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Freitag, 29. Mai 2015 Drucken

Grünstadt Land

„Du musst das mal aufschreiben“

Interview: Ursula Wollnik über ihr Buch zur Geschichte der Steingutfabrik Jacobi, Adler & Co. in Neuleiningen-Tal

Neuleiningen. Ursula Wollnik, vor 80 Jahren in Berlin geboren, Diplom-Ingenieurin der Fachrichtung Chemie, 1969 nach Neuleiningen gekommen, heute in Battenberg lebend, war von 1974 bis 1996 Oberstudienrätin für Chemie und Biologie am Leininger-Gymnasium und lange Jahre Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins Neuleiningen. In vieljähriger Arbeit hat sie ein 217 Seiten starkes, reich illustriertes Buch über die Firma Jacobi, Adler & Co., später Neuleininger Steingutfabrik AG (1864 bis 1932) geschrieben: „Die Steingutfabrik Neuleiningen, Beispiel für die Industrialisierung im ländlichen Raum in der Zeit von 1864 bis 1932 sowie Geschichte der jüdischen Unternehmer-Familien Adler und Jacobi“. Es wird am kommenden Sonntag beim Neuleininger Museumsfest vorgestellt. Roland Happersberger sprach mit ihr über ihr Projekt.

 

Frau Wollnik, wie kommt eine Chemikerin zur Industriegeschichte?

So fachfremd ist das gar nicht, wie ich immer wieder festgestellt habe. Dass ich auch über die Fertigungstechnik schreiben konnte, das ist meiner Chemiegeschichte zuzuschreiben. Es kam über den Verein. Da sind Leute aus dem Dorf gekommen und haben erzählt: Mein Unkel hot do geschafft. Ich hab da noch Sache... Die Leute haben mir vieles erzählt. Und der Franz Fluch hat immer mehr Akten zusammengetragen. Bernhard Freyland hat zu mir gesagt: Du musst das mal aufschreiben! Das war der Beweggrund. Auch, dass es ein jüdischer Betrieb war. Ein weiterer Aha-Effekt: Nach der Wiedervereinigung habe ich öfter meine Mutter in Berlin besucht und habe zu meiner Überraschung dort auf den Flohmärkten Geschirr von Jakobi und Adler gefunden und für billiges Geld gekauft. Nach meiner Pensionierung ist dann mein Mann ziemlich plötzlich gestorben; ich war 62 und habe mich gefragt: Was machst du mit deinem Leben? Ich habe dann ein Zweitstudium in Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg aufgenommen und dabei schon eine Seminararbeit über Jacobi und Adler geschrieben. Ich habe auch den Unikurs hier gehabt und ihm das Geschirr und die Orte im Tal gezeigt, wo die Fabrik stand. Ja, und dann war es schon beschlossene Sache, dass ich das Buch schreibe.

Gab es Kontakt mit Nachfahren der Fabrikantenfamilien?

Ja, mehrfach, zum Beispiel mit Hermann Maximilian Adler, dem Sohn von Samuel Adler. Er war sieben Jahre alt, als sein Vater 1911 starb. Seine Tochter habe ich hier über den Friedhof geführt. Wir hatten Vertreter von beiden Familien hier: Dr. Dan Philipp, den Enkel von Adolf Adler. Er hat als Psychologe in Deutschland promoviert und arbeitet in Tel Aviv. Er ist über 80 und immer noch berufstätig. Und dann war Frau Confino aus England hier, die Enkelin von Isaak Jacobi. Es war für sie eine Befriedigung festzustellen, dass die beiden Familien die Firma nicht durch den wachsenden Nationalsozialismus verloren, sondern schon vorher durch die schlimmen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Beide haben sich immer beklagt, dass sie kein einziges Stück aus der Produktion haben.

Bestimmt war einiges an Detektivarbeit nötig, um der Firma auf die Spur zu kommen?

Ja, wir haben zum Beispiel bei einer Frau im Ort einen Katalog von der Degussa gefunden. Die Fabrik hat von dort Glanzgold bezogen. Degussa hat mir ausführlich geantwortet und mich auf den „Sprechsaal“, die damalige Fachzeitschrift der keramischen Industrie, hingewiesen. Die habe ich ausgewertet in Berlin, Nürnberg, bei Villeroy & Boch im Saarland. Überall waren einzelne Exemplare. In dieser Zeitschrift habe ich Stellenanzeigen von Jacobi und Adler gefunden. Wenn es einer Steingutfabrik nicht gut ging und es keine Arbeit mehr gab, mussten die Arbeiter weiterwandern. Etliche Leute sind so in Neuleiningen sesshaft geworden: Die Familie Stubenvoll kam aus Hirschau in der Oberpfalz, Merseburg aus Neuhaldensleben bei Magdeburg.

Gab es hier im Ort noch Material?

Die Geschäftspapiere und Firmenakten sind 1937 verbrannt worden, als die Firma liquidiert wurde. Aber ich habe noch manches im Gemeindearchiv gefunden, besonders über die wirtschaftliche Situation der Zeit. Und so ist in jahrelanger Arbeit das Buch entstanden – über eine Epoche, der gegenüber ich immer widerwillig war, weil meine Eltern sehr unter dem Ersten Weltkrieg und der Zeit danach gelitten haben. Wesentlichen Anteil hatten Franz Fluch und Wolfgang Niederhöfer, die im Gemeinde- und Landesarchiv viele Dokumente gefunden und kopiert haben, und Lothar Müller, der das Layout und die Druckvorbereitung gemacht hat.

Was hat Sie motiviert, so viel Arbeit in das Projekt zu stecken?

Ich hab das Buch für die Neuleininger geschrieben – viele haben Verwandte und Vorfahren, auch in der Nachbarschaft, besonders in Kleinkarlbach, die in der Steingutfabrik arbeiteten –, weil die immer gefragt haben: Wie war das mit der Fabrik und den Juden? Man hat hier gut miteinander gelebt, hat sich respektiert, es gab nie Probleme. Das darzustellen war mir wichtig: Deswegen bringe ich die Familiengeschichte so ausführlich. Das hat mich ja schon beschäftigt, als ich die Schrift über die Familie Kaufmann gemacht habe. Und dann: Es hat ja wenig Sinn, nur zu beschreiben, was hier im Ort war, man muss auch die Bezüge zur großen Geschichte schildern. Dabei habe ich viel gelernt – ein sehr interessanter Prozess.

Man hört, dass schon wieder hochinteressante familien- und ortsgeschichtliche Aufzeichnungen beim Heimat- und Kulturverein angekommen sind, die der Auswertung harren. Material für Sie?

Na ja, mal sehn, man muss ja was zu tun haben in meinem Alter

 

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