Frankenthal
„Sehe Knast vor mir und Knast hinter mir“: Poetry Slam in der JVA Frankenthal
Immerhin, Osca hat sich getraut. Der 32-Jährige hat als Gast einen Rap aus seinem Repertoire in den Poetry Slam eingebracht, den die drei Repräsentanten der „LandKulturSchaffenden SüdWest“ an diesem Abend in der Turnhalle der Justizvollzugsanstalt (JVA) unter sich ausgetragen haben. Der sperrige Name des Vereins steht in diametralem Gegensatz zu ihrer kreativen Kunstform. Denn Georg Felsberg, Semolina und Gusto – so der Künstlername der beiden letztgenannten – tragen regelmäßig vor Publikum einen verbalen Dichterstreit aus, in dem sie selbst verfasste Texte, lyrische oder prosaische, zur Abstimmung stellen. Dabei wollen sie nur mit ihrer Botschaft, Stimme und Modulation überzeugen, Requisiten oder Kostüme sind nicht erlaubt beim Slammen.
Osca performte gewissermaßen außer Konkurrenz, sein Beitrag lief nicht in die Wertung ein, die am Ende Gusto hauchdünn vor Georg gewann. Doch auf das Ranking kam es am Ende gar nicht an, die Kernbotschaften der Gäste waren an diesem Abend ganz andere. „Wir sehen euch“, signalisierten die „LandKulurSchaffenden“, diesmal aus Karlsruhe, Landau, Herxheim und Weingarten, mit ihrer Präsenz und teilweise mit ihrer Textauswahl. „Drückt euch aus, benutzt eure Sprache als ein Vehikel der Kommunikation mit der Außenwelt“, war eine zweite Botschaft, die „Regionalpoet“ Rolf Suter an die knapp 40 Zuhörer richtete. Resozialisierung beginne mit Sprache und Ausdruck, warb der Sozialarbeiter, der das Aufwärmprogramm gestaltete. Sie zu nutzen bedeute Fortschritt.
Kultur auf dem Land
Zum zweiten Mal bildeten die Männer die Jury für einen Poetry Slam in der JVA. Exakt vor einem Jahr hatte Anstaltsleiterin Gundi Bäßler ihren kleinen Kulturetat erstmals für einen Battle mit Worten eingesetzt. „Ihn vor dieser Kulisse ausrichten zu können, das ist nicht selbstverständlich in der deutschen Gefängnislandschaft“, bedankte sich Vereinssprecher Suter. Sei es, weil die Mittel für eine solche Abwechslung im Knastalltag fehlten, sei es, weil nicht genug Wachpersonal für ein solches Sonderprogramm hinter Gittern abgestellt werden könne.
Rund vier Dutzend Slammer touren seit Herbst 2023 durch den Südwesten – und mittlerweile auch Teile Nordrhein-Westfalens –, um „Kultur fürs Land und besondere Orte“ unters Volk zu bringen, „da, wo sie nicht alltäglich ist“, wie es Suter auf den Punkt bringt. Nicht nur hinter verschlossenen Mauern, aber häufig dort, vor einem Publikum, das dankbar ist für Abwechslung im Alltag. Die literarischen Ausdrucksformen sind an diesem Abend ganz unterschiedlich: tiefsinnig, fast schon altersweise bei Felsberg, der Situation angepasst und mit einem Hauch Melancholie bei Semolina und wortakrobatisch-verspielt bei Gusto.
„Die Zeit ist dein größter Feind“
Und zwischendurch hat Osca seinen Auftritt. Zwei seiner sechs Jahre wegen Körperverletzung mit Todesfolge hat er schon abgesessen, erzählt der 32-Jährige hinterher im Gespräch mit der RHEINPFALZ. „Eines Tages wird jeder Kriminelle im Knast landen“, warnt der Vater, der seine drei Kinder „vielleicht einmal im Jahr“ sieht. Und dann beginne eine lange Durststrecke: „Tag für Tag sehe ich den Knast vor mir, und ich sehe ihn hinter mir. Die Zeit ist hier drin ist dein größter Feind, das ist Hardcore.“
Sätze wie gemacht für Oscas Raps, von denen er einen für seinen Gastauftritt ausgewählt hat. Allzu viel ist nicht zu verstehen in seiner Performance, aber der Lyriker spricht von Tristesse, von Perspektivlosigkeit, von empfundener staatlicher Willkür, davon, dass „wir in der Wildnis leben wie ein Schakal“. Von Slammer Felsberg, einem Spätzünder im Metier, dem der SWR das Nachmittags-TV-Format „Kaffee oder Tee“ zu verdanken hat, hat er sich das Manuskript seines Beitrags zur Nachbereitung erbeten. Der Titel: „Ich gebe mir Mühe“.
Farbtupfer im tristen Alltag
Ein anderer Gefangener, Joachim, war „nur“ Zuhörer. Er ist dankbar für eine „schöne Abwechslung“ und dafür, „Stimmen von außen zu hören“. Als kleines Dankeschön hat der 39-Jährige, der wegen gefährlicher Körperverletzung einsitzt, mit seinem Team in der Arbeitstherapie eine kleine Trophäe für den Sieger gezimmert: „Endlich frei“ zieht sich als Schriftzug über das Relief für den „König von Frankenthal“.
Mit solchen kulturellen Akzenten versucht JVA-Leiterin Bäßler ein wenig Farbe in den JVA-Alltag zu bringen. Zusammen mit dem Team der JVA-Pädagogen hört sie zu an diesem Abend, applaudiert auch Osca – ungeachtet der – gelinde ausgedrückt – kritischen und bitteren Töne, die er gegen das System anschlägt.
Der zweite Poetry Slam ist Teil des kleinen Kulturprogramms am Ende der Ludwigshafener Straße. Ende vorigen Jahres hat die Mainzer Sängerin Laura Heinz ein zweites Konzert gegeben.