Grünstadt Keine leichte Arbeit für die Jury
. Nicht selten, wenn ich beim Dichterwettstreit im Bockenheimer Winzerfestzelt saß, sprang mich ein Text schon während des Vortrags so an, dass ich ihm ganz unbedingt den ersten Preis wünschte. Umgekehrt gab es auch Gedichte, die ich ganz und gar nicht leiden konnte. Das war diesmal nicht so: Zehn Texte waren im regulären Wettbewerb, die alle ihre Qualitäten hatten, aber auf durchaus unterschiedlichen Feldern. Der Eine war sprachlich kunstreich durchgefeilt, der Andere setzte sich auf die Spur klangvoller Dialektworte, ein Dritter überzeugte inhaltlich – aber klare Favoriten ergaben sich daraus nicht. Das sah, wie der RHEINPFALZ aus deren Kreisen angedeutet wurde (denn wirklich verraten werden darf ja nichts), auch die Jury so, und so dauerten die Beratungen recht lang bis – in einer durchaus begreiflichen Entscheidung – die drei ersten Plätze feststanden. Ganz vorn Renate Demuth aus Kaiserslautern, dem Stammpublikum wohlbekannt, mit einem Gedicht, das sich, obwohl in regelmäßigen Strophen gebaut, zunächst dem Verständnis entzog und, obwohl gereimt, recht ungereimt erschien. Erst gegen Ende war zu erkennen, warum: Renate Demuth schildert in „Velor“ die Situation eines Menschen, der sich selbst verliert, weil das Gedächtnis schwindet. Das schwere und aktuelle Thema Demenz ist hier angepackt und formal durchaus achtbar bewältigt worden. „Wer Google traut / Hot vorgebaut / Sej Perseenlichkeit / Esch fer d’ Ewichkeit / Verstaut in de Cloud.“ Das sind die letzten Verse des Gedichts „Wie wenn die ... (E moderni Ars vivendi – uff Pänglisch)“ von Regina Pfanger aus dem südpfälzischen Herxheim. Sie ist eine von den drei Dichterinnen, die zum ersten Mal auf der Bockenheimer Bühne stehen. Und sie schafft es mit ihrem satirisch zugespitzten, aus englischen Computerbegrifflichkeiten durchaus mit Raffinement montierten Text auf Platz zwei. Dritter Preis: „Fer die Naachd“ von Maritta Reinhardt aus Wonsheim in Rheinhessen, auch sie schon mehrfach dabei. Es ist ein Nachtlied in hergebrachter Strophen- und Reimform von beachtlichen formalen Qualitäten. Die sechs Strophen sind ganz streng in parallelen Strukturen gebaut, ohne dass das dem Inhalt in irgendeiner Weise Zwang antut. Es dürfte das kunstreichste Gedicht des Wettbewerbs sein. Und es ist, obwohl es ein unendlich oft bearbeitetes Thema aufgreift, in seinem Inhalt keineswegs vorhersehbar und konventionell. Diese ersten Preise sind mit 300, 200 und 100 Euro dotiert. An die anderen sieben Wettstreitteilnehmer gingen Anerkennungspreise in Weinform: Vorjahressieger Matthias Zech aus Speyer beschreibt in „Näächt“ eine Lebensbeziehung anhand verschiedener entscheidender Nächte zwischen Jugend und Alter und findet dabei ebenfalls eine schöne Harmonie zwischen Form und Inhalt. Der Lingenfelder Hermann Josef Settelmeyer, den man gewiss einen alten Mundarthasen nennen darf, hat den längsten Text beigetragen: In acht Strophen mit Langversen lobt er „Mei liebschtie Lewensgfährtin“. Das ist mit leichter, aber sicherer Hand pfiffig gereimt, beschreibt Situationen, die manchem vertraut sind, wobei sich alsbald herausstellt, dass es sich bei der Besungenen um die pfälzische Muttersprache handelt. Das Publikum, dem Stimmzettel ausgeteilt wurden, belohnt