Mannheim
Träume und Momente: Studioausstellung der Künstlerin Elisaveta Braslavskaja in der Kunsthalle
Ausdrücklich „Diwan“, nennt die 28-jährige Frankfurterin das Möbel- und Kunststück, das mitten im Raum steht, nicht Couch oder Sofa. Weil „Diwan“ mehr bedeutet, als eine bloße Sitzgelegenheit. „Diwan“ steht auch für eine orientalische Gedichtsammlung. Der „Diwan“ des spätmittelalterlichen persischen Dichters Hafis etwa, der fünf Jahrhunderte später Goethe zu seiner Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ anregte.
„Ich verstehe, dass man Hemmungen hat, sich darauf zu setzen“, erklärt Braslavskaja bei der Vernissage. Es ist nämlich kein blanker, weißer Diwan, den sie hier ausstellt, sondern einer, den sie an verschiedenen Stellen sorgsam mit verletzlichen „Patches“ bestickt hat, und mit noch empfindlicheren Zeichnungen versehen, die Vorgaben für weitere Stickereien sein könnten. Wie viele von ihnen am 24. Mai, dem Ende der Ausstellung, noch sichtbar sein werden, wird davon abhängen, wie viele Besucher die Einladung annehmen, es sich auf ihnen bequem zu machen. „Sie können das alle gerne machen und auch so lange Sie möchten!“, ermutigt die Künstlerin die ersten scheuen Besucher und nimmt selbst ganz unbefangen auf einem grünen Fruchtstängel Platz.
Auch ein Büchlein, fest mit dem Möbel verbunden, lädt zum Verweilen ein. Leider schwer leserlich, so klein und eng bedruckt sind die Seiten, enthält es einen Brief, den die Frankfurterin vorab an ihre fast weltweit verstreute Verwandtschaft verschickt hat. Mit der Bitte, ihr „eine Erinnerung, einen Traum oder einen Moment“ zu schicken, einen Text, eine Zeichnung oder ein Foto. Vorschläge oder Anregungen zumindest, die sich nun in der Kunsthalle wiederfinden. Nicht nur in der Broschüre, auch in den Motiven, die Braslavskaja gezeichnet oder gestickt präsentiert.
Pferde sind da zu sehen, eine Stute und ihr Fohlen vielleicht, Weinblätter und -trauben zum Gefallen der Pfälzer und überhaupt viele Früchte und Blüten, die sich botanisch nicht eindeutig identifizieren lassen, jedoch an Äpfel, Kirschen, Tomaten, Pflaumen, Forsythien, Hahnenfuß oder Rosen erinnern. An Birnen nicht, aber mit dem Ausstellungstitel ist offenbar ein Ohrring gemeint, der wiederholt auftaucht und selbst beinahe wie eine rot-reife Frucht ausschaut, wenn auch nicht unbedingt wie eine Birne.
In Marburg wurde Elisaveta Braslavskaja 1997 geboren, als Tochter einer Russin und eines Iraners. Die große Tradition der persischen Miniaturmalerei ist es denn auch, die eine weitere Grundlage ihrer Arbeit bildet. „Mit diesen Malereien bin ich aufgewachsen“, berichtet sie im Gespräch mit dem Kurator Stefano Agresti. „Man kann sie sich so ein bisschen vorstellen wie Wimmelbilder. Jede Seite ist überfüllt mit Figuren, Objekten und kleinen Szenen“, beschreibt die Hessin, die Kunst nacheinander an der Cooper Union in New York und an der Frankfurter Städelschule studierte. Ursprünglich Illustrationen, die den Geschichten der persischen Literatur ein Gesicht gaben, so dass man die Handlung leichter verstehen konnte, isoliert Braslavskaja ausgewählte einzelne Elemente, die so nicht mehr (nur) im Dienst einer Erzählung, sondern auch für sich selbst stehen. Wie „Cut-Outs“, Ausschnitte, die für sich genommen eine größere Wirkung erzielen, anstatt als Detail in Wimmelbildern gleichsam unterzugehen. „Ich sehe das Ganze so ein bisschen wie eine Knobelaufgabe“, beschreibt die Künstlerin den Prozess, die verschiedenen Motive zusammenzubringen, die miteinander harmonieren oder einen besonderen Eindruck erzeugen.
Nicht nur auf dem Diwan, auf einem Kissen und einem Vorhang, auch auf Transparentpapier, gerahmt und ungerahmt an drei Wänden, findet man filigrane Graphitzeichnungen und Stickereien, die in weiten Teilen einen unvollendeten Eindruck machen und damit reichlich Raum geben für ganz eigene „Erinnerungen, Träume oder Momente“, denen man auf dem Kanapee nachhängen kann. Regelmäßig bietet der kleine Raum, der bei freiem Eintritt besucht werden kann, jungen, aufstrebenden Künstlern die Möglichkeit, ihn frei auszugestalten. „Ich genieße hier diese Freiheit“, sagt Braslavskaja und hofft im Augenblick, da Raketen auf den Iran abgeschossen werden, „dass Freiheit auch für alle Iraner und Iranerinnen einmal möglich sein wird“.
Zur Ausstellung, die bis 24.5. zu sehen ist, ist eine Publikation („Elisaveta Braslavskaja. Birnentropfen“, 32 Seiten) erschienen.