Mannheim
Warum wird man Fan? Das Stück „Hall of Fans“ im Jungen Nationaltheater beschäftigt sich damit
Fans hören jede Woche 20 Stunden Musik von Taylor Swift. Fans tragen das Trikot ihres Fußballvereins und haben Dauerkarten für die Spiele. Fan-Sein kann privat oder öffentlich gelebt werden – bewundernd oder schon kontrollierend. Doch was bedeutet es tatsächlich, Fan zu sein? Mit seinem neuen Stück „Hall of Fans“ erforscht das Junge Nationaltheater in Mannheim das Phänomen kollektiver Begeisterung. Die Premiere war am Sonntag.
Die Beziehung zwischen Star und Fans gleicht einem ständigen Aushandeln von Nähe und Distanz. In der Medienpsychologie nennt man einseitige Beziehungen zu (Medien-)Personen parasozial: Fans bauen eine Beziehung zu einer Person auf, die eigentlich nichts über sie weiß. Solche Dynamiken erzeugen eine verlockende, fast unwiderstehliche Dynamik.
Auf der Bühne schwärmt Schauspielerin Soyi Cho von ihrem Star, und Theo Teichmann erwidert: Du klingst verliebt. Cho ist ein Fan, deshalb imitiert sie das Lieblingsessen ihres Stars und seinen Kleidungsstil, um sich ihm näher zu fühlen. Aber ihn wirklich kennenlernen möchte sie nicht.
Die Stimmen, das Atmen und Schlucken des bewegenden Schauspiel-Duos dringen bei der Aufführung durch die aufgesetzten Kopfhörer direkt ans Ohr, für Theaterbesuche ungewöhnlich nah. Isoliert von der Raumakustik und entfremdet von unmittelbaren Reaktionen entsteht eine besonders intime Nähe, die man über ein Lautstärkerädchen selbst regulieren kann. Wie ein unsichtbarer dritter Schauspieler wirkt diese detailreiche Audioproduktion. „Hall of Fans“ verhandelt so das grundlegende Motiv von Nähe und Distanz neu.
Auf dem Bett in der Bühnenmitte scrollt Cho derweil durch den Algorithmus ihres Handys. Sie entflieht ihrem Alltag und springt von Video zu Video, von Song zu Song – ganz nach ihrem eigenen Rhythmus. Ohne vor die Tür zu treten, blickt sie in die ganze Welt. Geschützt von den eigenen Zimmerwänden traut sie sich auch, eigene Tanzschritte auszuprobieren. Schnell wird klar: Menschen sind begeisterungsfähig und daher fast zwangsläufig Fan von irgendetwas oder irgendjemandem.
Die assoziative Handlung streift viele Facetten eines gesellschaftlichen Verhaltens, das zunehmend aufwühlt, bleibt jedoch lose verbunden. In ihrem fluiden Set, das sich jedem Erzählstrang neu anpasst, reißen Cho und Teichmann einzelne Geschichten an. Zum Beispiel die eines Fans, der seinen Star öffentlich kritisiert hat und nun selbst angegriffen und beschimpft wird. Oder die eines Fans, der mit „Star Wars“ eine Privatvorstellung im Kino mit Mama und zahlreiche Filmabende mit Papa verknüpft. Fan-Sein schafft Gemeinschaft - und pendelt gleichzeitig zwischen Glück und Risiko. Wann werden Fans zu Stalkern und damit zur realen Gefahr? Erst wenn sie in den Laken der Bandmitglieder von „Tokio Hotel“ wühlen, oder schon, wenn sie sie verfolgen, um ein Autogramm zu ergattern? Wo verlaufen persönliche Grenzen, und wer zieht sie? Lohnt sich Fan-Sein am Ende?
Marielle Schavan und Sophia Schroth vom Theaterkollektiv Henrike Iglesias sowie Mona Louisa-Melinka Hempel inszenieren ein versöhnliches Fazit des Pop-Kultur-Phänomens: Man kann Fan seines Gegenübers sein, dafür braucht es kein herausragendes Talent. Es genügt, man selbst zu sein – eine mutige Aufgabe.
Noch Fragen?
Weitere Vorstellungen im Saal des Jungen Nationaltheaters in Mannheim am Mittwoch, 4. März, 11 Uhr, Donnerstag und Freitag, 26./27. März, 11 Uhr, und Sonntag, 29. März, 16 Uhr. Das Stück ist für Jugendliche ab 13 Jahren konzipiert.