Frankenthal Recht und Unrecht

Schlicht und wirkungsvoll: Stahlgerüste und Tücher werden mal zum Schafott, mal zum Königsthron umgebaut.
Schlicht und wirkungsvoll: Stahlgerüste und Tücher werden mal zum Schafott, mal zum Königsthron umgebaut.

Wie schnell Verleumdung aus Habgier das Leben anderer Menschen zerstören kann, zeigte das Gastspiel „Die Wanderhure“ der Theaterproduktion Theaterlust aus München. Stahlgerüste als beeindruckende Bühnenbildkonstruktionen ließen den Schauplatz der Handlung in Minutenschnelle vom Schafott zum Königsthron werden. Das fesselnde, fast dreistündige Historiendrama wurde im fast ausverkauften Congress-Forum am Montagabend begeistert aufgenommen.

Der Vorhang hebt sich. Schwarze Schatten streifen zwischen Gitterkäfigen auf tiefrotem Boden umher. Die einzigen Kulissen sind Tücher und Stahlträger, die von den Schauspielern im Laufe des Stücks umgebaut werden. Eine bedrohliche Atmosphäre, die das Eingesperrtsein im eigenen Leben und in den gesellschaftlichen Konventionen veranschaulicht. Es ist um 1410. Im Epilog wird der Wendepunkt des Dramas vorweggenommen: Maries Schändung. Die Tochter eines reichen Tuchhändlers aus Konstanz knüpft zarte Liebesbande mit dem Wirtssohn Michel (Benjamin Hirt), was auch bildlich mit Tüchern zwischen den Gitterstäben dargestellt wird. Ihr Vater (Stefan Rihl) verlangt jedoch, dass Marie (Anja Klawun) eine Zwangsehe mit Magister Ruppertus Splendidus (Johannes Schön), dem Bastard des Grafen von Keilburg, eingeht, um den Familienbesitz zu schützen. Auch der Graf von Keilburg verpflichtet aus Habgier Ruppertus zur Heirat mit Marie. Ruppertus willigt unter der Bedingung ein, dass der Graf ihn dann als seinen Sohn anerkennt. Hier werden bereits erste psychodramatische Züge erkennbar, die die Handlung des Theaterstücks noch dominieren werden. Ein perfides Netz aus Angst, Unterdrückung und Habgier, wird auf der Bühne nun metaphorisch gewebt aus Tüchern und Stoffbahnen, die letztendlich nur Fallstricke für das grausame Verhalten sein können. Angestachelt durch die Habgier des Vaters, inszeniert Ruppertus den Rufmord seiner Verlobten Marie und bezichtigt sie der Hurerei. Geschickt bringt der gewiefte Advokat das Volk gegen Marie auf und verbiegt das Gesetz, als wäre die stahlharte Vernunft Wachs in seinen Händen. Die Darsteller selbst verrücken die Stahlgerüste und damit auch die geltenden Gesetze und Normen. In Minutenschnelle wird aus Recht Unrecht und aus dem Schafott der Königsthron. Die naive Marie, sehr überzeugend und empathisch gespielt von Anja Klawun, beharrt aussichtslos auf Gerechtigkeit. Sie wird geschändet, um ihre Ehre gebracht, aus der Stadt vertrieben. Eine gebrochene Frau ohne Perspektive. Doch sie nimmt ihr Schicksal an, stellt sich einem neuen Lebens als Hure und sinnt auf Rache. Am Rand der Gesellschaft lebt sie im Exil in Merzlingen, wo sie von der schwangeren Mechthild von Arnstein für ihren Mann Dietmar engagiert wird. Ruppertus kämpft immer noch in infantiler Zerrissenheit um die Anerkennung seines Vaters, obwohl dem Grafen durch Maries Rufmord der väterliche Besitz zugefallen ist. Das Theaterstück von Daniel Hohmann beruht auf dem Roman „Die Wanderhure“ von Iny Lorentz und Motiven der gleichnamigen Verfilmung. Die Inszenierung des Stücks nach Regisseur Thomas Luft des Tournee-Theaters Theaterlust ist ein anspruchsvolles Gesamtkunstwerk aus Tanzelementen, Gesang und perfekt akzentuierter Musik, live gespielt von Georg Karger. Das Frankenthaler Publikum honorierte die Darbietung des monumentalen dreistündigen Historiendramas mit begeistertem Applaus. Der letzte Moment, in dem Marie Gerechtigkeit zuteil werden kann, ist auf dem Konstanzer Konzil um 1415. Zwischen Adel und Klerus sind tiefe Gräben, was Recht und Rechtsprechung anbelangt. Marie gelingt es mithilfe von Mechthild von Arnstein, Gehör beim König zu finden. Ruppertus, der seine Schandtaten in einem tagebuchähnlichen Heldenepos festgehalten hat, das Marie in ihren Besitz bringen konnte, wird nun zur Verantwortung gezogen. Die Schuld kann nur noch durch den Strick am Galgen gesühnt werden. Und für Marie ist dies der Anfang eines neuen Lebens.

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