Porträt
Der Film-Ethnologe: Regisseur Steffen Köhn aus Kirchheimbolanden
Promovierte Ethnologen, die Filme drehen, sind in Deutschland eine Rarität. Wie eine trockene Doku kommt Steffen Köhns Film „Platform“ aber nicht daher, es ist ein witzig-verspielter Film. Er handelt von Pizzafahrern auf Fahrrädern, jungen Migranten in Berlin, Los Angeles und Hongkong. Sein an „Squid Game“ erinnernder dystopischer Dreh: Kunden dürfen diese töten, wenn sie es nicht schaffen, die Pizza in 30 Minuten zu liefern.
Die Boten versuchen alles, sie machen auch bei einem Casting von Amazon für eine Unterhaltungsserie über Pizzalieferanten mit. In ihrer Freizeit machen sie Spiele mit Avataren in einer virtuellen Welt, in dem es auch um Pizzalieferanten geht. Doch irgendwann haben sie genug von ihren unwürdigen Arbeitsbedingungen, sie rufen übers Internet zu Streiks auf – und es funktioniert.
Roman und Realität
„Der Film basiert auf einem Science-Fiction-Roman, den ich als Teenager verschlungen haben: ,Snow Crash’“, erzählt Steffen Köhn. „Dass Amazon eine solche Serie macht, ist wahr. Dieser Zynismus war mein Ausgangspunkt: Diese Firma, die maßgeblich diese prekäre Arbeit in der Lieferindustrie gebracht hat und diese Zuspitzung als Unterhaltung verkaufen will. Und in dem Roman von 1992 gibt es schon das Wort ,Metaversum’, das Mark Zuckerberg nun für seine Firma verwendet“, kommt der 41-jährige Assistenzprofessor an der Uni Aarhus (Dänemark) ins Schwärmen.
„Platform“ hat er bei vielen Festivals eingereicht, bei der Berlinale hat es nicht geklappt, aber beim Max-Ophüls-Festival – und in den USA: Seine Premiere feierte er am 20. Januar beim Slamdance Festival in Park City (Utah) in der Sparte „Department of Anarchy“.
Berlin statt L.A.
40.000 Euro hat „Platform“ gekostet, 2019 war das Drehbuch da, 2020 die Finanzierung, 2021 war der Film fertig. „Luis, die Hauptfigur, basiert auf dem brasilianischen Mitbewohner einer Freundin“, verrät Köhn. Über ihn habe er von Streiks der Lieferfahrer in Hongkong gehört, die vor allem südasiatische Migranten sind. So kam es zu den Filmhandlungsorten Hongkong, Los Angeles (da spielt der Roman) und natürlich Berlin. Gedreht wurde nur in Berlin: „Wir haben Berlin aussehen lassen wie L.A., eine digitale Palme in den Hintergrund gebaut und Teile aus Computerspielen reinkopiert.“ Das Ergebnis ist ein visuell ungewöhnlicher, witzig-nachdenklicher 25-minütiger Film über junge Migranten verschiedener Ethnien im prekären Job.
Köhns Biografie ist so ungewöhnlich wie es seine Filme sind. In der Pfalz wurde er geboren, weil seine Großeltern und seine Mutter aus Harxheim stammen „und meine Mutter wohl bei der Wahl des Krankenhauses mehr Vertrauen in Kirchheimbolanden als in Worms hatte, anders kann ich es mir nicht erklären“, sagt Köhn. Aufgewachsen ist er in Westhofen, eine Viertelstunde von Worms entfernt. Als Teenager begann er, sich für Film zu interessieren, „für Arthaus-Filme, die unter der Woche nachts im Fernsehen liefen, im kleinen Fernsehspiel des ZDF.“
Zwischen Mannheim und Mainz
Dann sah er internationale Filme, „Europa“ und „Breaking the Waves“ von Lars von Trier, und Filme von Wong kar-wai, erinnert er sich, „alles im Fernsehen“. Später, mit 18, fuhr er auch nach Mannheim ins Filmkunst-Kino. 2001 begann er, in Mainz Filmwissenschaft und Ethnologie zu studieren, 2003 wechselte er an die Freie Universität Berlin, 2006 zum Regiestudium an die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).
In „Smile“ (2017), seinem ersten langen Spielfilm, dem Abschlussfilm an der DFFB, geht es um eine junge Frau, die sich aus Liebe zu einem DJ, dem sie noch nie begegnet ist, in ein umzäuntes Gelände locken lässt, wo ein Techno-Festival stattfindet, das sie zu einer Gefangenen macht. Der Film lief als kleines Fernsehspiel im ZDF, beim Filmfestival in Galway (Irland) und dem Festival „Achtung Berlin!“.
Während „Platform“ in zehn Tagen im August 2020 gedreht wurde („nach dem Handbuch der Filmförderungen fürs Drehen unter Corona und mit einer Hygienebeauftragten“) und Köhn mit seinem Co-Regisseur Johannes Büttner aus Frankfurt ein halbes Jahr an der Postproduktion saß, hat sich „Smile“ jahrelang hingezogen, „weil ich parallel in Mainz in Ethnologie promoviert habe“.
Ethnologie und Film passen gut zusammen, findet Köhn, obwohl es in Deutschland nur eine Handvoll Filmemacher mit dieser Kombination gebe. „Die Ethnologie ist die einzige Sozialwissenschaft, die seit 100 Jahren eine Filmtradition hat mit eigenen methodischen und ethischen Grundsätzen“, fügt er an und nennt den französischen Ethnologen und Filmemacher Jean Rouch (1917− 2004) als sein Vorbild. Heute gibt es Masterstudiengänge in visueller Anthropologie, weiß Köhn: „An der FU Berlin habe ich das lange gelehrt – und jetzt in Aarhus.“
Nächster Film fast fertig
Ihn reizt das Zusammenspiel von Fiktion und Realität. „Manchmal ist die Fiktion wahrhaftiger als die Dokumentation.“ Er fühle sich wohl „in meiner kleinen Ethnowelt“, die sich noch bis Februar in Miami befindet. Wegen eines Forschungsprojektes, das ihm zu einer Festanstellung als Professor in Aarhus verhilft, wie er hofft. Es dreht sich um Internetnutzungsforschung am Beispiel Kubas.
„Kuba ist der faszinierendste Ort, wo man eine solche Studie machen kann, weil es dort erst seit 2015 einen nennenswerten Internetzugang gibt. Kuba ist wie ein Labor, in dem man beobachten kann, wie das Internet eine Gesellschaft prägt.“ So machte er Interviews in Kuba und jetzt in Miami, wohin viele Kubaner auswandern. Daraus sollen bis Jahresende ein Buch und ein Film über die erste Generation kubanischer Youtuber werden.
„Es gibt auch Found Footage, das Material, das die Kubaner auf ihren Kanälen hochladen.“ Gefilmt wurde während Corona: „Ich habe es auch bekommen, einmal in Havanna und einmal in Miami, mit milden Verläufen“. Der Film ist schon so gut wie fertig, es fehlen noch die Tonmischung und ein paar Grafikelemente. Wenn er fertig ist, wird der zwischen Berlin und Aarhus pendelnde Filmemacher ihn auch bei Festivals einreichen.
Termine
„Platform“ läuft am 25. Januar, 15 Uhr, beim Max Ophüls Festival parallel in neun Kinos im Saarland (Kurzfilmwettbewerb Programm 5), danach bis 30. Januar auch online. Infos: www.ffmop.de.