Frankenthal „Wir füllen eine Lücke“

Informieren am 6. November über die neue ambulante Palliativversorgung vor Ort: Annette Becker-Annen und Andreas Brückner.
Informieren am 6. November über die neue ambulante Palliativversorgung vor Ort: Annette Becker-Annen und Andreas Brückner.

«BAD DÜRKHEIM.»Seit elf Jahren haben schwerkranke Menschen in besonderen Fällen ein Recht auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). So können sie zu Hause ohne Schmerzen sterben. Das Angebot ist im Land noch lückenhaft. Von Dürkheim aus bieten die Diakonissen Speyer-Mannheim diese Leistung für eine größere Region an. Im Interview sprechen der Ärztliche Leiter des Stützpunkts, Andreas Brückner, und Annette Becker-Annen, SAPV-Leiterin der Diakonissen, über das Angebot.

Wie ist es, wenn ein todkranker Mensch zu Hause sterben kann statt im Krankenhaus oder im Hospiz? Brückner:

Ein Hospiz versucht schon, die Krankenhausatmosphäre zu vermeiden. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen fremd sein oder zu Hause sein. Wenn der Patient zu Hause ist, hat er sein eigenes Bett, seine eigene Bettwäsche, den Blick in seinen Garten. Das ist das, was die meisten Patienten wollen: zurück in die gewohnte Umgebung. Wann ist ein Sterbender aber besser in der Klinik aufgehoben? Brückner: Das hängt von der Symptomlast ab. Patienten mit Erbrechen, Atemnot oder starken Schmerzen werden zunächst stationär behandelt. Sind sie stabil genug, die Medikamente eingestellt, kann er oder sie nach Hause gehen mit weiterer palliativmedizinischer Betreuung. Dies war bisher in vielen Fällen nicht zu gewährleisten. Ersetzen Sie den Hausarzt oder den Pflegedienst? Brückner: Nein. Wir arbeiten immer zusammen, ergänzend zum Hausarzt und zum ambulanten Pflegedienst. Das, was sie nicht leisten können, macht unser Team. Sieben Tage die Woche, Tag und Nacht, an 365 Tagen im Jahr, stellen wir eine Rufbereitschaft. Und sind telefonisch oder vor Ort mit palliativmedizinischer, pflegerischer und psychosozialer Hilfe. Reicht das bisherige System mit Hausarzt und Pflegedienst denn nicht? Brückner: Die SAPV kommt da zum Einsatz, wo der Hausarzt an seine Grenzen stößt. Heute sind die Strukturen anders als vor 30 Jahren. Es gibt viele Gemeinschaftspraxen mit Arbeitszeitmodellen und Teilzeitstellen. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Landarzt von früher, der rund um die Uhr für seine Patienten im Einsatz war. Das ist aber auch vollkommen legitim. Insofern ist unser Angebot für viele Hausärzte eine große Erleichterung. Becker-Annen: Wir können es auch anders sehen. Wir reden hier von einem Rechtsanspruch der Menschen, die in Deutschland gesetzlich krankenversichert sind und am Lebensende eine aufwendige Versorgung brauchen. Das sind etwa zehn Prozent der Sterbenden. Können Sie das näher erklären? Becker-Annen: Seit elf Jahren gibt es in Deutschland diesen gesetzlichen Anspruch für Menschen, die nicht mehr geheilt werden können. Er ist im Sozialgesetzbuch V unter Paragraf 37b geregelt. In vielen Ländern ist der flächendeckend umgesetzt, in Rheinland-Pfalz ist das Angebot im Aufbau. Warum ist man in Rheinland-Pfalz nicht weiter? Brückner und Becker-Annen: Das wollen wir nicht kommentieren. Wer zahlt für SAPV? Becker-Annen: Es ist eine Leistung, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, nicht die Pflegeversicherung. Sie muss ärztlich verordnet werden. Die privaten Krankenkassen haben sich ganz rausgezogen, zahlen nach meiner Erfahrung aber auch dafür. Wer kommt zum Patienten? Becker-Annen: In der Regel kommen am Entlassungstag aus dem Krankenhaus ein Palliativmediziner und eine Pflegefachkraft zum Erstgespräch nach Hause. Am besten ist ein Angehöriger dabei. Es geht um einen Notfallplan, Information und Medikamente. Denn eines haben unsere Patienten nicht: Zeit. Später kommt immer der, der nötig ist. Wir müssen angerufen werden. Brückner: Zeit ist ein entscheidender Faktor. Wir nehmen uns Zeit. Für wen kommt das infrage? Brückner: Wir haben viel mit Krebspatienten zu tun, aber auch mit Parkinsonkranken, Herz- oder Lungenkranken, Menschen mit chronischen Erkrankungen im Endstadium. Wie sieht das SAPV-Team aus? Becker-Annen: Wir sind zehn Ärzte und acht Pfleger, teils niedergelassene Ärzte, teils aus den Krankenhäusern, verteilt im ganzen Zuständigkeitsgebiet. Alle haben eine besondere Weiterbildung im Bereich Palliativmedizin. Wir können Krankenhauseinweisungen vermeiden. Termin Am Dienstag, 6. November, 14 bis 16 Uhr, können sich Patienten und Angehörige über die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) informieren: Andreas Brückner, Leiter des Palliativstützpunkts Bad Dürkheim und Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus, und Annette Becker-Annen, Leitung SAPV Palliativnetz Süd- und Vorderpfalz, stehen für medizinische, organisatorische und finanzielle Fragen in der RHEINPFALZ-Redaktion bereit unter der Telefonnummer 06322 9452-27. | Interview: Simone Schmidt

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