Ludwigshafen
„Tatort“ im Kopf: Ulrich Tukur stellt seinen neuen Kommissar-Murot-Krimi beim Festival des deutschen Films vor
Ulrich Tukur, in der Metropolregion geboren, ist ein Stammgast des Festivals des deutschen Films. Besonders als kultivierter Kommissar Felix Murot, dessen „Tatorte“ nahezu regelmäßig in Ludwigshafen uraufgeführt werden. Der neueste, „Murot und der Elefant im Raum“, führt direkt in seine Psyche und jene einer Entführerin.
„Obwohl die Filme immer besser werden“, scherzt Tukur bei der großen Premiere seines neuesten Falles, würden sie immer wieder auf die Parkinsel eingeladen. Ob „Murot und der Elefant im Raum“ tatsächlich alle seine Vorgänger seit 2010 toppt, bleibt dabei die Frage. Was Murots Fall Nummer 14 aber alleine schon empfehlenswert macht, ist, dass er mit den vorangegangenen mithalten kann und den einen oder anderen an sehenswert verrücktem Einfallsreichtum noch übertrifft. „Der Elefant im Raum“ ist ein neuerlicher Ausnahme-„Tatort“, wie schon so mancher der unvorhersehbaren HR-Reihe.
„Dieser Film ist ein Überfilm oder eigentlich gar kein Film. Ich weiß nicht, was er ist“, versucht Tukur sich im öffentlichen Filmgespräch zunächst vergeblich an einer Einordnung. „Er ist etwas ganz Seltsames“, sagt er noch und kommt nur vorläufig zu dem Ergebnis: „Er ist eine Groteske.“ Die Darstellung einer verzerrten Wirklichkeit also, die Widersprüchliches miteinander verbindet. Einen Krimi oder Thriller mit retrofuturistischen Science-Fiction-Elementen etwa oder eine Familientragödie mit viel schrägem Humor.
Ein Talent fürs Surreale
Ihr Hauptdarsteller bescheinigt dem Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann, auf den bereits „Murot und das Murmeltier“, der Ludwigshafener Filmkunstpreisträger von 2018, zurückgeht, ein außerordentliches Talent, das Surreale vergleichsweise klar zu inszenieren. „Es ist wunderbar“, lobt er, „dass man einfach die Wirklichkeit hops nimmt und was ganz anderes erzählt. Etwas, das sich aus dem Mittelmaß und dem Gängigen völlig herausbewegt.“
„Eskalierender Sorgerechtsstreit mit Kindesentführung“ fasst Murot im „Tatort“ knapp und sachlich den Fall zusammen, der mit labyrinthischen und psychologischen Traumbildern startet und bald einen Psychiater dazustoßen lässt, der, von Robert Gwisdek („Die Ironie des Lebens“) verkörpert, jeder Vorstellung eines „mad professors“ entspricht. Die Mannheimerin Nadine Dubois spielt die Mutter eines fünfjährigen Kindes, das aus der Gerichtsverhandlung heraus, in der ihr das Sorgerecht entzogen werden soll, ihr eigenes Kind entführt und in den Wald verschleppt. Als sie nach einem Unfall ins Koma fällt, vermag Murot sich über eine neuartige Erfindung des Psychiaters mit ihrem Unterbewusstsein zu verbinden, um herauszufinden, wo sie das Kind versteckt hält.
Noch während des Abspanns, ohne zu verraten, wie die Geschichte ausgeht, erhält das Team, das in größerer Anzahl aus Frankfurt zur Filmpremiere angereist ist, spontan Standing Ovations. „Das wird uns um die Ohren gehauen werden“, ahnt Ulrich Tukur dennoch, wie die Reaktionen nach der TV-Erstsendung am 28. Dezember ausfallen werden. Er kennt die Kritik an vermeintlich zu ungewöhnlichen, künstlerisch wagemutigen Fällen, wie „Wer bin ich?“ oder „Murot und das Paradies“, die manch ein Fan der Reihe kaum mehr als „Tatort“ gelten lassen möchte.
„Dieser Film ist eine Zumutung“
„Wir haben im Segment des Kriminalfilms ein Märchen erzählt“, unternimmt der gebürtige Viernheimer im Gespräch einen weiteren Versuch, den neuen „Tatort“ irgendwie zu fassen zu bekommen. „Das war ein Riesenspaß, und es ist mal was anderes. Dieser Film ist abwegig, er ist eine Zumutung“, gesteht er ein, folgert aber: „Und das ist gut so.“ Der anhaltende Applaus des Publikums auf der Parkinsel und die Freude, die dieser „Tatort“ macht, gibt ihm recht. Tukur selbst zeigt sich nach der Uraufführung erfreut und erleichtert, „dass die Zuschauer den Zauber und die Komik begriffen und diesen Blödsinn, das meine ich aber im guten Sinne, mitgemacht haben“.
Termine
Der „Tatort: Murot und der Elefant im Raum“ läuft beim Festival morgen, Donnerstag, 4. September, um 18.15 Uhr und noch mal am Samstag, 6. September, um 19 Uhr.