Frankenthal
„Wie bei Aldi an der Kühltheke“: Grünen-Sprecher über Wahlverhalten
Herr Bruder, sind Sie enttäuscht, dass Deutschland nun doch keine grüne Kanzlerin bekommt?
Ein bisschen mehr hätte ich schon erwartet. Ich bin nicht furchtbar enttäuscht, dass wir nicht den Kanzler stellen. Aber ich befürchte, dass der Kampf gegen den Klimawandel unter grüner Führung etwas energisch angegangen worden wäre.
Das trotz allem starke Abschneiden Ihrer Partei bei der Bundestagswahl geht gerade etwas unter. Waren die Erwartungen vielleicht einfach zu hoch?
Bei mancher Prognose habe ich schon gedacht: Jetzt mal vorsichtig. Es gab eine Phase, da schien sich eine historische Chance zu bieten. Aber mit dem Klimaschutz ist es wie an der Kühltheke bei Aldi: Alle begrüßen das Tierwohl – und greifen doch zum Billigfleisch. Und in der Wahlkabine macht man am Ende nicht das Kreuz bei den Grünen, weil man denkt: Wenn die regieren, kostet das Benzin zwei Euro.
Hätten Sie nicht Lust, jetzt in Berlin bei den Gesprächen und in der neuen Regierung dabei zu sein?
Ich bin zu alt.
Der Grünen-Direkt-Kandidat Armin Grau ist auch schon 62 Jahre alt.
Selbstverständlich hätte ich Lust. Aber ich habe vor Jahren meinen Lebensplan anders aufgestellt. Mich an der Basis, in der Kommunalpolitik dafür einzusetzen, dass es der Stadt gut geht, finde ich auch wichtig für eine Demokratie.
Wenn Robert Habeck und Annalena Baerbock Sie um Rat fragen würden: Ampel oder Jamaika?
Dass die Schnittmengen mit der SPD größer sind, darüber müssen wir nicht diskutieren. Andererseits ist die SPD schon so lange in der Regierung, dass ich befürchte, sie bringt nicht den Elan auf, den wir dringend brauchen. Mit der Energiewende, der Mobilitätswende, der Digitalisierung stehen elementare Veränderungen an, die alle Schichten der Gesellschaft betreffen. Man muss jetzt miteinander sprechen und verlässliche Kompromisse finden. Das große Problem im Moment ist die FDP.
Ohne die wird es nicht gehen.
Stimmt schon. Aber mich stören so Sätze wie: Der Markt wird es schon richten. Der Markt braucht eben auch Grenzen. Nehmen Sie das Verbot von FCKW im Kühlschrank. Da hatten viele die Befürchtung, dass ihnen das Essen im Sommer schlecht wird. Vier Wochen später waren FCKW-freie Geräte auf dem Markt. Ökologie muss mit Ökonomie versöhnt werden. Die Wirtschaft hat das schon lange kapiert. Aber sie braucht verbindliche staatliche Leitplanken. Kein Unternehmen ist bereit, heute Milliarden zu investieren, wenn in fünf Jahren schon wieder alles hinfällig ist.
Grünen-Chef Habeck hat die Losung ausgegeben: Scheitern ist keine Option. Sehen Sie das auch so?
Die Leute haben gewählt und jetzt muss eine Regierung gebildet werden. Wir können ja nicht so lange abstimmen lassen, bis uns das Ergebnis passt. Es geht doch jetzt darum, die Probleme in unserem Land zügig anzugehen. Dabei wird auch Kompromissfähigkeit gefragt sein.
Und was sind für Sie die Themen, bei denen die Grünen keinen Zentimeter weichen sollten?
Letztlich ist das Ziel entscheidend. Auch die Grünen müssen Kompromisse machen. Der Kampf gegen den Klimawandel, die soziale Abfederung der Maßnahmen, mehr soziale Gerechtigkeit: Das sind die Themen, die uns wichtig sind. Ich persönlich bin für eine Anhebung des Mindestlohns und für die drastische Erhöhung der Hartz-4-Sätze, damit alle leben können. Denn am Ende ist es doch egal, ob sie beim Friseur etwas mehr zahlen – oder über die Steuer die Grundsicherung mitfinanzieren.
Wie wird Deutschland nach vier Jahren mit den Grünen in der Regierung aussehen? Was hat sich im Idealfall verändert?
Wir werden vielleicht schon keine Kohlekraftwerke haben, unsere Bürokratie wird sich so verändern, dass die Genehmigung eines Windrads nicht sechs Jahre dauert – und ich hoffe, dass wir in vier Jahren keine sozialen Verwerfungen haben durch die Einschnitte, die jetzt auf uns zukommen. Wobei eine Legislaturperiode für das alles vielleicht ein bisschen kurz ist. Wenn ein Öltanker halten will, braucht er auch eine Weile, bis er steht. Und auch mit einer grünen Regierung wird es ein langer, mit Frustrationen gepflasterter Weg sein. Interview: Sonja Weiher
Zur Person
Der Mediziner Gerhard Bruder (73) ist Fraktionssprecher der Grünen im Stadtrat und stellvertretender Ortsvorsteher im Vorort Flomersheim, wo er seit den 80er-Jahren mit seiner Familie lebt. Seit mehr als 30 Jahren ist er kommunalpolitisch aktiv.