Pro und Kontra RHEINPFALZ Plus Artikel Gastrosteuer-Senkung: Existenzhilfe oder Kassenfüller?

Ihre Haltung zur Mehrwertsteuersenkung ist unterschiedlich: Mareike Keiper (links) und Silke Bauer.
Ihre Haltung zur Mehrwertsteuersenkung ist unterschiedlich: Mareike Keiper (links) und Silke Bauer.

Seit Januar ist die Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf sieben Prozent gesunken. Viele Wirte behalten die Differenz. Ist das okay? Zwei Redakteurinnen, zwei Meinungen.

Die Entscheidung vieler Wirte, die Steuersenkung für sich zu nutzen, hat einen Denkfehler: Sie verprellt Kunden, meint Mareike Keiper.

Die Kosten steigen seit Jahren an – für alle. Das betrifft das Material, das betrifft das Personal, aber auch Energie und Lebensmittel. Die Sache ist: Auch der Bürger bleibt davon nicht verschont. Er muss für seinen Alltag ebenfalls tiefer in die Tasche greifen. Das heißt, viele Menschen denken jetzt dreimal darüber nach, ob sie noch ins Restaurant gehen oder doch lieber in den Discounter und danach zu Hause kochen.

Die Senkung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie wäre also ein Signal an den Verbraucher gewesen, den Herd häufiger ausgeschaltet zu lassen und im Lokal zu speisen. Zwar mag verständlich sein, dass viele Betriebe finanziell zu kämpfen haben, aber die Steuersenkung für sich zu nutzen, kann nicht die Lösung sein. Sie straft den Kunden – und führt schlimmstenfalls dazu, dass die Preise im Falle einer Rückkehr zum alten Steuersatz ein weiteres Mal steigen.

Umgekehrt wäre es ein mutiges, aber starkes Signal, die Preise wirklich für die Kunden zu senken und auf das Prinzip Hoffnung zu setzen. Das könnte zum Vorteil für beide Seiten werden: Wer dadurch mehr Gäste anlockt, macht am Ende auch mehr Gewinn und kommt so langfristig auch an eine breitere Stammkundschaft. Das wäre auf jeden Fall der ehrlichere Weg.

Dass Wirte die Steuersenkung nicht an die Gäste weitergeben, ist ihnen nicht zu verübeln, meint Silke Bauer.

Gammlige Salatblätter, verbrannte Pizzen, Discounter-Brot und Spaghetti Carbonara, die vor sich hin bröckelt: Viele Lokale, die früher echt gut waren, servieren heute leider nur noch eine fade Erinnerung daran. Gäste möchten nach dem Restaurantbesuch weder selbst in der Küche stehen, weil sie noch Hunger haben, noch zur Apotheke rennen, weil ihnen der Appetit vergangen ist.

Zum Glück gibt es aber auch noch Restaurants mit Köchen, die ihr Handwerk verstehen und Wert auf hochwertige Zutaten legen. Dass die wenigsten von ihnen jetzt nach der Mehrwertsteuersenkung die Preise auf der Speisekarte günstiger machen, kann man ihnen nicht verübeln. Denn dass Energie, Personal, Logistik und Lebensmittel teurer geworden sind, sind Fakten. Und wer selbst hin und wieder frisch kocht, weiß, was gute Zutaten inzwischen kosten.

Für Brikett-Pizza und bröcklige Pasta geben die Leute irgendwann kein Geld mehr aus. Für Qualität sicherlich schon. Vielleicht bekommt das Essengehen einen neuen Stellenwert. Die Leute gehen dann lieber seltener essen, aber bewusst dorthin, wo hochwertige Speisen auf ihren Tellern landen.

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