Leiningerland
Drohender Ärztemangel: Mögliche Lösung für Leiningerland
Die Lage ist ernst. Wenn der Hausarzt Achim Raabe über die ärztliche Versorgung in Hettenleidelheim und Umgebung spricht, wird zwar klar, dass die Probleme noch in der Zukunft liegen. Aber es wird sie geben, davon ist der Doktor überzeugt. Und, fügt er an, sie werden nicht nur seine Gemeinde betreffen. Denn im ländlichen Raum fehlen Ärzte. Laut Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz sind, Stand Dezember 2023, 24,7 Prozent der Hausärzte 65 Jahre und älter. Eine andere, aktuellere Zahl der KV macht die Lage noch deutlicher: Landesweit brauchen 1163 Hausärzte, die einen Versorgungsauftrag erfüllen, schon bald einen Nachfolger. Und schon jetzt sind drei kassenärztliche Hausarztsitze im Planungsbereich Grünstadt, der auch das Leiningerland umfasst, unbesetzt.
Ärztemangel kommt in Hettenleidelheim an
Genau darauf bezieht sich Raabe. In der Alt-Verbandsgemeinde Hettenleidelheim werden die Zahlen der KV real. Dort stehen fast alle Ärzte kurz vor dem Ruhestand oder haben ein Alter erreicht, in dem sie sich längst schon verabschiedet haben könnten – er selbst auch. Das heißt: In zwei bis drei Jahren bleibt nur noch eine Praxis übrig, die Bürger mehrerer Orte versorgen muss – die von Thong Quoc Chu, der aufgrund der Umstände erst vor Kurzem seine zweite Praxis in Dirmstein geschlossen hat. Nur so kann er den drohenden Patientenansturm im Westen des Leiningerlands bewältigen, wenn überhaupt.
Das heißt, es braucht Lösungen. Doch die zu finden, wird schwer, so Raabes Einschätzung. Denn viele junge Kollegen wollten eine bessere Balance zwischen Job und Privatleben. Eine Praxis mit mehreren Ärzten zu betreiben, die sich die Stunden aufteilen, sei wiederum nicht wirtschaftlich. Das heißt, es braucht einen Träger, der den Verlust einer solchen Praxis trägt, ist der Hettenleidelheimer Arzt überzeugt. Ein Ansatz: die Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ), in das die Verbandsgemeinde involviert ist.
Wenig junge Ärzte wollen aufs Land
Diesen Plan hat die Verbandsgemeinde Monsheim bereits umgesetzt. Seit 2024 ist ihr MVZ in Betrieb. Die VG hat dort eine GmbH gegründet, die das Gesundheitszentrum betreibt, die Ärzte sind angestellt. Der Dienstleister Wormser Gesundheitsnetz wiederum helfe bei der Abrechnung.
Die Hettenleidelheimer Ärztin Christine Blattner, die sich ebenfalls in nächster Zeit aus dem Job zurückziehen möchte, ist eine Verfechterin der Idee: „Es wäre eine gute Lösung, man bräuchte bloß die Köpfe und Unterstützung dafür.“ Eine Nachfolge zu finden sei schwierig, weil viele junge Ärzte nicht mehr aufs Land wollten. Diese Rückmeldung habe sie schon häufiger erhalten. Darüber hinaus kritisiert sie das System: Der Job als Hausarzt in einer Praxis sei inzwischen unattraktiv. „Es ist ein sicherer Job, aber es gibt finanziellen Druck, der zunimmt“, sagt sie.
Klassische Lösungen haben sich zerschlagen
Und das schreckt potenzielle Nachfolger offenbar ab, wie Hausarzt Michael Beck aus Hettenleidelheim sagt. Der 71-Jährige schließt seine Praxis Ende Dezember, nachdem er acht Jahre lang ohne Erfolg nach einem Arzt gesucht hat, der für ihn übernehmen möchte. Obwohl seine Praxis einen guten Ruf, eine moderne Ausstattung und ein funktionierendes Team habe, sei jungen Ärzten das Risiko zu groß. „Dabei wäre es ein gemachtes Nest“, ist Beck überzeugt, „und die Zahlen belegen, dass es läuft.“ Was er zusätzlich kritisiert: Es werde zu wenig in die ärztliche Versorgung investiert. Gerade Fachkräfte aus dem Ausland müssten enorm viele Hürden überwinden, um praktizieren zu dürfen. Die könnten auch eine Option für die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum sein.
Denn andere Lösungen haben sich zerschlagen. Beck berichtet beispielsweise von einer jungen Kollegin, die bei ihm angestellt war und die ihm mündlich bereits die Übernahme der Praxis zugesagt habe. Doch das gesprochene Wort war in diesem Fall scheinbar nicht bindend. „Sie hat dann doch gekündigt“, sagt Beck mit Bedauern. Seitdem suche er wieder weiter, wirkt dabei allerdings inzwischen resigniert.
So reagiert die Verbandsgemeinde
Diese Lage ist auch Frank Rüttger (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Leiningerland, bekannt. „Es zeichnet sich ab, dass nichts passiert“, sagt er. Weil er überzeugt sei, dass etwas passieren muss, hat er nach eigener Aussage bereits Kontakt mit dem Monsheimer VG-Bürgermeister Ralph Bothe aufgenommen, um sich über das noch recht neue, VG-getragene MVZ zu informieren.
Rüttger möchte, wie er sagt, daran anknüpfen und sich in der Umsetzung an Monsheim orientieren. Wie das konkret aussehen soll, stehe aber noch in den Sternen. Der Vorschlag, den die VG an das Kreiskrankenhaus gerichtet hat, womöglich in ein solches MVZ mit Hausärzten einzusteigen, das Personal anzustellen und in Räumen der VG loszulegen, sei ins Leere gelaufen. Nun liefen Gespräche mit dem Krankenhaus in Frankenthal. Auch ein Zusammenschluss mit der VG Monsheim sei ein Ansatz – oder eine Kooperation mit der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim, die vor ähnlichen Problemen steht.
Allerdings gibt es laut Rüttger eine Hürde: „Der Zusammenschluss macht es schwieriger, weil man flexibler ist, wenn jeder für sich bleibt.“ Wichtig sei also, einen Mehrwert für alle Partner zu schaffen. Da gelte es derzeit, abzuwägen. Doch konkret sind die Pläne ohnehin noch nicht. Rüttgers Ziel sei es, das Thema zur nächsten Ortsbürgermeister-Dienstbesprechung Anfang April mitzunehmen und ins Gespräch mit der KV zu gehen. Denn auch da erhofft er sich Unterstützung. „Ich will mir ein Bild verschaffen“, so Rüttgers Plan.