Turnen
Justus Fröhlich ist Bundesliga-Turner und Handballer
Diesen Moment wird Justus Fröhlich wohl nie vergessen. Beim Wettkampf gegen den TV Großen-Linden, der bis zu seinem Einsatz am Reck schon nicht gerade gut gelaufen ist, kam es in diesem Moment auf ihn an. Der TSG-Kunstturner griff zur Reckstange, turnte einen Teil seiner Übung und patzte. Er wiederholte dreimal, patzte immer wieder. Die Frustration stand ihm in die Augen geschrieben. Später sagte er: „Als mich Jan Damrau zum dritten Mal ans Reck gehoben hatte, habe ich ihn nur noch angeguckt und er hat gelacht. Und ich habe auch gelacht. Da war einfach die Luft raus. Das darf nicht passieren, ist aber passiert.“
Dieser Samstag im hessischen Linden, einer Kleinstadt in der Nähe von Gießen, war nicht gerade Fröhlichs Tag. Das gilt aber gleichfalls auch für den Rest der Mannschaft: Vlad Cotuna zog sich beim Sprung einen Bänderriss zu, musste das TSG-Trikot seitdem vorerst in den Schrank hängen. Die anderen Athleten werden diesen Tag auch als Auftakt einer Serie von Niederlagen in Erinnerung behalten.
Justus Fröhlich wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Er trainierte in den folgenden Wochen an seiner Reckübung, die er spätestens beim Wettkampf gegen Fulda erfolgreicher als je zuvor turnte. „Da konnte ich nochmal beweisen, dass ich eine gescheite Reckübung habe“, so Fröhlich.
In den vergangenen Jahren – und ganz speziell in dieser Saison – hat sich Fröhlich auf der Position des Sechskämpfers von seiner besten Seite präsentieren können. Ihm liegt die Rolle, die er aber nicht für sich beansprucht. Er wäre auch mit ein paar Geräten zufrieden, sagte er ganz bescheiden. „Jeder in der Liga sollte aber an allen sechs Geräten eine Übung anbieten können“, sagt Fröhlich. Wenn er an allen vorne dabei sei und die nötige Ausdauer habe, sei er der letzte, der dann nicht turnen würde.
Ausdauer beim Handball gelernt
Die Ausdauer kann Fröhlich bei seiner zweiten Sportart trainieren. Mit dem TV Lampertheim spielt er Handball in der Hessischen Bezirksoberliga. „Dadurch bin ich körperlich das ganze Jahr fit. Ich habe nicht das Problem, dass ich nach der Saison komplett von Null anfangen muss“, sagt er über die Vorteile, beide Sportarten gleichzeitig zu machen. Außerdem lerne man das Teamgefühl von klein auf. Das bringe einem als Einzelturner zwar nicht sehr viel, sei aber für die Bundesliga sehr hilfreich.
Aber auch umgekehrt gibt es positive Wechselwirkungen. Etwa die Sprungkraft oder das Körpergefühl in der Luft, das man beim Turnen lernt. „Wenn ich auch mal einen Stoß abbekomme, habe ich genug Körpergefühl, um das auszugleichen“, so der Bundesliga-Turner. Vier- bis fünfmal die Woche trainiert Fröhlich fürs Turnen, ein- bis zweimal fürs Handball. „Das kommt darauf an, wie fit ich bin.“ Beides fünfmal die Woche geht nicht.
Doch was ist, wenn sich Fröhlich beim Handball verletzen würde? Wie würden seine Trainer reagieren? Fröhlich: „Da müssen wir den Flo (TSG-Trainer Florian Bachmann, d. Red.) fragen. Ich glaube, manchmal ist es ihm nicht so recht. Aber er vertraut mir da schon, dass ich weiß, wo meine Grenzen sind.“
Mit Kinderturnen angefangen
Zum Turnen ist Fröhlich übers Kinderturnen beim TV Lampertheim gekommen. Zu dieser Zeit hat er auch schon Handball gespielt. Irgendwann habe sein Trainer gesagt: Wenn er weiterkommen wolle, müsse er den Verein wechseln. Dann wechselte Fröhlich zunächst nach Bürstadt, später nach Frankfurt ins Leistungszentrum.
Weil das aber weit zu fahren war, hat sich Fröhlich nach Alternativen umgeschaut und wechselte im Herbst 2016 nach Grünstadt. „Mit dem Schritt bin ich voll und ganz zufrieden“, so Fröhlich und fügt hinzu: „Im Nachhinein wäre ich vielleicht sogar besser früher nach Grünstadt gegangen.“
Mittlerweile ist Fröhlichs Vater, Steffen Fröhlich, zusammen mit Thorsten Graf Manager des Bundesliga-Teams. „Obwohl er nie Turner war, hat er einen Gefallen daran gefunden“, so Fröhlich über seinen Vater. Zusammen unterhalten sie sich auch gerne mal über die Bundesliga, aber auch über das internationale Turn-Geschehen. „Aber es gibt auch andere Dinge, über die wir reden“, so Fröhlich.
Studium in Mannheim
Fröhlich, der im Oktober 21 Jahre alt geworden ist, studiert derzeit Jura in Mannheim. Ein Höhepunkt seines Jahres war der erste Teil des Examens, den er im September, eine Woche vor Beginn der Bundesliga-Saison, geschrieben hat. Dadurch sei er entspannter in die Wettkämpfe gestartet. Fröhlich: „Man bereitet sich immer ein Jahr lang auf das Examen vor. Dann ist man erleichtert, wenn es vorbei ist.“
Doch fürs Jahr 2022 wünscht er sich eine noch entspanntere Saison. Er wünsche sich, dass er und sein Team noch erfolgreicher und sicherer abschneiden als im Vorjahr. Sein persönlicher Fokus liegt erst einmal auf den Deutschen Meisterschaften, die im Juni in Berlin stattfinden. Hier will er eine gute Leistung ablegen. „Mir ist klar, dass ich nicht zu den Top-Turnern gehören werde, aber ich will mich gut präsentieren“, sagte er.
Ein Traum, den Fröhlich hat, liegt momentan noch in weiter Ferne: mit der TSG Grünstadt in der Ersten Bundesliga turnen. Ein Aufstieg dürfte in dieser Zweitligasaison, die im September startet, nicht leicht werden. Neben der KTV Koblenz, die in der Vorsaison keinen einzigen Wettkampf verloren hat, ist Bundesliga-Absteiger Eintracht Frankfurt in der Nordstaffel dabei. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt?