Hessheim
Verärgerte Bürger fragen: Warum war dieser Baumschnitt nötig?
Ulrike Bonifer kann es drei Wochen nach dem Vorfall immer noch nicht fassen. Als es am 16. April vor ihrem Haus im Heßheimer Lindenweg in kurzer Zeit passierte, „habe ich heulen müssen“, sagt sie. Vom Fenster kann sie auf die alte Linde schauen, die an der Ecke Birkenweg auf öffentlichem Grund steht – mit einer Sitzbank davor, wie in alten Zeiten, als Dorflinden noch Treffpunkte für die Einwohner waren. Was eben noch ein Baum mit austreibender Krone und Vogelleben war, ist nach dem Eingriff einer Baumpflegefirma ein Skelett ohne Zweige. Und das ausgerechnet in der Brut- und Setzzeit, die am 1. März begonnen hat.
Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet zum Schutz lebender Tiere und Pflanzen, dass Bäume außerhalb von Wald, Plantagen oder gärtnerisch genutzten Grundflächen sowie Hecken, lebende Zäune, Gebüsche und andere Gehölze in der Zeit vom 1. März bis 30. September abgeschnitten, auf den Stock gesetzt oder beseitigt werden. Erlaubt sind schonende Form- und Pflegeschnitte, etwa zur Gesunderhaltung von Bäumen.
Lebensraum für Vögel und Insekten
Die Linde ist laut Bonifer circa 70 Jahre alt und der Lebensraum von Vögeln mit Nestern. „Sie ist ein Kletterbaum für Eichhörnchen und natürlich Heimat von Millionen von Insekten, und dies nicht nur in der Blütezeit.“ Der Baum bekomme von den Anwohnern Wasser, und selbst „der Dreck“, den Linden so verursachen, „hat uns nichts ausgemacht“.
Die Heßheimerin sieht keinen Grund, warum der Baum derart beschnitten werden musste. „Er wurde ja vor etwa drei Jahren von der Gemeinde zurückgeschnitten, seitdem hat er auch bei starken Stürmen keine größeren Äste abgeworfen“, sagt Bonifer. Sie hat den Fall bei der Naturschutzbehörde angezeigt. Eine Nachbarin, die der Gemeinde erbost eine E-Mail geschrieben hat, benutzt für den Rückschnitt das Wort Massaker.
Beigeordneter: Baum ist krank
Auf Anfrage der RHEINPFALZ gibt der Heßheimer Beigeordnete Michael Flohr (FWG) Auskunft. Der Auftrag für den Rückschnitt an der Ecke Linden-/Birkenweg sei der Baumpflege Rohlfing GmbH am 26. März erteilt worden. „Die Firma bestimmt dann selbst einen Termin für die Ausführung.“ Ulrike Bonifer spricht von Arbeiten ohne Vorwarnung der Anwohner. Das sei auch prinzipiell schwierig, so Flohr, weil die Baumpflege in Heßheim jährlich mehrere Hundert Bäume betreffe und die Gemeinde selten über die genauen Termine informiert sei. Nach dem kollektiven Aufschrei in einer Whatsapp-Gruppe wegen der Linde hat Flohr der Nachbarschaft nachträglich die Gründe erläutert.
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Die alte Linde sei vom Zunderschwamm befallen, teilt Flohr mit. „Aufgrund der Bruchgefahr war ein kompletter Kronensicherungsschnitt notwendig. Es kam bereits im Vorfeld zu Astbrüchen.“ Weil es sich um eine Verkehrssicherung handele, sei trotz der aktuellen Schonzeit keine behördliche Ausnahmegenehmigung notwendig gewesen.
Verkehrssicherheit hat Vorrang
Das bestätigt die untere Naturschutzbehörde des Rhein-Pfalz-Kreises. Die Gemeinde sei im Rahmen ihrer Verkehrssicherungspflichten tätig geworden und habe einen fachlich versierten Baumpfleger mit den erforderlichen Sicherungsmaßnahmen beauftragt, heißt es auf Anfrage aus dem Kreishaus. So etwas sei von der Schonzeitenregelung ausgenommen.
Auch den Pilzbefall und seine gefährlichen Folgen bestätigt die Kreisverwaltung. Ulrike Bonifer hat noch einen großen Pilz am beschnittenen Baum entdeckt und fragt sich, warum man den nicht entfernt hat. „Der Fruchtkörper ist nur das Symptom und nicht die Ursache der Baumerkrankung“, informiert die Behörde. Der eigentliche Pilzkörper befinde sich im Stamm und schädige dort die Struktur und die Stabilität des Baums. „Eine Entfernung des Pilzköpers hätte keinerlei Auswirkung auf den voranschreitenden Zerfallsprozess.“
Linde muss irgendwann gefällt werden
Das Amt stellt der Linde keine gute Prognose. Die Weißfäule des Kernholzes sei fortgeschritten und irreversibel, ein solcher Pilzbefall werde langfristig zum Absterben führen. Problematisch sei in diesem Prozess die Bruchgefahr, weshalb „der Baum vermutlich irgendwann aus Sicherheitsgründen gefällt werden“ müsse. Optimistischer ist Baumpfleger Swen Rohlfing. Er habe die Krone bewusst bis auf die früheren Kappstellen abgesetzt, schreibt er in einer Stellungnahme an eine empörte Bürgerin. So könne der Baum wieder austreiben „und je nach weiterer Entwicklung eventuell noch einige Jahre erhalten bleiben“.
Michael Flohr bereitet die Heßheimer unterdessen auf den nächsten großen Baumschnitt wegen Pilzbefalls vor, und zwar an der großen Kastanie im Park zwischen Friedhof und Kindergarten. Weil der Baum ein Naturdenkmal sei, werde diese Maßnahme mit der unteren Naturschutzbehörde abgestimmt. Einen Termin kann Flohr noch nicht nennen.
