Ludwigshafen
Was liebst du an LU? Kunstverein startet das Projekt „Noch nicht. Utopie im Entstehen“
Seit drei Jahren ist der Kunstverein Ludwigshafen ohne feste Heimat. Zum Jubiläumsjahr aber wird nun einfach die ganze Stadt zur Kunstausstellung. Mit ihrem Beton und ihren Fassaden, Umbrüchen und überraschenden Farben. Die Schau „Noch nicht. Utopie im Entstehen“ wirft den Blick auf die Nachkriegsarchitektur – und in die Zukunft. Um LU einmal mal mit anderen Augen zu sehen – und wieder mehr Bewohner in die Innenstadt zu locken.
Im Hintergrund bröckelt der Bauschutt, schreitet der Abriss des gar nicht mehr vorhandenen Rathauses voran. Amelie M. Klein aber blickt in die andere Richtung. In die Bismarckstraße hinein und hinauf, auf Kacheln, Raster und Muster der Häuserfassaden, die man erst beim zweiten Blick entdeckt, deren Blautöne sich nun aber auch an einem Fahnenmast mitten in der Fußgängerzone wiederfinden. Eine erste Station der nun von Mai bis Oktober währenden Ausstellung im öffentlichen Raum, zu der die Bevölkerung vor allem bei Rundgängen und Workshops eingeladen ist.
Der unscheinbare Platz an der Kreuzung Bismarck-/Schulstraße hat keinen Namen. „Wir nennen ihn das Rondell, er war wohl mal für Partnerstädte gedacht“, sagt die Direktorin des Kunstvereins. Doch wie so vieles in LU war er vernachlässigt, bis er im letzten Jahr als Kunstfläche reaktiviert wurde. Nun gehört Katrinka Eichhorn die runde Bühne. „Ich habe mich umgesehen und die Optik eingearbeitet. Die Fahnen bringen Bewegung in eine starre Struktur und laden dazu ein, mal nach oben zu schauen. Im Verborgenen gibt es in der Bismarckstraße doch viel Schönes zu entdecken“, sagt die Künstlerin aus Mannheim. Das knallige Orange der benachbarten Geschäfte etwa findet sich auch in ihren Flaggen wieder.
Auf die unmittelbare Begegnung und den Dialog mit der Bevölkerung setzt der Kunstverein zum 70-jährigen Bestehen der eigentlichen Heimat, des Bürgermeister-Ludwig-Reichert-Hauses, das immer noch saniert wird. Im dritten nomadischen Jahr wolle man Kunst nicht hinter verschlossenen Türen, sondern offen für alle Ludwigshafener gestalten. Und jeder, der durch die Chemiestadt läuft oder fährt, wird in den kommenden sechs Monaten mit Fragen konfrontiert. „,Was liebt du an Lu?’, ist so ein Spruch, der für manche schon provokant, weil zu positiv klingen kann“, sagt Klein. Letztlich sollen die auf Litfaßsäulen plakatierten und als großformatige Banner an markanten Gebäuden angebrachten Fragen eine Einladung sein, sich einmal über das Meckern hinaus mit dem „Stadtbild“ und der Zukunft zu befassen.
Um die Kunst und Kultur in LU zu feiern, sind lokale Künstler, die Ludwigshafen kennen, aber auch internationale Gäste, die erfrischende Ideen von außen einbringen, eingebunden. Wie Noah Fischer aus New York, der sich mit dem Projekt „Ludwigshafen 2046 – Was soll bis dahin möglich sein?“ diese 24 Fragen an die Stadtbevölkerung ausgedacht hat. Die Antworten werden in Form von Artikeln, Zeichnungen oder Collagen in eine mehrsprachige Zeitung einfließen, die im November kostenlos in der Stadt verteilt wird. Im Juni kommt der Künstler für eine mehrtägigen Workshop nach Ludwigshafen.
Kunst soll sich im ganzen Stadtraum ausbreiten
Ab dem 22. Mai wird mit Katarina Burin (ebenfalls aus New York) eine Brutalismus-Expertin zu Gast ein und ausgehend von der Nachkriegsarchitektur Ludwigshafens eine Beton-Skulptur entwerfen. Ohnehin ist die Schau ein offener Prozess. Der Titel „Noch nicht. Utopie im Entstehen“ orientiert sich am berühmten Ludwigshafener Philosophen: „Für Ernst Bloch war Utopie kein fertiger Plan, sondern eine Haltung – das Vorläufige, das Suchende, ein Möglichkeitsraum, der gerade dort sichtbar wird, wo etwas im Umbau ist“, betont Klein.
Das Programm werde sich daher ein halbes Jahr lang entfalten und nach und nach im ganzen Stadtraum ausbreiten. Mit ortsspezifische Installationen und Skulpturen, Filmarbeiten, textilen Interventionen oder historischen Plakaten in den Schaufenstern der Innenstadt. Auch Leerstände werden bespielt. Der frühere runde Kiosk nahe Parkinsel und Pendeluhr etwa wird zum Mini-Kino, ein Nicht-Ort so wieder zum Treffpunkt.
„Wir hoffen, dass wir die Bewohner dadurch mehr als sonst aus ihren Stadtteilen locken und sie sich wieder einmal in der Innenstadt treffen“, sagt Klein. Denn aus ihrer Sicht ist LU ein ideales Beispiel für deutsche Nachkriegsstädte. „Dieser Moment, wo es um Aufbruchstimmung geht. Darum, das Zusammenleben neu zu verhandeln.“ Auch jetzt befindet sich die Industriestadt im Umbruch, obschon von Euphorie nicht viel zu spüren ist. „Der aktuelle Zerfall ist bei uns weiter fortgeschritten, aber er kommt noch auf die meisten deutschen Großstädte zu. Wir wollen uns einmal auf die positiven Aspekte fokussieren. Durch die Linse der Künstler können die Bewohner das Schöne sehen, das Stadtbild gemeinsam neu entdecke und die eigene Heimatstadt aus einer anderen Perspektive erfahren“, so die Direktorin. Das Programm findet sich unter www.kunstverein-ludwigshafen.de.