Grünstadt
Archäologie in Sausenheim: Was Steinzeit-Funde über die ersten Pfälzer Siedler verraten
Herr Hahn, können Sie schildern, was die Ausgrabungen in Sausenheim so besonders macht?
Wir haben in Sausenheim eine der frühesten Siedlungsspuren in der Pfalz gefunden. Mehrere Hausgrundrisse gehören zur altneolithischen, linearbandkeramischen Kultur. Da befinden wir uns so ungefähr bei 5300 vor Christus. Hier haben sich Siedler niedergelassen, die aus dem Südosten von Europa eingewandert kamen. Die Hausgrundrisse, die wir in Sausenheim gefunden haben, sind sogenannte Langhäuser. Die können bis zu vierzig Meter lang sein, sechs bis acht Meter breit und sind immer von Nordwesten nach Südosten ausgerichtet. In der Pfalz haben wir sonst nur zwei solche Siedlungen ausgegraben, einmal in Haßloch und das zweite Mal in Kirchheimbolanden. Deswegen war das jetzt in Sausenheim schon eine kleine Sensation.
Welche Funde haben Sie in den vergangenen Monaten am meisten überrascht?
Na ja, überrascht hat uns erst mal der gesamte Befund, dass man auf der Fläche schon die entsprechenden Hausstrukturen erkennen kann. Und dann natürlich das einzelne Fundmaterial. Also da ist zum Beispiel eine einfache Keramikscherbe, die aber ein Muster aufweist, wo wir sagen können: Hoppla, wir sind hier in einer bandkeramischen Siedlung. Von einem solchen Siedlungsfund sind wir zuvor gar nicht ausgegangen. Südlich von der Ausgrabungsfläche gab es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Funde aus der römischen Kaiserzeit, also wesentlich jünger.
Wie helfen steinzeitliche Spuren, das Leben der Menschen früher in der Region besser zu verstehen?
Also grundsätzlich helfen die Überreste, um zu verstehen, seit wann dieser Raum als Siedlungsplatz genutzt wurde. Dazu gehört auch, wie der Übergang zu einer mehr sesshaften Lebensweise funktioniert hat.
Gab es Momente, in denen Sie dachten, dass sich durch diese Funde die Geschichtsschreibung verändern könnte?
Die Geschichtsschreibung komplett verändern lässt sich wahrscheinlich nicht, aber es lässt sich eine neue Erkenntnis gewinnen. Immerhin befinden wir uns bei einer Siedlung, die rund siebentausend Jahre alt ist. Sie erreicht also einen Zeitpunkt, zu dem die Menschen erstmals in dieser Gegend sesshaft wurden und ausgedehnte Siedlungen hatten.
Welche Rolle spielt moderne Technik heute bei archäologischen Ausgrabungen – und wo greifen Sie immer noch zu klassischen Methoden?
Wir dokumentieren tatsächlich mehr in digitale Formate. Wir setzen auch täglich auf unseren Ausgrabungen Drohnen ein oder dokumentieren mit der Methode „Structure from Motion“. Einfach gesagt: Man fotografiert bestimmte Objekte mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln und bildet daraus 3D-Modelle. Und wir haben auch eine digitale Grabungs- und Dokumentationssoftware, die permanent weiterentwickelt wird. Das Graben an sich muss tatsächlich noch in klassischer Tradition erfolgen. Grundsätzlich fangen wir erst mal mit dem größten Werkzeug an, das uns zur Verfügung steht, und das ist der Bagger.
Gibt es ein Fundstück, das Ihnen in Ihrer Karriere besonders ans Herz gewachsen ist?
Das gibt es wahrscheinlich immer mal wieder, dass man so etwas findet, aber eigentlich geht es um das gesamte Fundspektrum einer Ausgrabung. Eine Fundstelle in einem größeren, überregionalen Kontext zu sehen, das macht für mich mehr den Reiz aus.
Wenn Sie den Menschen von damals eine einzige Frage stellen könnten, welche wäre das?
Es ist sehr schwer, sich auf eine einzige Frage festzulegen. Mit der sesshaften Lebensweise kommt auch die Einführung des Eigentums dazu. Daher würde meine Frage in diese Richtung gehen: Also sind Ressourcen gerecht oder ungerecht verteilt?
Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass gerade auch kleinere Gemeinden wie Sausenheim ihre archäologischen Schätze kennen und bewahren?
Es ist grundsätzlich wichtig, dass wir unsere Funde bewahren. Dabei geht es darum, Wissen zu schützen. Sie sind eine Quelle für unsere Geschichte und dienen als Instrumente von historischen oder wissenschaftlichen Studien. Und die Geschichte ist wiederum ein wichtiger Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft. Darüber lassen sich unsere Werte – Freiheit, Gleichheit oder auch die Menschenrechte – erklären.
Wie erleben Sie das Interesse der Bevölkerung an Ihren Vorträgen und Grabungen?
Vorwiegend wird unsere Arbeit positiv aufgenommen, aber es gibt natürlich Ausnahmen. Das liegt ein bisschen daran, dass die Archäologie auch Geld und Gelände in Anspruch nimmt. Das ist dann ein Zeit- und ein Kostenfaktor. Da ist das Verständnis nicht immer von allen da.
Was können wir als heutige Gesellschaft vielleicht von den Steinzeitmenschen lernen?
Ich glaube, es gibt eine Menge, was wir lernen können. Allem voran eine Anpassungsfähigkeit und wohl auch eine Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen. Auf die gesamte Steinzeit gesehen waren die Menschen damals mit häufigen Wechseln von Kalt- zu Warmzeiten und gesellschaftlichem Wandel konfrontiert, letzteres wohl besonders am Übergang zur sesshaften Lebensweise. Die Menschen brauchten eine gewisse Resilienz, und viele haben trotz großer Herausforderungen immer weitergemacht und mussten sich immer neu erfinden.
Info
Am Freitag, 10. Oktober, 19 Uhr, findet in der Alten Schule in Sausenheim, Leininger Straße 58, ein Vortrag von Matthias Hahn, Gebietsreferent der Landesarchäologie Speyer, über die aktuellen steinzeitlichen Ausgrabungen in Sausenheim statt. Der Eintritt ist frei.