Mannheim
Verdrängte Geschichten: Albumrelease und Skulptur-Eröffnung in einem in der Kunsthalle
Auf schwebenden Sesseln ganz sacht durch die Vergangenheit schaukeln, um etwas über ein verlorenes Werk von Otto Dix und andere beschlagnahmte „entartete“ Kunst der NS-Zeit zu erfahren. Mit der Rückkehr der sitzbaren Klanginstallation „Mannheim Chair“ weht wieder die Neue Sachlichkeit durch die Kunsthalle. Zur Einweihung am Mittwoch gab’s ein experimentelles Arbeiterlieder-Konzert mit der Hörspielautorin Michaela Melián und David J. Kirchners IG Pop-Crew, bei der auch Erwin Ditzner am Dosenschlagzeug saß.
„Wir haben uns an einem Geburtstag kennengelernt“, sagt Kirchner in einer mehr als gut besuchten Kunsthalle. Der sogenannte „MVV Kunstabend“ bietet immer am ersten Mittwoch des Monats von 18 bis 22 Uhr freien Zutritt in das Museum am Wasserturm, doch diesmal gibt es nicht nur etwas fürs Auge, sondern für die Ohren. Mit „uns“ meint der in Mannheim lebende Musiker sich und die Münchnerin Michaela Melián: Künstlerin, Professorin und seit den 80ern Sängerin und Bassistin der Avantgarde-Band F.S.K. Was die beiden verbindet: eine intensive Beschäftigung mit den 1920er und 30er Jahren.
Kirchner arbeitete mit seinem IG-Pop-Projekt – halb Pop-Band, halb Gewerkschaft und ganz viel Klassenkampf, bei dem „Die Sterne“ und „Heaven17“ auf einen funky Heini Heine und einen krautrockigen Bert Brecht treffen – gerade am neuen Album „Überarbeitet“, als er bei besagter Geburtstagsparty auf Melián traf. 2015 hatte sich die mehrfach mit dem „Hörspiel des Jahres“-Preis ausgezeichnete Künstlerin im Auftrag der Kunsthalle auf Spurensuche begeben und mit „Mannheim Chair“ verlorene Werke, vergessene Künstler und verdrängte Geschichten des Museums als poetische Hörcollagen erlebbar gemacht. Kirchner fragte nicht nur, ob sie vielleicht ein Arbeiterliedchen zum Album beisteuern wollte. Die glückliche Fügung wollte es, dass auch die Rückkehr der Klangsessel nach Mannheim bevorstand.
So ist dieser Mittwochabend quasi Albumrelease und Skulptur-Eröffnung in einem. Und vor allem ein Eintauchen und Einschwingen in die 1920er Jahre. Zunächst sphärisch, dann fast kriminologisch. „Arbeiter, hörst Du es nicht?! Es geht durch die Welt ein Geflüster“, wispert Kirchner den „heimlichen Aufmarsch“ von Weinert/Eisler ins Mikro, spielt auf einem E-Bass sanfte Töne ein, entfaltet eine an Sigur Rós erinnernde Soundkulisse, während im Hintergrund gespenstische Bewegtbilder im Stil der Neuen Sachlichkeit auftauchen, sich die Arbeiterklasse der Weimarer Republik mit gesichtslosen Maskengestalten des sich anbahnenden KI-Zeitalters vermischt.
Auch die „Internationale“ wird beim Remix der Arbeiterlieder zum verzerrten Postrock-Spektakel. Es ist das „Liedchen“, das Melián beisteuert, zu dem Enjoy-Jazz-Allstar Erwin Ditzner Konservenbüchsen zum Klingen bringt. Aus einer Starbesetzung mit Thilo Eichhorn, Dman, Tim Wollmann, Maxwell Hathaway, Götz Gramlich, Dominik Rinnhofer und einem Thekenchor setzt sich die IG-Pop-Formation zusammen.
Die Band legt letztlich die Spur zu den sieben Tonbändern, die nun bis zum 14. Juni in der Alten Bibliothek der Kunsthalle zu einer akustischen Reise und eben Spurensuche einladen. Auf drei mit festen Ketten an der sehr hohen Decke befestigten Sesseln können die Besucher Platz nehmen, natürlich nur leicht schwingen – und lauschen (zweimal auf Deutsch, einmal auf Englisch).
Über die fast vergessene Düsseldorfer Malerin Edith Dettmann etwa, die der damalige Kunsthallen-Direktor Friedrich Hartlaub in der epoche-prägenden Ausstellung „Die neue Sachlichkeit“ präsentierte. Ihr Gemälde „Straße bei Gerresheim“ wurde 1937 beschlagnahmt, der Verbleib ist unbekannt. Melían gelang es bei ihrer Spurensuche, zumindest eine Schwarz-Weiß-Abbildung des Werkes zu finden. „Es war ein wenig wie Sherlock Holmes spielen“, sagt sie.
Auch der Verbleib der 1925 gezeigten „Witwe“ von Otto Dix ist ungeklärt. Melián ist sicher, dass sich manche dieser in der Nazi-Diktatur als „entartetet Kunst“ eingestuften Werke in Tresoren befinden oder tatsächlich irgendwo an einer Wand unter einem Sofa hängen. Auf den Hörsesseln aber kommt man den Gemälden, den Künstlern und der 100-jährigen Geschichte sehr nahe, wenn durch historischen Dokumente, Briefwechseln oder Zeitzeugenberichten von Freundschaften, Verbindungen und dem Verschwinden erzählt wird.