diesen Text zu des Autors großer Freude mit dem Preis der Publikumsjury. Relinde Niederländer, Kirkel-Limbach, auch sie eine gute alte Bekannte, erfreut mit einer treffende Glosse auf jemanden, der den anderen nur deswegen nach dessen Befinden fragt, um das eigene umso ausführlicher ausbreiten zu können: „Wie’s so geht“. Die Pointe sitzt. Zum ersten Mal auf die Wettstreit-Bühne tritt Michael Landgraf aus Neustadt mit „Hoimat“. Pfälzer als Auswanderer, das Leid der aus ihrer Heimat im Nahen Osten und Afrika fliehenden Menschen, die Pfalz als Melting Pot der Völker sind die durchaus aktuellen Aspekte. Was dem Auge als regelmäßig gebautes fünfstrophiges Gedicht in freien Rhythmen erscheint, wird beim Anhören eher zu einer pointierten Prosabetrachtung, was sich darin bestätigt, dass der Autor an die eine oder andere Strophe aktuelle Zusätze anbringen kann, ohne dass dies besonders auffällt. Dass das Alter noch Neues zu bieten habe, auf das man sich freuen könne, postuliert Rudy Kupferschmitt aus Ludwigshafen in „Es loßt no“. Der „Winterspazeergang“ von Elfriede Karsch aus Waldböckelheim (Rheinhessen) weiß mit schöner Klangsinnlichkeit zu erfreuen. Zum ersten Mal dabei ist Ester Dewes aus dem saarländischen Marpingen, die in eindrucksvollen Bildern jener Landschaft bei St. Ingbert, in der sie aufgewachsen ist, eine „Liebeserklärung“ widmet. Für den zweiten Text, den Regina Pfanger (Zweiter Preis), eingereicht hat, erkennt die Jury der Erstteilnehmerin den „Preis fer Neie“ zu. „Awwer doch so nit ...“ ist ein klassisches Sonett, ein Liebesgedicht: „Du bescht, was ich g’suucht häbb, awwer ewich nit g’funne“, mit gattungstypischer überraschender Schlusswendung: „Du beschd richtig wie’d beschd. Ach, weerscht doch en Mann!!!“. Die Siegerin des Wettstreits, Renate Demuth, erhält außerdem den zum 75-jährigen Bestehen des Winzerfests ausgelobten Sonderpreis zum Thema Wein, zu dem auch die angenehme Pflicht gehört, heute abend das Kommando zum Abschlussfeuerwerk zu geben. Schließlich geht an Vorjahressieger Matthias Zech der „Dr.-Wilhelm-Dautermann-Preis für eine mundartliche Neuerscheinung“. Ausgezeichnet wird Zechs Buch „Leewensfarwe“. Musik zu dem von Jurymitglied Michael Geib, Kaiserslautern, munter moderierten Wettstreit machte Chris LaRose, ein Musiker aus Kutztown in Pennsylvanien, der mit seiner Gitarre traditionelles Liedgut in dem dort lebendig gebliebenen uraltem Pfälzisch mit amerikanischem Blues zu verbinden wusste und damit dem Publikum viel Spaß gemacht hat. Erfreulich auch, dass die in bester Laune vorgetragenen Grußworte nicht die üblichen Floskeln brachten, sondern durchaus interessant waren. VG-Bürgermeister Reinhold Niederhöfer berichtete, dass man sogar im Norden von Rheinland-Pfalz Bockenheim wegen des Winzerfests und der Mundartpflege kenne. Schirmherr Mathias Geisert, Vorstand der RV-Bank Rhein-Haardt, brachte mit deutlich badischem Zungenschlag seine Freude zum Ausdruck, dass „Dialekte nach Jahren, in denen sie fast verpönt waren, wieder selbstbewusst gesprochen werden.“ Wer in seiner eigenen Identität beheimatet sei, könne auch leicht das kulturell Andere ertragen und tolerant sein, schlussfolgerte er treffend. Weingräfin Annalena brachte von Timo Benß eigens für diesen Anlass pfiffig gereimte Verse zum Vortrag.