Mannheim
Poetik der Stille: Bilder von Shimpei Yoshida in der Kunsthalle
Das für jeden frei zugängliche Studio im Erdgeschoss der Mannheimer Kunsthalle ist so etwas wie die Probebühne des Hauses. Die vom jungen Förderverein der Kunsthalle, den „Art-Genossen“, ermöglichte Reihe widmet sich jungen künstlerischen Positionen und wird von Volontären kuratiert, die hier erste Duftmarken setzen können, was im Übrigen beides prächtig funktioniert.
Beredte Malerei, die schweigen kann
In der aktuellen Schau hat der Neue, Stefano Agresti heißt er, mit dem japanischen Maler Shimpei Yoshida (33, lebt in Tokio), man darf es wohl so sagen, einen aus dem Rahmen des an diesem Ort Gewohnten fallenden Coup gelandet. Den man als unerwartete Rückkehr in die Stille beschreiben könnte. Keine Videos im Überwältigungsmodus, keine Botschaften und kein akustisches Begleitgetöse, stattdessen nichts als „richtig“ gemalte Bilder, Öl auf Leinwand, zehn Stück in unterschiedlichen Formaten und in seltsam unfarbig wirkenden, diffusen, fast substanzlosem Graubraun noch dazu. Eine Malerei zumal, die so beredt ist, dass sie schweigen kann. Klingt paradox, aber es ist eine Kunst, die den Willigen Tür und Tor zu künstlerischen Welten öffnet, die man verloren glaubte.
Märchenhaft, zu schön um wahr zu sein? Nicht ganz! Shimpei Yoshida ist Zeitgenosse, aber auf seine eigene, eigenwillig konzentrierte Art. In Hamburg kaufte er 2020 während eines Stipendiums auf einem Flohmarkt ein Fotoalbum mit Familienbildern. Das war die Initialzündung zur jüngsten Serie „The Poetics of Silence“ (Poetik des Schweigens), die jetzt im Kunsthallen-Studio ausgestellt ist.
Von den bunten Knipsereien der anonymen Fundsache ist jedoch nichts geblieben als Verwischtes, Unkenntliches, das nicht zuzuordnen ist, isolierte Köpfe, Rückenansichten, Gesichter ohne Blick, zwei isolierte Hände, Ohren – Details ohne Kontext, ohne Geschichte. Raum und Zeit spielen keine Rolle, nichts bleibt als das Bild, das ein Maler sich gemacht hat.
Ein raffiniertes, als Einfachheit getarntes Spiel
Wer sind sie, wer waren sie, warum wurden sie so und nicht anders fotografiert? War es der „Familienvater“ den Yoshida sich imaginiert? Interessiert, eigentlich, nicht. Farbe? Muss nicht sein. Wie Schemen scheinen Yoshidas Nicht-Porträts aus einer diffus inszenierten Nebelwelt aufzutauchen Es sind eigentümlich vertraute, zugleich eigentümlich fremde Schemen, die doch nichts sind als subtil plazierte Stacheln in der Wahrnehmung der Betrachtenden, die sich auf ein unentschiedenes Hin und Her zwischen Dasein und Verschwinden einlassen müssen, wollen sie Profit aus Yoshidas Rätselkunst ziehen.
Ein kleiner Katalog mit hilfreichen Texten von Künstler und Kurator wurde aufgelegt, der dem Rätsel von Yoshidas Kunstpraxis näher kommt, es aber doch nicht ganz auflösen kann. Gern denkt man sich da ein paar kunsthistorische Krücken herbei, zieht Linien zur Tradition der Rückenfigur, erinnert den rätselhaften Dänen Hammershoi, den raffinierten Gerhard Richter oder den ganz in die Vergänglichkeit verkrallten Franzosen Boltanski und wird am Ende feststellen, dass Shimpei Yoshidas Malerei all solchen Vergleichen auf die nachdrücklichste und sanfteste Art und Weise entrückt ist. Sein raffiniertes, als Einfachheit getarntes Spiel mit dem Möglichen und Unmöglichen, dem Nicht- und dem Dasein, es mag nun japanisches Erbe sein oder nicht, ist (auch) eine Einladung in die, siehe oben, Stille. Feine Sache allemal, nur Geduld mit sich und den Bildern sollte man mitbringen ins Studio. Bis 23. November ist zu den normalen Öffnungszeiten der Mannheimer Kunsthalle noch Gelegenheit dazu.