Grünstadt „Am Ende zählen Taten und nicht die Abstammung“

Mit einem Kabarett beginnt das letzte Jahresprogramm in Krauses Keller KraKel in Mühlheim: Am 3. Mai kommt Özgür Cebe aus Köln und präsentiert „Der bewegte Muselmann“. Begleitet wird die bereits ausverkaufte Darbietung mit türkischen Spezialitäten in der Pause und einer Ausstellung der jungen Grünstadter Modedesignerin Aylin Aksu. Darüber, was das Publikum speziell auf der kleinen Bühne in dem urigen Sandsteingewölbe erwarten kann und über Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Integration sprachen wir mit dem Comedian, der armenische, kurdische und türkische Wurzeln hat.
Meine Eltern kommen ursprünglich aus Malatya in Anatolien. Im Zuge der Verfolgung der Armenier durch die Jungtürken damals sind armenische Vorfahren meines Vaters nach Anatolien geflohen. Dort haben sie sich über die Jahrzehnte mit der kurdischen und türkischen Bevölkerung vermischt. Wie lebt es sich als armenisch-, kurdisch- und türkischstämmiger Mensch? Gibt es Konflikte in Ihrem Inneren oder mit Ihrem Umfeld? Da ich mich mehr als Deutscher fühle, bekomme ich die Konflikte, die primär in der Türkei existieren, nicht unmittelbar mit. Auf der Bühne thematisiere ich meine Wurzeln, jedoch auf eine humorvolle Art. Für welche Wurzel haben Sie sich entschieden? Leben Sie als Moslem oder als Christ? Ich bin bekennender Moslem. Haben Sie jemals Fremdenfeindlichkeit zu spüren bekommen? Wenn ja, in welcher Form? Fremdenfeindlichkeit hat mich leider immer wieder begleitet in meinem Leben. Ich möchte nicht auf Einzelheiten eingehen und Rassisten keine Plattform bieten. Die sind es mir nicht wert. Nur so viel: Als Jugendlicher habe ich eine Art Trotz auf die Fremdenfeindlichkeit entwickelt. Frei nach dem Motto „Wenn die mich nicht wollen, halte ich mich an Meinesgleichen“. Im jungen Erwachsenenalter habe ich gemerkt, dass meine damalige Haltung genauso rassistisch war. Heute habe ich eine deutsche Lebensgefährtin und distanziere mich von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Maßgebend ist der Charakter eines Menschen. Egal, wo seine Wurzeln liegen. Kein Mensch kann bestimmen, mit welcher Hautfarbe er auf die Welt kommt. Am Ende teilen wir alle das gleiche Schicksal – den Tod. Als Moslem bin ich der Meinung, dass am Ende Taten zählen und nicht die Abstammung. Warum sind Sie nicht in der Computerbranche geblieben? War Ihnen das zu trocken? Ich habe mich schon immer als Künstler gefühlt. Zwar habe ich neben der Ausbildung als Schauspieler auch eine in der IT-Branche abgeschlossen, jedoch nie im Computerbereich gearbeitet. Ich glaube, dass ich mich mit der Ausbildung einfach absichern wollte. Ich unterhalte lieber Menschen als mich von PCs unterhalten zu lassen. Welche Ziele verfolgen Sie vorrangig mit Ihrem Kabarett? Wollen Sie in erster Linie unterhalten oder einen Beitrag zur Integration leisten? Unterhaltung ist ein wichtiger Faktor. Ich möchte meinen Zuschauern ein Lächeln, oder noch besser, ein Lachen ins Gesicht zaubern. Natürlich habe ich eine Botschaft in meinen Programmen. Integration ist im „Bewegten Muselmann“ ein wichtiger Bestandteil. Warum funktioniert Integration manchmal nicht? Wer oder welche Umstände sind schuld daran? Ich glaube, dass Integration oftmals an Vorurteilen scheitert. Man muss man das differenziert betrachten. Wenn Sie mich fragen, ob ich integriert bin, würde ich mit einem Nein antworten. Ich habe nie verstanden, warum man mich integrieren will. Schließlich bin ich hier geboren und aufgewachsen. Wenn man von mir Integration aufgrund meines für deutsche Ohren fremd klingenden Namens verlangt, fordere ich auch die Integration eines Kevins oder Justins. Integration ist für mich eigentlich ein fehlbesetztes Wort. Ich verstehe darunter, dass sich etwas Fremdes an etwas Bestehendes anpassen muss. Wenn ein in Deutschland geborener Mensch sich von der Gesellschaft abkapselt, dann ist das ein deutsches Problem. Denn die Abkapselung ist nicht im Ausland entstanden. Es ist auch nicht nur die eine Seite schuld. Wie in einem Ehestreit sind beide Parteien verantwortlich. Begegnung und Bildung sind wichtige Schritte in Richtung Gemeinsamkeit. Was sagen Sie als Computerexperte zu den Bemühungen Erdogans, Twitter zu verbieten? Selbstverständlich bin ich nicht begeistert. Auch bin ich kein Befürworter Erdogans. Ich glaube auch nicht, dass er das je gemacht hätte, wenn die Gülen-Bewegung nicht an seinem Sturz interessiert wäre. Er kämpft ums nackte politische Überleben. Nach den letzten Wahlen ging die Runde an ihn. Es ist paradox: Dieser Mann regiert autoritär, hat eine Denkstruktur wie im Mittelalter, aber ohne ihn hätte die Türkei nie so eine wirtschaftliche Entwicklung erlebt wie heute. Nutzen Sie selber soziale Netzwerke? Sind sie ein Segen oder ein Fluch? Ich bin ein Facebook-Junkie. Mehr sage ich dazu nicht. Wie lange sind Sie schon mit „Der bewegte Muselmann“ unterwegs und was erwartet das Publikum? Den „Muselmann“ spiele ich schon fast drei Jahre. Das Publikum darf sich auf einen unterhaltsamen Abend mit gesellschaftskritischem Kabarett, Klamauk und Gesang freuen. Schreiben Sie schon an Ihrem nächsten Programm? Wenn ja, worum wird es gehen? Ich habe bereits ein zweites Programm: „Freigeist oder geistfrei… das ist hier die Frage“. Da geht es nur am Rande um Integration. Der Freigeist ist politischer. Ich will aber nicht zu viel verraten.