Grünstadt An der Kasse geht es zu wie bei Aldi

Am 5. September 2009 hat die Werkstatt Arbeiten und Lernen in der Jakobstraße, wo die Einrichtung des Trägervereins Offene Jugendarbeit 25 Jahre lang untergebracht war, ein Sozialkaufhaus eröffnet. Am Freitag jährt sich dieser Tag zum fünften Mal. Das kleine Jubiläum soll mit einer langen Einkaufsnacht in der Daimlerstraße – seit Juni 2011 Standort des Second-Hand-Geschäfts – gefeiert werden.
Der Laden habe sich sehr gut entwickelt, so die Verantwortlichen. Schon bevor die Glastür morgens aufgeschlossen wird, stehen etliche Menschen davor. „Und zwischen 11 und 12 Uhr geht es an unserer Kasse zu wie bei Aldi“, sagt Ausbilderin Gabi Wild-Steinbrecher. Zwar könne jeder, ohne Nachweis der Bedürftigkeit, die gespendeten Haushaltswaren, Möbel, Spielsachen, Bücher und Kleidungsstücke zum Minipreis erwerben, aber das Gros der Kunden habe wirklich kaum Geld, so Kollege Rüdiger Schneider. Zunehmend kämen Ältere mit einer kargen Rente, die lieber nach Schnäppchen jagen als eine finanzielle Aufstockung zu beantragen. „Wir statten zudem Sozialwohnungen komplett aus – von der Einbauküche bis zum Handtuch“, erklären die beiden. Auch die Familie, die durch den Brand in Wattenheim am Freitag obdachlos wurde (wir berichteten), sei versorgt worden. Daneben ist die Daimlerstraße 1 Begegnungsstätte. Wild-Steinbrecher: „Mancher kommt einfach nur zum täglichen Schwätzchen.“ Wohl tut der Aufenthalt im Sozialkaufhaus und dem dazu gehörigen Möbellager auch den 26 Ein-Euro-Jobbern. „Ihr Alltag erhält Struktur, ihre Tätigkeit Anerkennung, und es entstehen Freundschaften“, stellt Betriebsleiterin und Gleichstellungsbeauftragte Andrea Breßler die Vorzüge der so genannten Arbeitsgelegenheiten heraus. Zum zweiten Mal habe die Werkstatt ein zehnmonatiges Jugendcoaching angeboten. In Theorie und Praxis, etwa bei handwerklichen Verrichtungen, lernen bis zu zwölf junge Leute ihre persönlichen Stärken kennen, um die nächsten Schritte auf ihrem (Aus-)Bildungsweg gehen zu können. Premiere hatte ein Erwachsenencoaching über drei Monate mit zehn Plätzen. „Neun waren besetzt. Vier Teilnehmern haben wir eine Richtung geben können“, bilanziert Breßler. Von den einst 16 außerbetrieblichen Ausbildungsstellen sind nur noch fünf pro Lehrjahr übrig geblieben, die von der Arbeitsagentur finanziert werden. Weitere fünf gibt es jetzt in Neustadt. Die Sieben-Jahres-Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds (EFS) für besondere zusätzliche Maßnahmen ist ausgelaufen. In Grünstadt wird nur noch ein Beruf angeboten: Verkäufer. Einst konnten noch drei andere zweijährige Ausbildungsgänge gewählt werden: Kfz-Servicemechaniker, Fachkraft im Gastgewerbe und Lagerist. „Bei fünf Plätzen können wir nicht Ausbilder für vier verschiedene Berufe vorhalten“, sagt Schneider, der nur noch zwei statt drei festangestellte Kollegen hat. Abgesehen davon fanden sich für Gastronomie und Lagerhallen kaum Interessenten und der Modellversuch Kfz-Servicemechaniker lief nach zehn Jahren zum 1. August 2013 aus. „Neun Verkäufer haben im vergangenen Jahr erfolgreich ihre Prüfung abgelegt“, berichtet Wild-Steinbrecher. Ein Drittel der Absolventen mache jetzt weiter zum Einzelhandelskaufmann, die anderen seien in Anstellungen. „Das ist volkswirtschaftlich ein großer Gewinn: Sie zahlen Steuern, Sozialversicherung und haben Geld zum konsumieren“, betont die 56-Jährige, die derzeit nebenbei in Koblenz Soziale Arbeit studiert. Schneider (55) bastelt gerade an der Fern-Uni Hagen an seinem Master in Bildungswissenschaften. Solche Weiter- und Fortbildungen werden laut Wild-Steinbrecher nach der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV) verlangt. „Wir müssen uns jetzt einmal jährlich in einem sehr aufwendigen und teuren Verfahren auditieren lassen“, erzählt Breßler und fügt an: „Es wäre schön, wenn wir mehr Zeit für die Arbeit an den Menschen hätten.“