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Samstag, 13. Oktober 2018 Drucken

Grünstadt: Kultur Regional

Ein legendärer Abend

Musikalische Lesung über Bob Dylan, Leonard Cohen und andere Weggefährten bei Mussler in Bissersheim

Von Anja Benndorf

Überzeugender Vortrag: Matthias Schärf, David Maier und Boris C. Motzki (von links).

Überzeugender Vortrag: Matthias Schärf, David Maier und Boris C. Motzki (von links). ( Foto: Benndorf)

„Die Demokratie kommt durch ein Luftloch“, liest der Schauspieler und Regisseur Boris C. Motzki. „Democracy is coming to the USA (…) from the sorrow in the street“, singt der Wormser Kulturmanager David Maier, auf der Gitarre begleitet von Matthias Schärf. Am Donnerstag hat das Trio in der Vinothek des Bissersheimer Weingutes Mussler eine musikalische Lesung präsentiert – ebenso witzig-locker wie ernsthaft-besinnlich.

Rund 70 Besucher genießen die Darbietung bei gedimmtem Licht, bei der Ausschnitte aus Leonard Cohens erstem Roman „Das Lieblingsspiel“ sowie Passagen aus „Chronicles, Volume 1“, dem ersten Teil der Autobiografie von Bob Dylan, zu Gehör gebracht werden. Dazu gibt es jede Menge bekannte Songs der beiden Musikerlegenden. Die zwei Urgesteine unter den Singer-Songwritern und Lyrikern hätten nichts von ihrer Aktualität und ihrem Charme verloren, meint Motzki, der Maier und Schärf noch aus Schulzeiten kennt. „Wir liefen uns nach 20 Jahren wieder über den Weg, und an einem weinseligen Tag haben wir beschlossen, gemeinsam auf Tour zu gehen.“ Bei Mussler feiern die drei mit ihrem Projekt ihr Debüt in der Pfalz.

Dass Cohen seine Karriere mit dem Schreiben von Gedichten begann, dürfte nicht jedem bekannt sein. Der Verfasser selbst habe nicht viel Freude daran gehabt, denn er „verdiente nichts und kam damit auch nicht bei den Frauen an“, so Motzki augenzwinkernd. Er rezitiert „Wenn ich alles besitze“, „Lehrer“ und „Suzanne“, das 1966 vertont wurde und eines der berühmtesten Lieder des im Herbst 2016 verstorbenen Kanadiers ist. Maier interpretiert diese schöne Ballade mit seiner sonoren Stimme, die der von Cohen gar nicht so unähnlich ist. Es ist eine Gänsehaut erzeugende Mischung aus melodischem Sprechen und hauchendem Gesang.

Dafür erklingt nach einigen kurzen Gedichten das ebenso grandiose und in etwa genauso alte Stück „So long, Marianne“. David Maier singt auch dieses mit seiner tiefen, leicht kratzigen Stimme sanft und gefühlvoll. Ein wahrer Genuss. Als die Protagonistin des Liedes, die Norwegerin Marianne Ihlen, mit der Cohen in den Sechzigern liiert war, im Sommer 2016 im Sterben lag, habe dieser sie im Krankenhaus besucht, so Motzki, bevor er eine Szene aus „Das Lieblingsspiel“ zum Besten gibt. Es ist die Geschichte des Juden Lawrence Breavman, und Cohen beschreibt in dem vorgelesenen Teil sehr realistisch und einfühlsam, wie sich schon Kinder mit Themen wie Gewalt und Sexualität beschäftigen. Nach einem kleinen Zwischenspiel zum Mitschnipsen mit John Lennons „Instant Karma!“ taucht der Dramaturg des Staatstheaters Mainz noch mal in den Roman ein und liest eine Passage, in der der inzwischen ältere Lawrence die 20-jährige Heather hypnotisiert und zu einem „ersten Schlafopfer“ macht.

Nach der Pause kommentiert Motzki: „Es ist schön, Dylan-Songs auch mal gut gesungen zu hören.“ Soeben hat Maier „Blowin In The Wind“ und „Like A Rolling Stone“ vorgetragen, wobei sich seine Stimme fantastisch der des heute 77-jährigen Komponisten angenähert hat. Bob Dylan, der ein großes Song-Repertoire erschaffen hat, gibt in „Chronicles“ viele Einblicke in sein Leben sowie in die vom liberalen Geist geprägte Zeit seiner jungen Jahre, wobei er mit Legenden aufräumt. Es ist ein Spaß, Motzki zu erleben, wie er die in dem Buch vorkommenden Personen mit unterschiedlichen Stimmen zu Wort kommen lässt.

Als Schmankerl übernimmt auch Maier in einer Szene eine Figur und tritt mit Dylan in einen amüsanten Dialog. Gesungen wird von ihm unter anderem noch „Hey, Mr. Tambourine Man“ und „Worried Man Blues“, ein altes Kampflied der Arbeiterbewegung von Woody Guthrie. Mit „If I Had A Hammer“, das Pete Seeger 1949 schrieb, will sich das engagierte Trio verabschieden. Doch das gelingt nicht: Denn nach diesem Protestsong ist die Stimmung des mitsingenden Publikums in der Vinothek auf dem Höhepunkt, und es werden Zugaben verlangt. Von der Bühne geht es erst nach weiteren drei Cohen-Texten und dem großartigen Simon-and-Garfunkel-Hit „The Sound Of Silence“.

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