Grünstadt
Humor in der Kirche? Ein Pfarrer erklärt, wo für ihn der Spaß aufhört
Herr Schott, Sie sind demnächst in Sausenheim zu Gast, um eine Lesung zu halten. Sind alte Kirchen für Sie eher Orte der Geschichte oder Orte der Begegnung?
Ich mache wahnsinnig gern Kirchenführungen in meiner achthundert Jahre alten Jakobskirche in Nürnberg. Dort befinden sich viele alte Statuen und Gemälde. Das Gebäude hat viel zu erzählen, und das versuche ich mit einem Augenzwinkern und mit Humor meinen Besuchern nahezubringen. Die merken sich keine Zahlen und Fakten, aber sie merken sich Geschichten, die ich erzähle. Und genauso möchte ich auch den Glauben vermitteln.
Was kann ein Kirchenjubiläum wie das in Sausenheim darüber sagen, wie relevant Kirche heute sein kann?
Die Kirche war immer ein Begegnungsort, wo Menschen zusammenkamen und wo auch ein Austausch stattgefunden hat. Und das kann Kirche auch weiterhin sein. Ich sehe sie inzwischen auch als wertfreien Raum, wo Menschen zusammenkommen, ohne dass ihnen gesagt wird, was sie machen müssen. In der Kirche sollte gelten: Du bist geliebt, so wie du bist, und du darfst zu uns kommen – darfst auch mitmachen.
Wenn Sie sich vorstellen, dass eine alte Kirche sprechen könnte, was glauben Sie, würde sie uns sagen?
Das ist insofern eine schwierige Frage, da wir momentan in Bayern entscheiden, welche Kirchen wir erhalten und welche einem anderen Zweck zugeführt werden. Ich würde als Gemeindepfarrer für meine Kirche sagen: Bitte erhalte mich und lass mich lebendig und offen sein.
Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, eine kirchenferne Gesellschaft ist wie ein leeres Blatt, auf das die Kirche neu schreiben kann. Wie sieht denn dieses „neue Schreiben“ für Sie aus?
Ein Freund von mir war Pfarrer an einer Berufsschule und hat vor Jahren erlebt, dass die Kirche damals für viele als öde und langweilig galt. Heute ist es eher so, dass junge Menschen gar keinen Bezug mehr dazu haben – sie wissen oft nicht, was Kirche überhaupt ist. Das kann eine Chance sein: Man kann aus alten Machtstrukturen ausbrechen, die die schrecklichen Missbräuche begünstigt haben, und die Kirche neu denken. Gleichzeitig bietet das die Möglichkeit, wieder bei der eigentlichen Idee der Kirche anzusetzen: einem Ort, an dem Menschen die Zusage erfahren, dass sie geliebt sind, und daraus Kraft schöpfen, anderen zu helfen.
Sie stehen nicht nur auf der Kanzel, sondern auch auf der Bühne als Kabarettist. Wo hört für Sie der Spaß auf und wo fängt der Glaube an?
Für mich gibt es als Kabarettist klare Grenzen: Ich würde niemals Witze auf Kosten anderer machen – schon gar nicht über Minderheiten oder Randgruppen. Glaube und Humor gehören für mich untrennbar zusammen. Im Grunde ist auch die Kanzel eine Bühne. Pfarrer- und Kabarettsein befruchten sich gegenseitig: In meinen Predigten gibt es immer etwas zu lachen und in meinen Kabarettauftritten steckt immer auch etwas Nachdenkliches – natürlich mit einem Augenzwinkern.
Machen Sie auch Witze über Religion? Darf man das überhaupt?
Natürlich. Man kann über alles Witze machen. Gerade über Glaubensthemen kann man sich wunderbar amüsieren, weil es dabei immer menschlich zugeht.
Viele Menschen erleben Kirche als ernst oder schwer. Was kann Humor bewirken, was Predigten nicht schaffen?
Ich glaube, das sind Klischees. Ich kenne viele Kollegen, die humorvoll sind und viel Witz in ihre Predigten bringen. Trotzdem hält sich in der Gesellschaft das Bild vom humorlosen evangelischen Pfarrer, der mit ernstem Blick seine Predigt vorbereitet. Aber das ist überholt. Die Menschen sind dankbar, wenn jemand offen und mit Humor auftritt. Mein Großvater hat vor Familienfesten immer gesagt: „Es darf gelacht werden.“ Diesen Satz würde ich am liebsten auch in jede Kirche schreiben: Es darf gelacht werden!
Schreiben Sie als Autor anders, als Sie eine Predigt verfassen?
Ich halte eigentlich keine klassischen Predigten – zumindest nicht so, wie man sie sich landläufig vorstellt. Meine Predigten sind offene Reden, Gespräche fast, weniger streng oder formal. Für mich ist eine Predigt immer etwas Persönliches: Ich entdecke in einem Bibeltext oder im Glauben etwas, das mir guttut – und das möchte ich mit anderen teilen. Genau das steckt auch hinter meinem Buch. Ich habe darin Dinge gesammelt, die mir guttun, die mein Leben bereichern – und die ich gerne weitergeben möchte.
Was sollen Besucher von Ihrer Lesung in Sausenheim mitnehmen?
Wenn die Leute am Ende rausgehen und ein Lächeln mitnehmen, bin ich glücklich. Ich sage immer: Wenn Menschen lachen, dann blitzt für mich ein Stück Himmel auf – denn in diesem Moment sind sie erlöst. So stelle ich mir den Himmel vor: Menschen, die befreit lachen und einfach glücklich sind.
Lesung
Hannes Schott, Pfarrer der Nürnberger Jakobskirche, Kabarettist, Musiker und Buchautor, liest am Freitag, 14. November, von 19 bis 21 Uhr, aus seinem Buch „Raus aus dem toten Winkel“ vor. Veranstaltungsort ist die Peterskirche in Sausenheim in der Kirchgasse 11. Der Eintritt ist kostenfrei.