesigen Anlagen zu erhöhen. Insgesamt würden von dieser EEG-Beteiligung, die pro Jahr 104.000 Euro entspricht, 16,9 Prozent an Grünstadt gehen und gut 86.424 Euro im Leiningerland auf sieben Ortsgemeinden verteilt. Von diesem Kuchen erhielte Kirchheim alljährlich rund 18 Prozent und damit mehr als 18.700 Euro.

Darüber hinaus flösse Gewerbesteuer. Seit dem 1. Januar 2021 wird sie zu 90 Prozent dort entrichtet, wo der Strom erzeugt wird, nur zehn Prozent gehen in die Sitzgemeinde des Projektierers. Außerdem sind bei Bauvorhaben immer Ausgleichsflächen anzulegen. Welche das sein werden, schlägt ein Gutachter vor. „Es werden aber möglichst kommunale Flächen bevorzugt, für die Gaia dann Pacht entrichten müsste“, erklärte Dhonau. Auch gebe es eine Hiebsunreife-Entschädigung an den Forst, falls Bäume vor dem optimalen Alter für eine wirtschaftliche Ernte gefällt werden müssten, sowie eine Zahlung an die Jagdpächter, die Einschränkungen während der Bauphase kompensieren soll.

Schwarmfinanzierung und Grünstrombonus

Gaia schlägt auch zwei Bürgerbeteiligungsmodelle vor: die Schwarmfinanzierung, eine Investition mit attraktiver Verzinsung und einer mittleren Laufzeit von sieben bis zehn Jahren, und der Grünstrombonus, der zu einer Entlastung im Geldbeutel der Anwohner führt. Die Lambsheimer Firma erwartet nach der Zustimmung in Großkarlbach, Kirchheim und Obersülzen die behördliche Genehmigung des Vorhabens im kommenden Jahr. Dann könnte mit der Errichtung im Folgejahr begonnen werden und der Betriebsstart für die Kraftwerke wäre 2029/30.

Matthias Andres (SPD) begrüßte das Projekt, sofern die anderen betroffenen Gemeinden ihr Okay gäben: „Unsere Windenergieanlage stünde nicht mitten im Ort und die Einnahmen würden unserer klammen Kasse guttun.“ Der Freie Wähler Uwe Neunzling dagegen zeigte sich etwas zurückhaltender: „Das Ganze ist kein konfliktfreies Thema. Vor einer Entscheidung möchten wir es in der Fraktion besprechen.“ Vonseiten der Christdemokraten kamen Ablehnungen. Jörg Mühlmichel meinte: „Wir sind das Tor zum Leiningerland. Da kann ich mir nichts Schlechteres vorstellen als ein Windrad, das die Landschaft verschandelt.“ Dafür erntete er Beifall von etlichen Leuten aus dem Publikum. Applaus gab es auch für den Einwurf von Parteikollege Falk Günther: „Überlegt euch mal, wie hoch 260 Meter sind.“

Natürlich seien die Kraftwerke hässlich, befand Michael Köchling (FWG), „aber wir müssen uns Gedanken machen, woher wir künftig unsere Energie beziehen“. Beigeordneter Frank Kohnle (FWG) wies darauf hin, dass der Gesetzgeber Windparks privilegiert habe und der Bürgermeister plädierte für mehr Unabhängigkeit: „Schaut euch die Weltlage an. Jetzt könnten wir ein bisschen autarker werden.“ Auch hierfür wurde geklatscht.

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