Mannheim
Schwarz und Weiß: Der mexikanische Künstler Alejandro Zepada im Maquis Mami Wata
Mexikanische Kunst verbindet man gerne mit kräftigen, bunten Farben. Alejandro Zepada aber reduziert seine Werke auf zwei Töne: Schwarz und Weiß. Im Maquis Mami Wata ist nun ein kleiner Teil seiner Bilder zu sehen. Das Thema: Eitelkeit, was im Spanischen auch Vergänglichkeit bedeutet.
„Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel“, heißt es im Buch Kohelet im Alten Testament. Das hebräische Wort „hevel“ aber wird auch gerne mit „Windhauch“ übersetzt. Es bedeutet dann nicht Selbstverliebtheit im modernen Sinne, sondern die Sinnlosigkeit und Endlichkeit allen menschlichen Strebens, womit wir schon in den Tiefen der Philosophie wären: bei Albert Camus’ Sisyphus als glücklichem Menschen, beim griechischen Jüngling Narziss und Ovids „Metamorphosen“ oder bei Oscar Wildes „Dorian Gray“, bevor wir überhaupt den Künstler vorgestellt haben.
Gigers Alien-Monster als Vorbilder
Aufgewachsen ist Alejandro Zepada im Stadtteil Venustiano Carranza in der 20-Millionen-Metropole Mexico-City. Den Traum, Maler zu werden, träumte er schon seit seiner frühen Kindheit. „Das hat eigentlich im Kindergarten angefangen, für mich war das immer klar“, sagt der seit elf Jahren in Karlsruhe lebende 42-Jährige. „El defe“ (D.F. für Districo Federal), wie die Hauptstadt umgangssprachlich genannt wird, war für ihn wie ein lebendiges Kunstmuseum. Mit den Kolonialbauten und der etwas unheimlichen Puppeninsel „Isla de las Muñecas“ ganz im Süden der Stadt, die einst von einem Bauern errichtet wurde, um böse Geister fernzuhalten, heute aber mutige Touristen anlockt.
Die ikonische Frida Kahlo oder ihr Mann, der in Mexiko fast noch populärere Meistermaler Diego Rivera, der die Mega-Hauptstadt mit monumentalen Wandgemälden prägt, gehörten aber nicht so zu seinen Vorbildern. „Ehrlicherweise habe ich mich nie so richtig mit mexikanischer Kunst befasst“, sagt er. Eher wanderte Zepadas Blick stets nach Europa: zu Salvador Dalí und dem Schweizer HR Giger, bekannt für seine für die Filme gestaltete Alien-Monster.
Seit zwölf Jahren nicht mehr in der Heimat
„Diese Art von Surrealismus hat mich schon immer fasziniert“, sagt Zepada, der an der Escuela Nacional de Pintura, Escultura y Grabado, kurz „La Esmeralda“ genannt, studierte. Eine Verbindung zu Kahlo/Rivera aber gibt es dann doch: das untreue Künstlerpaar lehrte in den 1940er Jahren an der berühmten Kunsthochschule in Mexiko-Stadt. Ein Austauschprogramm mit der Akademie der Bildenden Künste brachte Zepada 2014 nach Karlsruhe – und er blieb. Für eine Beziehung, die letztlich nicht von ewiger Dauer war – und für seinen Traum, Künstler zu werden.
In Mexiko war er seitdem nicht mehr. „Ich vermisse das Essen und die Familie. Aber ich kann mich hier freier bewegen“, sagt er. In „Defe“ wurde er für sein Äußeres, für die langen Haare und seinen schwarzen Emo-Look auch auf Straße beschimpft. „Hier kann ich rumlaufen wie ich möchte“, betont er. In Tokyo oder Düsseldorf hatte er Ausstellungen. Doch für den Lebensunterhalt ging er Umwege ein. „Ich habe eine Ausbildung zum Altenpfleger gemacht und lange in der Psychiatrie gearbeitet“, sagt Zepada auf Deutsch. Geburt und Tod, Leben und Sterben, Fröhlichkeit und Traurigkeit, Lachen und Weinen fließen auch in seine Arbeiten ein und manifestieren sich in zwei (Nicht-)Farben: Schwarz und Weiß.
„Diese beiden Farben, dieser Dualismus bedeutet mir sehr viel“, betont Zepada, der selbst nur Schwarz-Weiß am Körper trägt und dem Tod von der Schippe sprang, nach einer Überdosis wiederbelebt werden musste. Auch seine Nahtoderfahrung verarbeitet er mit seiner Kunst, die tatsächlich ein wenig an den großen Giger erinnert. Mit herausragenden Formen von Rücken und Wirbelsäulen als Metaphern für Ängste, Tod, Geburt, Erotik.
Ohne die Illusion von Dauer
Wenn alles vergänglich ist, worauf gründet man dann sein Leben? Für Zepada heißt es: genießen, was da ist, ohne die Illusion von Dauer. „Schönheit ist abstrakt, sie liegt auch in der Veränderung“, betont er. Mit seiner Kunst möchte er das Anmutige nicht festhalten, bannen, aber doch feiern und Zerfall und Wandel mitdenken. Seine Werke – mit einem klaren Hang zu weiblichen Körpern, aber auch zu dornenkranzartige Zacken und Linien – haben keine Titel.
Erinnert diese Figur mit ausgestreckten Armen nicht an Jesus am Kreuz? Zepada schaut überrascht, als würde er das zum ersten Mal so sehen – und lächelt. Er weiß, das Leben und die Schönheit sind nur ein Windhauch, aber nicht sinnlos. Er hat seine bösen Geister längst vertrieben, und etwas Liebe zu sich selbst ist noch lange keine Todsünde, keine Eitelkeit.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Eitelkeit“ im Maquis Mami Wata, Bürgermeister-Fuchs-Straße 6, in der Neckarstadt-West in Mannheim ist jeden Sonntag 17 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung zu sehen. Weitere Infos unter www.maquismamiwata.de.
„Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel“, heißt es im Buch Kohelet im Alten Testament. Das hebräische Wort „hevel“ aber wird auch gerne mit „Windhauch“ übersetzt. Es bedeutet dann nicht Selbstverliebtheit im modernen Sinne, sondern die Sinnlosigkeit und Endlichkeit allen menschlichen Strebens, womit wir schon in den Tiefen der Philosophie wären: bei Albert Camus’ Sisyphus als glücklichem Menschen, beim griechischen Jüngling Narziss und Ovids „Metamorphosen“ oder bei Oscar Wildes „Dorian Gray“, bevor wir überhaupt den Künstler vorgestellt haben.
Gigers Alien-Monster als Vorbilder
Aufgewachsen ist Alejandro Zepada im Stadtteil Venustiano Carranza in der 20-Millionen-Metropole Mexico-City. Den Traum, Maler zu werden, träumte er schon seit seiner frühen Kindheit. „Das hat eigentlich im Kindergarten angefangen, für mich war das immer klar“, sagt der seit elf Jahren in Karlsruhe lebende 42-Jährige. „El defe“ (D.F. für Districo Federal), wie die Hauptstadt umgangssprachlich genannt wird, war für ihn wie ein lebendiges Kunstmuseum. Mit den Kolonialbauten und der etwas unheimlichen Puppeninsel „Isla de las Muñecas“ ganz im Süden der Stadt, die einst von einem Bauern errichtet wurde, um böse Geister fernzuhalten, heute aber mutige Touristen anlockt.
Die ikonische Frida Kahlo oder ihr Mann, der in Mexiko fast noch populärere Meistermaler Diego Rivera, der die Mega-Hauptstadt mit monumentalen Wandgemälden prägt, gehörten aber nicht so zu seinen Vorbildern. „Ehrlicherweise habe ich mich nie so richtig mit mexikanischer Kunst befasst“, sagt er. Eher wanderte Zepadas Blick stets nach Europa: zu Salvador Dalí und dem Schweizer HR Giger, bekannt für seine für die Filme gestaltete Alien-Monster.
Seit zwölf Jahren nicht mehr in der Heimat
„Diese Art von Surrealismus hat mich schon immer fasziniert“, sagt Zepada, der an der Escuela Nacional de Pintura, Escultura y Grabado, kurz „La Esmeralda“ genannt, studierte. Eine Verbindung zu Kahlo/Rivera aber gibt es dann doch: das untreue Künstlerpaar lehrte in den 1940er Jahren an der berühmten Kunsthochschule in Mexiko-Stadt. Ein Austauschprogramm mit der Akademie der Bildenden Künste brachte Zepada 2014 nach Karlsruhe – und er blieb. Für eine Beziehung, die letztlich nicht von ewiger Dauer war – und für seinen Traum, Künstler zu werden.
In Mexiko war er seitdem nicht mehr. „Ich vermisse das Essen und die Familie. Aber ich kann mich hier freier bewegen“, sagt er. In „Defe“ wurde er für sein Äußeres, für die langen Haare und seinen schwarzen Emo-Look auch auf Straße beschimpft. „Hier kann ich rumlaufen wie ich möchte“, betont er. In Tokyo oder Düsseldorf hatte er Ausstellungen. Doch für den Lebensunterhalt ging er Umwege ein. „Ich habe eine Ausbildung zum Altenpfleger gemacht und lange in der Psychiatrie gearbeitet“, sagt Zepada auf Deutsch. Geburt und Tod, Leben und Sterben, Fröhlichkeit und Traurigkeit, Lachen und Weinen fließen auch in seine Arbeiten ein und manifestieren sich in zwei (Nicht-)Farben: Schwarz und Weiß.
„Diese beiden Farben, dieser Dualismus bedeutet mir sehr viel“, betont Zepada, der selbst nur Schwarz-Weiß am Körper trägt und dem Tod von der Schippe sprang, nach einer Überdosis wiederbelebt werden musste. Auch seine Nahtoderfahrung verarbeitet er mit seiner Kunst, die tatsächlich ein wenig an den großen Giger erinnert. Mit herausragenden Formen von Rücken und Wirbelsäulen als Metaphern für Ängste, Tod, Geburt, Erotik.
Ohne die Illusion von Dauer
Wenn alles vergänglich ist, worauf gründet man dann sein Leben? Für Zepada heißt es: genießen, was da ist, ohne die Illusion von Dauer. „Schönheit ist abstrakt, sie liegt auch in der Veränderung“, betont er. Mit seiner Kunst möchte er das Anmutige nicht festhalten, bannen, aber doch feiern und Zerfall und Wandel mitdenken. Seine Werke – mit einem klaren Hang zu weiblichen Körpern, aber auch zu dornenkranzartige Zacken und Linien – haben keine Titel.
Erinnert diese Figur mit ausgestreckten Armen nicht an Jesus am Kreuz? Zepada schaut überrascht, als würde er das zum ersten Mal so sehen – und lächelt. Er weiß, das Leben und die Schönheit sind nur ein Windhauch, aber nicht sinnlos. Er hat seine bösen Geister längst vertrieben, und etwas Liebe zu sich selbst ist noch lange keine Todsünde, keine Eitelkeit.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Eitelkeit“ im Maquis Mami Wata, Bürgermeister-Fuchs-Straße 6, in der Neckarstadt-West in Mannheim ist jeden Sonntag 17 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung zu sehen. Weitere Infos unter www.maquismamiwata.de.