Bockenheim
Adventsmärkte: Warum die Glühweinkerwe übriggeblieben ist
Von allen Seiten strömen die Menschen herbei, um auf dem Platz der Partnerschaft in Bockenheim gemeinsam bei der Glühweinkerwe die Adventszeit zu genießen. Kurze Zeit nach Öffnung der Stände ist ein Durchkommen kaum mehr möglich. Wer etwas essen oder trinken möchte, muss Geduld mitbringen. „Wir stehen hier alle an. Sie müssen sich hinten an die Schlange stellen“, fährt eine Besucherin einen Mann an, der an allen vorbei nach vorn zur Ausgabe der Speisen stürmt. „Danke für den freundlichen Hinweis“, entgegnet er und klärt auf: „Ich hatte schon bestellt und bezahlt, jetzt sind meine Flammkuchen fertig.“
Auch französische Akzente
Die aus dem Elsass stammende Köstlichkeit gibt es an der Bude des Partnerschaftsvereins in klassischer und in vegetarischer Variante. Jeder georderte Fladen wird im Ofen vor Ort frisch gebacken und von Heike Mersmann-Metz am Schluss noch heiß mit Petersilie bestreut. Sie hat mit ihren drei Kollegen in der Hütte alle Hände voll zu tun. „Wir kommen gar nicht hinterher“, stöhnt sie. Gleichzeitig freut sie sich natürlich über den Andrang, denn schließlich kommen alle Erlöse dem freundschaftlichen Austausch mit Grandvilliers zugute. Immer an Pfingsten finden im Wechsel gegenseitige Besuche statt. Die intensive und nie unterbrochene Beziehung besteht seit 1983.
Jetzt hat sich eine größere Gruppe Grundschüler aufgestellt. Unter der Gitarrenbegleitung ihrer Chorleiterin Lena Duszynski trällern die Singflöhe des örtlichen Gesangvereins „Feliz Navidad“ und „Kling, Glöckchen, klingelingeling“. Ihre Stimmen sind aufgrund des Trubels auf dem Platz kaum zu vernehmen. Auch das Lied „In der Weihnachtsbäckerei“ geht nahezu unter. Kräftigen Applaus gibt es trotzdem – und die Forderung nach einer Zugabe. Gern verlängern die Kinder ihren Auftritt mit „We Wish You A Merry Christmas“, das sie mit englischen und deutschen Strophen präsentieren. Dann aber müssen auch die Kinder Geduld aufbringen. Sehnsüchtig erwarten sie den Nikolaus, der aber erst einmal nicht auftaucht.
Mit dem Streicheln des putzigen Rauhaardackels, der mit seinem Frauchen unter der zum Christbaum erhobenen Eibe hockt, vertreiben sich einige Jungen und Mädchen die Zeit. Die Erwachsenen stärken sich derweil mit Glühwein oder Punsch, den die Freiwillige Feuerwehr ausschenkt. Die Jugendfeuerwehr hat Crêpes im Angebot und Doris Sorge selbst gemachte Taschen und Krippen. „Der Erlös ist für den Bockenheimer Carnevalverein gedacht“, erläutert sie. Am Tresen des Weingutes Benß kann Hexenfeuer und Winterdiesel getrunken werden: mit Fruchtsäften zusammen erhitzter roter beziehungsweise weißer Wein, ohne Zucker und ohne die üblichen Glühweingewürze. Daneben gibt es warme Schnäpse und Mixgetränke von der Brennerei Keidel. Laut Inhaber Uli Keidel , seit kurzem Bürgermeister (parteilos) des Dorfes, sind die beiden zuletzt genannten Stände die Keimzellen der Glühweinkerwe.
Die Veranstaltung sei entstanden, weil es auf dem ursprünglichen Adventsmarkt rund um den Bockenheimer See Streit um den Ausschank des begehrten Heißgetränks gegeben habe, erzählt er. Beide Events liefen daraufhin eine Weile parallel, das eine am ersten, das andere am zweiten Adventswochenende. Übrig blieb der kleine Budenzauber auf dem Platz der Partnerschaft, zu dem sich auch der Nikolaus angekündigt hatte – doch der bleibt vorerst fern. Allmählich werden die Singflöhe unruhig. Duszynski ermuntert sie, ihn mit einem „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ herbeizurufen. Aber er taucht nicht auf. Keidel erklärt, dass Santa Claus im Stau stehe, und verteilt zusammen mit Benß schon mal ein bisschen Schokolade. Bald darauf schaut der Nikolaus dann doch noch vorbei und der Chor begrüßt ihn mit „Jingle Bells“.