Kleinniedesheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Nachbarschaften“: Ausstellung über Karl Krolow im Schloss

Das Gipsporträt zeigt Karl Krolow.
Das Gipsporträt zeigt Karl Krolow.

Um „Nachbarschaften“ dreht sich ein Text von Karl Krolow. Auf ihm fußt eine Ausstellung im Kleinniedesheimer Schloss mit Zeichnungen und Radierungen von Thomas Duttenhoefer.

Immer wiederkehrendes sichtbares Motiv ist der Autor Karl Krolow. Aber es gibt auch ein zweites, unsichtbares Motiv. Es prägte das halbe Leben des Dichters und Schriftstellers Karl Krolow: der Park Rosenheimer Höhe in Darmstadt. Und rund 20 Jahre waren der gebürtige Speyerer Thomas Duttenhoefer und Krolow Nachbarn.

Was in der Ausstellung zu sehen ist: Gleich im Aufgang ein fast lebensgroßes Schwarz-Weiß-Foto des Dichters, damit der Betrachter beim Blick auf Duttenhoefers Arbeiten sagen kann: „Ja, das ist er.“ Allerdings ist auf den künstlerischen Arbeiten wesentlich mehr zu sehen. Duttenhoefer geht in die Details, den angespannten Halsmuskel bei der Kopfdrehung, jede Furche hält er fest, jedes Pölsterchen im Gesicht, jede schlaffe Partie – nicht sezierend-kritisch sondern respektvoll. Die Detailgenauigkeit geht bis zu den Hosenfalten und Schnürsenkeln. Krolow als Porträt in verschiedenen Ansichten, beobachtend, nachdenklich, oder als Spaziergänger im Park bei Sonne und Sturm, der Begegnung mit einer Katze, ernst am Schreibtisch, lässig im Sessel. Eine schöne Arbeit ist eine Tuschezeichnung von 1999 – darauf lächelt der Dichter.

Fruchtbare Zusammenarbeit

„1982 entstand mein erstes Porträt von Karl Krolow“, berichtete Duttenhoefer den weit über 50 Besuchern der Vernissage. Er bescheinigte seinem Modell Geduld und Disziplin und „er war immer präsent im Raum“. Weitere Arbeiten folgten, eine erste Bronzestatuette 1988 – „ich bat ihn, eine Bundfaltenhose anzuziehen, darin gefiel er mir besonders“, erzählte Duttenhoefer. Es war wohl für beide Seiten eine fruchtbare Zusammenarbeit. Der Galerist Carl Netuschil, der im Buch auch zu Wort kommt, beschrieb diese als Faszination des Bildhauers von der Physiognomie Krolows, der wiederum freute sich am künstlerischen Interesse seines Nachbarn. Und beide inspirierten sich gegenseitig. Über die Jahre entstanden Zeichnungen, Plastiken, Radierungen – auch aus der Erinnerung. Krolow kommentierte dichterisch die Porträts: „Fliehendes Kinn, der Hinterkopf schmal … einer, der mit sich gern allein … ein Mann der Empfindlichkeit.“

Empfindsam, so kann man Karl Krolows 20-seitige Betrachtungen „Nachbarschaften – aus dem Alltag eines Schriftstellers“ zur Rosenhöhe bezeichnen: Schilderungen seines früheren Lebens in „Stadtgegenden, ziemlich grau“ mit namenlosen Bäumen, wo „nichts zählte, weil alles zahllos vorhanden war“. Dann der Umzug von der Gegend ins Gartengelände, das Menschen besuchen, die sich erholen wollen. „Ein Alltag, der etwas von einem Sonntag hat, in einem Sonntagsgelände“. Krolow beschreibt die Schönheit des Parks, die Nachbarn, die Haustiere, die Besucher – mit Distanz und Toleranz. Ein Einblick in Lebensumstände und Lebensumfelder, die sich auch heute noch krass unterscheiden können. Krolows Gedanken enden mit der Erkenntnis: „Es ist die unbeschreibliche Ruhe …. Das Unbeschreibbare überhaupt: Ich werde diese Nachbarn nicht beschreiben.“

Darmstädter Rosenhöhe

1915 in Hannover geboren, studierte Karl Krolow Germanistik, Romanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. 1942 ließ er sich als freier Schriftsteller in Göttingen nieder, zog 1951 nach Hannover und 1956 nach Darmstadt. Krolow gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Sprache. Neben Gedichten verfasste er Essays, Hörspiele, übersetzte aus dem Spanischen und Französischen. Krolow war hochgeehrt und vielfach ausgezeichnet. Eine dieser Auszeichnungen war die Berufung auf die Darmstädter Rosenhöhe. Krolow habe es zeitlebens als großes Glück empfunden, dort wohnen und leben zu dürfen, bestätigte Netuschil. Krolow starb 1999.

Die Rosenhöhe entstand rund 50 Jahre nach der ersten Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, die von 1899 bis 1914 Lebens- und Arbeitsraum für 23 Künstler bot. Ab 1955 wuchs die kleine „Neue Künstlerkolonie Rosenhöhe“. Neun bungalowähnliche Bauten bieten Kunstschaffenden gegen geringe Miete auf Lebenszeit Wohn- und Arbeitsraum. Karl Krolow war einer der ersten, der hier einzog. Diese Ehre wurde 1979 auch Thomas Duttenhoefer zuteil.

Kunst aus dem Sperrmüll

Dass Kurator Oliver Bentz Krolows Manuskript „Nachbarschaften – aus dem Alltag eines Schriftstellers“ entdeckte, war ein glücklicher Zufall. Bei einem Besuch bei Thomas Duttenhoefer entdeckte Bentz Sperrmüll vor dem Künstlerhaus nach dem Tod von Krolows Ehefrau Lucie 2009. Er stöberte und fand zwei unveröffentlichte Hörspiele und Texte über die Rosenhöhe. Daraus entstanden 2015 eine Kunstkassette mit Texten und Radierungen und nun Buch und Ausstellung. Nur einen Tag später und der Schredder hätte alles zermalmt.

Termin

„Nachbarschaften“ ist bis 29. März im Kleinniedesheimer Schloss, jeweils sonntags von 13 bis 17 Uhr, zu sehen. Das Buch ist im Justus-von-Liebig-Verlag erschienen, ISBN 978-3-87390-531-3.

Eine Radierung von Thomas Duttenhoefer.
Eine Radierung von Thomas Duttenhoefer.
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