Grünstadt
Bockenheim: Rundherum gelungene Dichterlese
Ungewöhnlich schön und abgerundet in der Form der Darbietung und im dichterischen Gehalt und ungewöhnlich gut besucht war der 67. Pfälzische Mundartdichterwettstreit am Samstagnachmittag im Bockenheimer Winzerfestzelt. Der Veranstalter vermeldete: volles Haus.
„Wir haben keine Eintrittskarten mehr“, vermeldete Wettstreit-Geschäftsführerin Heike Benß aufgeregt. Das habe es ihres Wissens noch nie gegeben. 150 waren gedruckt worden, Platz im Zelt war genug, so dass am Ende rund 200 sehr aufmerksame Zuhörer lauschten.
Lothar Sattel aus Waldsee stand, wie schon in der RHEINPFALZ AM SONNTAG gemeldet, am Ende ganz oben auf dem wie immer nur imaginären Siegertreppchen. Doch bevor wir zu den Gedichten kommen, sei ein Wort zur Form des Wettstreits gesagt. Die Dichterlese ist nämlich nach Jahren manchmal hektisch wirkenden Suchens und Improvisierens gleichsam wieder zu sich gekommen. Moderator Michael Geib, seines Zeichens Museumsleiter in Kaiserslautern, hat an Nonchalance gewonnen. Und er sagt nun nicht nur die Dichternamen an, sondern gibt zu jedem Text auch zwei, drei hinführende Sätze, die nicht nur die Zeit füllen, in der die Dichter die Bühne erklimmen, sondern auch in schöner Weise die Aufmerksamkeit auf das Folgende fokussieren. Ein neues Gesicht eröffnete den Wettstreit: Gunther Bechtel hat nach langen Jahren die Nachfolge von Bürgermeister Kurt Janson angetreten, er eröffnete den Wettstreit mit herzlichen hochdeutschen Worten, während Weingräfin Saskia I. das nicht minder herzlich in Pfälzisch tat. Warum, fragte man sich da, wird bei dieser Veranstaltung nicht generell Dialekt gesprochen?
Die Musik begeistert
Ein Gewinn war auch die Musik. Jurymitglied Michael Werner aus Niederolm bringt seit Jahren pennsylvanisch-deitsche Liedermacher zum Wettstreit, die das in den USA noch lebendige altertümliche Pfälzisch hierorts bekanntmachen. Diesmal tat dies ein ganz junger Mann, der Liedermacher Benjamin Rader, dessen Vorfahren 1723 ausgewandert sind, mit interessanten, flotten Liedern aus seiner heutigen Lebenswelt und gegen Ende zur Freude vor allem der älteren Besucher, mit einem Reigen volkstümlicher Lieder auf auch hierzulande bekannte Melodien.
Die zehn zur Endausscheidung ausgewählten Gedichte waren formal und inhaltlich abwechslungsreich, alle auf ihre Weise gelungen und sämtlich wirkungsvoll vorgetragen. Den Anfang machte der 83-jährige Wilfried Berger, im elsässischen Lobsann ansässig, aus der Südpfalz stammend. Allein, ohne Zuhörer, sitzt der lyrische Sprecher am Klavier in “Bella Marie“ und spielt die verflossenen Schuricke-Schlager seiner Jugend. Es ist eines jener Gedichte, die tapfer und ohne Wehleidigkeit das Altern thematisieren. Frei in der Form, aber keineswegs ohne Struktur, bisweilen reimend. Und kein Wort zu viel. Zweifellos ein Anwärter auf einen der ersten Plätze. Es wird der zweite sein.
Renate Demuth aus Kaiserslautern liebt klangvolle, seltene Mundartworte und staffiert damit in „Dabber ab met“ das „Buschiere“ in einer Schachtel mit alten Erinnerujngsstücken und Fotos aus. „Die Flemm“, also deprimierliche Stimmung bei Regenwetter, schildert Barbara Franke aus Zweibrücken – bis das Enkelkind auf den strahlend-bunten Regenbogen weist. Albert H. Keil aus Dirmstein erscheint in seinem Schiedsrichterdress und schildert im gereimten Balladenton ein legendäres Fußballspiel zwischen dem FCK und Bayern München, das als Traumgesicht aus dem Jahre 1973 wiedergekehrt ist – flott, aber kein „Räpp“, den die Überschrift verspricht. In wenigen freien Zeilen schildert Peter Kiefer, Berlin, einen lustlosen „Vormiddach“ – anscheinend ist diese Tageszeit neuerdings ins Pfälzische eingeführt worden. Viel Herz, weniger künstlerische Durchformung spricht aus dem in stark hochdeutsch beeinflusster Mundart abgefassten „Minimalischtische Glauwensbekenntnis“ von Regina Pfanger aus Herxheim bei Landau.
18 kurze Zeilen bringen Platz eins
Es folgt das Gedicht, das den ersten Preis ernten wird: „Äafach so“ von Lothar Sattel aus Waldsee. 18 Kurze Zeilen. Eine stehengebliebene Armbanduhr, auf den Asphalt geschleudert. Ein Schuh, eine Plastikplane: Verkehrstod. Durchaus einen Platz unter den ersten Drei hätte „en weiße Blagge im Herz“ von Maritta Reinhardt aus Wonsheim in Rheinhessen finden können. Sie schildert einen Todesfall im Krankenhaus kunstvoll in lakonischen Reimen – ein ergreifender Kontrast.
Helga Schneider aus Kaiserslautern ist eine begnadete Naturlyrikerin. Niemand weiß so wie sie den Klang der Mundart zur plastischen Landschafts- und Stimmungsschilderung einzusetzen. „Uff dere neie Wingertsbank“ ist eines jener tapferen Gedichte übers Altwerden, dessen Qualität nicht nur die Jury, sondern auch das Publikum erkannte: dritter Platz und Preis des per Stimmzettel votierenden Publikums. Eine Humoreske, deren Pointe sich wahrscheinlich nur beim mündlichen Vortrag richtig erschließt, trägt Norbert Schneider aus Rehborn bei: „Außer Odem“. Der lyrische Sprecher regt sich furchtbar über eine Lebensweisheit in der RHEINPFALZ auf, bis ihn seine Frau von deren Richtigkeit überzeugt.
Mit dem von Wilhelm Dautermann, weiland Redakteur des „Pälzer Feierowend“, gestifteten Preis für eine mundartliche Neuerscheinung wurde die Band „Enkel Maxdorfs“ für die CD „Die Enkel kummen hääm“ ausgezeichnet.
Dann gab“s noch fünf Limericks, ausgewählt aus 20, die für den diesjährigen Sonderpreis eingesandt wurden. Das Publikum erkannte Maritta Reinhardt den Sieg zu: Ihre „Sopranistin vun Binge“ kommt zwar mit Tenor und Bass bestens zurecht, aber nicht mit „ehrm Alt“.