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Samstag, 13. Mai 2017 Drucken

Grünstadt Land

Hochzeit unter Hitler-Glocke

HERXHEIM AM BERG: Im Alltag vielfach unbemerkt befinden sich um uns herum bis heute sichtbare Überbleibsel der Nazi-Zeit. Bundesweit läuft gerade eine heftige Debatte über den Umgang mit Wehrmachtsandenken. Dazu passt bei uns die Frage nach einer Glocke aus dem Jahr 1934. Sie ist Adolf Hitler gewidmet und ruft in Herxheim am Berg zum Gottesdienst.

Von Stephan Alfter

„Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“: Bis heute ist die Glocke aus dem Jahr 1934 im Einsatz. Eigentümer ist die Gemeinde Herxheim am Berg. Bürgermeister Ronald Becker sieht kein Problem in der Nutzung.

„Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“: Bis heute ist die Glocke aus dem Jahr 1934 im Einsatz. Eigentümer ist die Gemeinde Herxheim am Berg. Bürgermeister Ronald Becker sieht kein Problem in der Nutzung. ( Foto: Hass/Frei)

Ein eingemeißeltes Hakenkreuz findet sich an der nördlichen Seite des Kirchturms.

Ein eingemeißeltes Hakenkreuz findet sich an der nördlichen Seite des Kirchturms. ( Foto: Hass/frei)

Unverkennbares Zeichen der Nazi-Herrschaft: ein Hakenkreuz an der Herxheimer Kirche .

Unverkennbares Zeichen der Nazi-Herrschaft: ein Hakenkreuz an der Herxheimer Kirche . ( Foto: Ladwig)

Eric Hass weiß fast alles über Herxheim am Berg. Der Hobbyhistoriker ist bekannt für die Ausführlichkeit seiner Darstellungen und selbst, wenn es um die eigene Familie geht, nimmt er kein schönendes Blatt vor den Mund. 1934 war im Ort die protestantische Kirche St. Jakob saniert worden, nachdem sie in Folge eines Eifersuchtsdramas, das die RHEINPFALZ im Jahr 2010 näher beleuchtet hat, abgebrannt war. Im Glockenturm hängt seither eine im Dezember 1934 eingeweihte Bronzeglocke mit Hakenkreuz, versehen mit einem für die damalige Zeit üblichen Nazi-Spruch. Unter falscher Verwendung eines Apostrophs steht dort: „Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“. Es handelt sich laut Hass um die kleinste und einzig verbliebene von drei NS-Glocken. Ein Bildmotiv von damals zeigt alle drei auf einem Pferdewagen vor der Kirche. Die sogenannte Polizeiglocke, die als Warnsignal genutzt wurde, überlebte das spätere Einschmelzen zum Zweck der Waffenproduktion im Zweiten Weltkrieg als einziges Exemplar.

Seit nunmehr 83 Jahren ruft sie die Herxheimer Bürger am Sonntagmorgen zum Gottesdienst – nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft mit zwei Glocken neueren Datums. Zusammen erklingen alle drei außerdem zu Ostern, zu Weihnachten und nicht zuletzt zur Konfirmation. Das geht aus der Läuteordnung hervor, die uns Pfarrer Helmut Meinhardt zur Verfügung gestellt hat. Wer möchte, kann sich auf dem Youtube-Kanal im Internet unter dem Suchbegriff Herxheim am Berg anhören, wie das Plenum-Geläut klingt.

Dass man unter der Hitler-Glocke bis heute sogar eine Ehe schließen kann, ärgert manche Menschen. Sigrid Peters aus Weisenheim am Berg gehört zu denen, die sagen, dass man die Glocke sofort abschalten müsse. „Ins Museum damit“, findet sie. Sie sehe das Thema auch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Wehrmachtsandenken, die in deutschen Kasernen gefunden wurden.

Ortsbürgermeister Ronald Becker pflichtet ihr nicht bei. „Ich sehe keinen Grund, die Glocke zu entfernen“, sagt er. Tatsächlich ist bis heute nicht die Kirche Eigentümer der Glocke, sondern die Gemeinde und insofern Ronald Becker ihr oberster „Dienstherr“. Es handelt sich also – wie zur Zeit des Nazi-Regimes – um eine politische Glocke, die nach Darstellung von Pfarrer Meinhardt von Glockensachverständigen tontechnisch in die Klangkulisse der anderen beiden integriert worden sei, um im Ort keine Misstöne zu haben.

Becker spricht von einer historischen Glocke, die aus einer anderen Zeit komme. „Das sind Sachen von damals, die heute noch benutzt werden“, formuliert er pragmatisch. Einen aufklärenden Hinweis auf die Glocke mit dem Hakenkreuz hält er nicht für notwendig. Er sei bereits einige Male auf die Glocke angesprochen worden, eine größere Aufmerksamkeit habe das Thema seit der Feier zum 1000. Jahrestag der Grundsteinlegung der Kirche im Jahr 2014 aber nicht erlangt. An der nördlichen Seite des Turms versteckt sich an einem oberen Eckstein im Gesims aber auch noch ein eingemeißeltes Hakenkreuz. Eric Hass erklärt, dass ein unbekannter Maurer das Symbol 1934 dort angebracht habe. Die Zeit des Nationalsozialismus, so Hass, habe aber noch mehr Spuren hinterlassen an der Herxheimer Kirche.

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