Altleiningen
Kleinsägmühlerhof: Warum der Sohn einen sicheren Job aufgibt
Das Leben auf dem Bauernhof erfordert einen 24/7-Einsatz und hat wenig mit romantischer Idylle zu tun. Schon lange hat sich Agraringenieur Richard Danner Gedanken darüber gemacht, wer seine Nachfolge antreten könnte. Zusammen mit seiner Ehefrau, der Heilpädagogin Maria Burgmaier-Danner, übernahm er im August 1987 die Leitung des Kleinsägmühlerhofs in Altleiningen, einen ehemals konventionellen Betrieb, den die Lebenshilfe Bad Dürkheim zwei Jahre zuvor gekauft hatte. Zu Beginn hatten die beiden sieben oder acht Mitarbeiter mit und ohne Behinderung. Heute sind es rund 70 Beschäftigte in Voll- und Teilzeit beziehungsweise im Ehrenamt, darunter circa 40 mit Handicap.
Im Frühling 2017 kündigte plötzlich Danners mittlerer Sohn Matthias an, dass er dorthin zurückkomme, wo er aufgewachsen ist und den Biohof der Lebenshilfe Bad Dürkheim weiterführen wolle. Zurückhaltend-nüchtern habe er reagiert, erinnert sich Richard Danner. Erst einmal abwarten, so seine Devise. Schließlich wäre es zu schön, um wahr zu sein. Seine Tochter Hannah und sein jüngster Sohn Thomas sind ja beruflich auch ganz andere Wege gegangen. Der damals 26-jährige Matthias hatte als Maschinenbau-Ingenieur einen sicheren Arbeitsplatz. Wollte er den wirklich aufgeben?
Anders als im klassischen Familienbetrieb
Aber die Zweifel waren unberechtigt, sein Sohn meinte es ernst. „Jeder verbringt viel Lebenszeit im Job. Dann sollte das auch etwas sinnstiftendes sein, etwas, das eine Erfüllung ist“, erklärt der Junior seine Überlegungen. „Ich war drei Jahre in einem Unternehmen in Mannheim und hab mich gefragt, ob ich das wirklich noch 40 Jahre lang machen möchte. Ein Beruf sollte identifizierend sein“, führt er weiter aus. Druck, diesen Schritt machen zu müssen, habe er nie verspürt, versichert der 34-Jährige. „Wir sind ja kein klassischer familiengeführter Bauernhof, meine Eltern sind angestellt bei der Lebenshilfe. Wir Kinder wurden nie genötigt, mitzuhelfen. Stattdessen durften wir mitmachen.“
Der junge Mann und seine Ehefrau Judith, die gerade ihre Ausbildung zur Notfallsanitäterin abgeschlossen hatte, überprüften ihren Entschluss: Sie wohnten und arbeiteten in einem landwirtschaftlichen Integrationsbetrieb im tiefsten Bayern. Im Frühjahr 2018 nahm Matthias Danner ein Studium der ökologischen Agrarwissenschaften auf. Mit dem Bachelor in der Tasche hat er sich dann auf die ausgeschriebene Stelle beworben und setzte sich gegen zwei weitere Kandidaten durch. Im Winter 2021 hat er angefangen, stundenweise auf dem Kleinsägmühlerhof tätig zu sein, unterbrochen von Elternzeit für seinen Erstgeborenen. Diesem folgten bis dato noch zwei Kinder, die Gattin studiert inzwischen Humanmedizin und Matthias Danners Arbeitszeit im Betrieb der Lebenshilfe dehnt sich allmählich aus. Der Generationswechsel vollzieht sich seither langsam und fließend – so wie der Hof auch Stück für Stück fit für die Zukunft gemacht wird.
Schritt für Schritt kommen mehr Aufgaben hinzu
Nachdem neue Laufställe gemäß EU-Öko-Verordnung entstanden waren, hatte man 2021 begonnen, einen Neubau für die Molkerei, die Bäckerei und den Hofladen zu errichten. Für vieles Neue und für die moderne Technik, beispielsweise die computergesteuerte Hackschnitzel-Heizungsanlage, war fortan Matthias Danner zuständig. „Ich wachse auch peu à peu in Aufgabenbereiche wie Verwaltung und Vermarktung hinein, es geht unter anderem um Schriftverkehr mit Behörden, Finanzbuchhaltung und Investitionen“, erläutert der Altleininger. Er war anfangs der jüngste Mitarbeiter, alle anderen („die Fluktuation ist extrem gering“) waren über 50. Inzwischen verschiebt sich das, es kommen immer wieder neue Kollegen dazu, denn die Boomer gehen in Rente. „Im Prinzip ist jetzt der ganze Hof im Generationswechsel“, erklärt der Junior-Chef. Bewerber sollten zunächst einmal hospitieren. Sie müssen sich gut ins Team einfügen, das wird von den Danners und der Geschäftsführung der Lebenshilfe sehr genau geprüft. „Den Hof am Laufen zu halten, ist wie ein Mannschaftssport. Das funktioniert nur gemeinsam“, betont Richard Danner. Um noch besser für die Betreuung der Beschäftigten mit Handicap gewappnet zu sein, absolviert Sohn Matthias gerade eine 15-monatige sozialpädagogische Zusatzausbildung.
Der Agrarwissenschaftler mag die vielseitige Tätigkeit auf dem Hof mit den verschiedenen Bereichen, von denen keiner isoliert betrachtet werden kann. Und er schätzt die Expertise seines Vaters sehr: „Man muss jedes Feld erst einmal zehn Jahre lang beackern, sodass man ausreichend Erfahrung gesammelt hat, um das Optimum herauszuholen“, weiß Matthias Danner, der ab August allein verantwortlich sein wird für die Bewirtschaftung von 70 Hektar Grünland und 50 Hektar Ackerfläche sowie für die Versorgung von 1000 Hühnern, 130 Rindern und 20 Schweinen. Er stellt aber klar: „Auch dann gibt es noch keinen klaren Cut. Mein Vater bleibt mein Telefon-Joker.“ Und Richard Danner? Der 66-Jährige freut sich darauf, mehr Zeit für seine Frau und die fünf Enkel zu haben. Vor allem aber darauf, auf den Hof kommen zu dürfen – und nicht zu müssen.