Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Natürliche Dämmung: Altbau komplett mit Wildem Wein bewachsen

Die Fassadenbegrünung ist pflegeleicht. Nur die Fenster und Dachflächen müssen regelmäßig freigeschnitten werden.
Die Fassadenbegrünung ist pflegeleicht. Nur die Fenster und Dachflächen müssen regelmäßig freigeschnitten werden.

Familie Schöndorf liebt Wilden Wein. Die Kletterpflanze sieht an der Fassade ihres Altbaus am Zöllerring nicht nur schön aus, sie bildet auch eine natürliche Wärmedämmung. Einziger Nachteil der Pracht: Den ganzen Spätherbst über ist Kehrwoche.

Den Herbst mag Suse Schöndorf ganz besonders. Weil sich dann die Blätter ihrer Hausbegrünung scharlach- bis purpurrot färben. „Das ist ein toller Anblick“, schwärmt die 76-Jährige. Der Wilde Wein fühlt sich bei den Schöndorfs besonders wohl: Alle Seiten ihres denkmalgeschützten Hauses am Zöllerring sind dicht von der Kletterpflanze bewachsen. Das 1890 erbaute repräsentative Gebäude mit Motiven aus der Neurenaissance aus gelbem und rotem Sandstein ist förmlich eingepackt in grüne Weinblätter, die jetzt allmählich erröten und einen reizvollen Kontrast bilden zu den blauen Beeren.

Vogelparadies in der Stadt

Dass sich die selbstkletternde Jungfernrebe mit der lateinischen Bezeichnung „Parthenocissus quinquefolia“ so üppig entwickeln würde, hätte Schöndorf nicht erwartet. 1978 kaufte sie mit ihrem Mann Helmut das zweigeschossige Haus, der hier eine Arztpraxis eröffnete. „Die Fassade war kahl und traurig“, erinnerte sie sich an damals. Kurzerhand setzte sie drei Jungpflanzen an den Ecken des Gebäudes ein. Die wuchsen pro Jahr fleißig um bis zu zwei Meter – nach 15 Jahren hatte die Familie ein grünes Haus.

An Spinnen und Insekten mussten sich die Schöndorfs gewöhnen in ihrer grünen Oase. Die meisten Krabbeltiere können sie mit Fliegengittern an den Fenstern fernhalten. Vögel sind hier scharenweise zu Gast. Auf dem großzügig geschnittenen Grundstück mit altem Baumbestand – Kastanien, Akazien, Eichen, Linden, Platanen und Tannen – leben auch seltene Arten wie Kernbeißer und Buntspecht, erzählt Schöndorf. „Es ist ein Vogelparadies.“

Nektarquelle für Bienen

Der grüne Kletterkünstler verfügt über Haftscheiben, für die Wände ein Kinderspiel sind. Doch kann die Pflanze dem Mauerwerk schaden? Bei Wikipedia heißt es dazu: „Im Gegensatz zu Efeu wachsen die Triebe zwar in Hohlräume ein, haften sich dort jedoch nicht an und entwickeln sich nicht weiter, wenn sie nicht wieder den Weg zurück ins Licht finden.“ Da die Triebe nicht die Tendenz hätten, in Spalten hineinzuwachsen, bestehe in der Regel keine Gefahr für Gebäude.

Im Herbst färben sich die Blätter scharlach- bis purpurrot.
Im Herbst färben sich die Blätter scharlach- bis purpurrot.

Vor rund vier Jahrzehnten wollte sie ihr Haus nur optisch verschönern. Seitdem sich der Klimawandel bemerkbar macht, ist Schöndorf für die natürliche Wärmedämmung dankbar. „Das dichte schattenspendende Blätterkleid isoliert. Es hält die Wärme im Haus und kühlt im Sommer.“ Im Juli und August sind die rispenförmigen Blüten außerdem wertvolle Nektarquelle für Bienen und andere Insekten.

Natürlicher Luftreiniger

Der Wilde Wein verbessert zudem die Luftqualität. Durch die Photosynthese nimmt er Kohlendioxid auf und produziert Sauerstoff, wodurch die Luft gereinigt wird. Die Pflanze gilt als „rauchhart“. Das bedeutet, dass sie gut mit belasteter Luft zurechtkommt. Damit eignet sich der Wilde Wein sehr gut für Fassadenbegrünungen an Orten mit starker Verkehrsbelastung.

„Bei uns kommen wochentags etwa 30 Busse und bringen die Schüler zur Augustin-Violet-Schule. Um die Ecke ist der viel befahrene Europaring – da ist es gut, etwas für mehr Ökologie zu tun“, sagt Suse Schöndorf, die im September beim Wettbewerb der Frankenthaler Grünen um die schönste Hausbegrünung den ersten Preis gewonnen hat. Die Pflanze sei pflegeleicht, versichert die Frau mit dem grünen Daumen. Nur die Fenster und Dachflächen müssten regelmäßig freigeschnitten werden. Und spätestens ab November wirft das Haus sein Blätterkleid ab. Dann muss Ehemann Helmut den Besen schwingen.

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