Grünstadt
A6: Warum Mannheim neuen Lärmschutz bekommt und Grünstadt nicht
Dieses Gerücht hält sich seit vielen Jahren: Bei der Autobahnsanierung in den 1990ern hätten Strippenzieher aus der Kommunalpolitik diskret dafür gesorgt, dass wohlhabende Grünstadter möglichst wenig Lärm abbekommen. Demnach sei die A6-Fahrbahn für den Verkehr in Richtung Kaiserslautern künstlich höhergelegt worden. Also werde das Dröhnen nun eher von der Kernstadt und vor allem von ihren teuren Hanggrundstücken weggelenkt – und stärker ins eingemeindete Winzerdorf Sausenheim geleitet, das auf der anderen Seite der Verkehrsachse liegt.
Sanierung für 21 Millionen Euro
Über das Dröhnen der Autobahn und wer es abkriegt, wird in der Region derzeit wieder mehr diskutiert. Denn seit einigen Wochen ist die A6 hier wieder Baustelle: Voraussichtlich bis Sommer 2027 werden in einigen Abschnitten mehrere Fahrbahn-Teilstücke erneuert. 21 Millionen Euro will die Autobahn GmbH dafür ausgeben. Das Großprojekt ließ vorab bei Politikern wie den Bundestagsabgeordneten Isabel Mackensen-Geis (SPD) und Johannes Steiniger (CDU) die Hoffnung keimen, dass die Umgebung automatisch besseren Lärmschutz bekommt.
Denn wenn vorhandene Straßen ausgebaut werden, greifen – wie bei einem Neubau – anschließend die aktuellen Grenzwerte: Ist es zu laut, muss die für die jeweilige Verkehrsachse zuständige Stelle für mehr Ruhe sorgen. Doch fürs Leiningerland hat die Autobahn GmbH des Bundes schnell abgewunken. Begründung: Die Lärmschutz-Pflicht greift nur bei einer „wesentlichen Änderung“. Die tritt zum Beispiel ein, wenn etwa eine zusätzliche Spur entsteht. Bei Grünstadt hingegen steht nur eine Bestandssanierung auf dem Programm.
Neuer Lärmschutz bei Mannheim
Allerdings gibt es ein Gegenbeispiel von der anderen Rheinseite: Bis Ende 2024 ist mehrere Jahre lang ein A6-Abschnitt zwischen der Ausfahrt Mannheim-Sandhofen und dem Viernheimer Dreieck saniert worden. Auch da haben die Arbeiter lediglich die abgenutzte Fahrbahn-Oberfläche ausgetauscht und marode Brücken repariert. Aber brandneue Lärmschutzwände flankieren die Trasse jetzt trotzdem. Begründung der Autobahn GmbH: Dort standen vorher Schall-Barrieren, die baufällig waren und deshalb ausgetauscht worden sind.
Neben höheren oder zusätzlichen Lärmschutzwänden gibt es aber noch eine weitere Möglichkeit, Autobahn-Anwohnern mehr Ruhe zu verschaffen: Flüsterasphalt, der das Dröhnen um etwa fünf Dezibel verringern soll. Fachleuten zufolge ist er eigentlich für Strecken entwickelt worden, die ein massives Aquaplaning-Problem haben. Im Gegensatz zum herkömmlichen Belag hat er offene Poren, kann daher Wasser aufnehmen. Nebeneffekt: Er schluckt zugleich auch einen Teil der Schallwellen, die entstehen, wenn über ihn Reifen hinwegrollen.
So funktioniert Flüsterasphalt
Die wiederum peinigen die A6-Anwohner viel mehr als der Motorenlärm, der nur im langsameren Innenstadt-Verkehr das Hauptproblem ist. Dem Flüsterasphalt wird daher bescheinigt, Autobahn-Dröhnen um durchaus merkliche fünf Dezibel zu verringern. Doch das durch seine offenen Poren aufgenommene Wasser wird anders abgeleitet als bei einem herkömmlichen Belag. Und um den dafür nötigen Unterbau zu konstruieren, müsste nun laut Autobahn GmbH gerade im Grünstadter Stadtrand-Bereich noch umfangreicher saniert werden als geplant.
Denn dort lässt die Betreibergesellschaft der deutschen Hauptverkehrsachsen nur die oberen Fahrbahnschichten austauschen: Eine tiefgreifendere Unterbau-Sanierung steht erst für den nächsten A6-Abschnitt an, der sich ab Frühjahr 2026 von der Grünstadter Ausfahrt aus weiter in Richtung Rhein-Ebene erstrecken wird. Doch auch dort kommt Flüsterasphalt für die Autobahn GmbH nicht infrage. Denn seine besondere Struktur macht ihn anfällig. Fachleuten zufolge muss er mit Spezialmaschinen gereinigt werden, die es in der Region gar nicht gibt.
Lärmschutz-Effekt verschwindet
Doch selbst mit noch so guter Pflege verstopft Dreck nach und die offenen Poren. Damit verliert der Flüsterasphalt nicht nur allmählich seinen Lärmschutz-Effekt, auch seine Griffigkeit schwindet. Also muss er vergleichsweise bald wieder ausgetauscht werden. Straßenbauer geben ihm acht bis zehn Jahre. Was nun stattdessen als Belag auf der A6 im Leiningerland verbaut wird, soll zweieinhalbmal so lange halten und trotzdem ein wenig Rücksicht auf die Anwohner nehmen. Denn eingesetzt wird laut Autobahn GmbH „lärmreduzierter Gussasphalt“.
Etwas schwerer fällt der Betreibergesellschaft hingegen eine klare Ansage zur angeblichen Lärmlenkungs-Trickserei in den 1990er-Jahren. Schließlich existierte sie damals noch gar nicht: Der Bund bezahlte früher zwar für die Autobahnen, aber um sie kümmern mussten sich Landesbehörden. Nachvollziehen lässt sich nach Angaben einer Sprecherin aber, dass beide Richtungsfahrbahnen bei Grünstadt im Abstand weniger Jahre erneuert wurden. Und zwar per „Hocheinbau“. Bei diesem Verfahren wird die neue Fahrbahn einfach über die alte Trasse gelegt.
„Ob hier lärmtechnische Gründe eine Rolle gespielt haben, entzieht sich unserer Kenntnis“, sagt die Sprecherin der Autobahn GmbH. Allerdings befänden sich beide Fahrbahnen im Stadtrand-Abschnitt in etwa auf gleichem Niveau. Einen nennenswerten Höhenunterschied gebe es erst am Leininger Berg, der hinauf nach Neuleiningen führt.