Heuchelheim
Verschwundene Gasthäuser: Selbst Sepp Herberger liebte die Schnitzel im Ochsen
Der ehemalige Heuchelheimer Landwirt Winfried Rasp ist der Schwager von Gerhard Staats, dessen Vater Karl die Gaststätte Zum Ochsen 1936 von Jean Brein übernommen hatte. „Staatse“, wie die Familie bis heute genannt wird, stammten aus Großniedesheim und erwarben das Lokal an der Ecke Haupt-/Breite Straße samt der Brein’schen Metzgerei. Bis Anfang der 60er-Jahre führten Karl und Tilly Staats die beiden Betriebe, dann übernahmen Sohn Gerhard und dessen Frau Lieselotte (Rasps Schwester) die Firma.
Winfried Rasp weiß noch genau, wie gemütlich es zuging, wenn Tilly Zwiebeln schnitt und sich der Gastraum plötzlich füllte und alle ins Erzählen kamen. „Zusammenrücken war dann ein absolutes Muss“, sagt der 86-Jährige. Er schätzt, dass es in dem Lokal etwa 25 Sitzplätze gab. Man dürfe nicht vergessen, dass Heizen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren bei vielen daheim ein Luxus war. „Und bei Staatse war’s immer schön warm.“ Wenn’s gar zu voll wurde, wurden der Landwirt und seine Frau Hilde sowie weitere Verwandte zu Hilfe gerufen. „Hoschd du grad Zeit?“, hieß es dann, und man habe gern Ja gesagt, berichtet Rasp. „Wir sind ja auch gut bezahlt worden“, ergänzt seine Frau Hilde.
Kein Zutritt für Hunde
Aber nicht jeder war im Ochsen gut gelitten. „Die Jugend ist oft gar nicht erst hineingegangen, weil der Karl immer so böse geguckt hat“, erinnert sich Winfried Rasp. „Und Hunde wollte er auch keine dahaben.“ Zu der Zeit habe es in Heuchelheim aber noch das Gasthaus Zum Rebstock gegeben, geführt von Marie Herckelrath, genannt „die Richardsen“. „Da durften die Jäger mit ihren Hunden rein.“
Wenn man gut essen wollte, ging man damals zu Staatse, und gut essen bedeutete zum Beispiel ein in viel Schmalz gebratenes Schnitzel. Gäste aus der Stadt wurden hin und wieder auf Wunsch mit „Grumbeerpannekuche“ verwöhnt. Rau, aber herzlich sei es zugegangen im Ochsen, sagt Hilde Rasp, nie habe man allein am Tisch hocken müssen. Die Wirtsfamilie habe vom Geschäft gut leben, aber keine Reichtümer erwirtschaften können. Über Gerhard Staats erzählt man sich im Dorf eine Anekdote, die man auch aus anderen Orten mit ruppigen Gastwirten kennt: Ein Achtel Wein in der Kneipe zu bestellen, war offenbar nicht gern gesehen. „Komm wieder, wenn du genug Durst für ein Viertel hast“, scheint die Standardantwort gewesen zu sein.
Sepp Herberger zu Gast
Rasps Freund Ewald Brenner, der die Fotos zu dieser Folge der Serie „Es war einmal ein Gasthaus“ zusammengetragen hat, erinnert an Gerhard Staats als Gastgeber von Sepp Herberger und dessen Frau 1973. Der ehemalige Trainer jener Fußballnationalmannschaft, die 1954 in Bern Weltmeister wurde, sei im Ochsen ein gern gesehener Gast gewesen. Brenner weiß außerdem: Herbert Schreiber und Friedrich Zelt haben im Ochsen 1987 das närrische Wiegen der Heuchelheimer Strunzer aus der Taufe gehoben, die Ochsewoog.
Diese musste ab 2001 schließlich im Vereinsheim des ATB Heuchelheim stattfinden. Denn Gerhard Staats starb 1999, und seine Witwe zog ein Jahr später den Schlussstrich unter das Wirtshaus Zum Ochsen. Ja, die Trauer sei groß gewesen, berichtet ihr Bruder Winfried, „aber wir mussten das hinnehmen und sind stattdessen ins Bürgerhaus gegangen“. In den dortigen Ratsstuben trifft er sich heute noch mit Ewald Brenner und ein paar anderen freitags zum Stammtisch. Das Anwesen Staats wurde Rasp zufolge verkauft und in Wohnraum für Monteure umgewandelt.
Die Serie
Tanzsäle, Gastwirtschaften und Dorfkneipen waren früher äußerst wichtig für das Dorfleben. Die meisten wurden nach und nach aufgegeben. In der Serie „Es war einmal ein Gasthaus“ erinnern wir an solche Lokale im Frankenthaler Umland, an ihre Geschichten und Traditionen sowie an die Menschen hinterm Tresen.


