Frankenthal
Landesjagdverband-Vertreter: „Die Natur ist kein Kuschelzoo“
Herr Jacobi, Mitte November gab es im Revier Studernheim eine Treibjagd. Für ein Interview standen die Jagdpächter damals nicht zur Verfügung, sie befürchteten einen Shitstorm. Dies schränkt doch die Öffentlichkeitsarbeit, die zu den Leitlinien der Jägerzunft gehört, erheblich ein.
Man wird gern in Medien falsch verstanden, noch häufiger von deren Nutzern. Ich sage es ganz offen: Beim Thema Jagd gibt es ein Spannungsfeld, das Kontroversen auslöst. Das fängt bei den Menschen an, die den Genuss von Fleisch aus verschiedenen Gründen ablehnen – zum Beispiel Vegetarier und Veganer. Es gibt auch Kritiker, die sagen: Jagd bedeutet Freude am Töten. Das Argument lehne ich generell ab. Die Intention, warum jemand Jäger wird, ist vielfältig. Ich nenne zwei Hauptgründe: Ich möchte mein Nahrungsmittel auf bestmögliche Art selber beschaffen – das Wildfleisch, das eine sehr hohe Qualität hat und nichts mit Massentierhaltung zu tun hat. Und ich möchte meinen Anteil an Hege- und Pflegemaßnahmen leisten.
Haben Sie schon Hasskommentare erhalten?
Nein. Ich bin nicht in sozialen Medien unterwegs. Anfeindungen erhalten unsere Mitglieder nur in Ausnahmefällen. Ich werde zu Fragen der Vereinsarbeit kontaktiert. Oder wie gerade eben von der Polizei, als ein totes Tier gefunden wurde. Auch darum kümmern sich Jagdpächter – um die Entsorgung von verstorbenen Wildtieren. Übrigens auch bei Wildunfällen auf Straßen, was eigentlich Job der Kommunen ist. Wir machen das freiwillig.
Zurück zur Treibjagd im November. Das betreffende Revier zwischen Strandbad und Studernheim wird unter hiesigen Jägern „Central Park“ genannt – nach dem Stadtpark in New York. Warum?
Der Begriff beschreibt eine speziell in unserer Region allgegenwärtige Situation: Der Freizeitdruck in der Natur ist hier extrem hoch. Die teilen sich Jogger, Gassigänger, Reiter, Radler, Spaziergänger, Imker, in letzter Zeit vermehrt Geocacher auf GPS-Schnitzeljagd und eben auch die Jäger.
Und alle dürfen in den Wald.
Genau. Wälder haben keine Zäune. Laut Waldbetretungsrecht darf jeder rein. Ich zum Beispiel bin Jagdpächter vom Mutterstadter Wald. Der von den Freizeitsuchenden der Gemeinden Mutterstadt, Schifferstadt und Limburgerhof genutzt wird. Und die sind dort 24 Stunden am Tag und auch nachts unterwegs. Ebenso wie in Ihrem sogenannten Central Park an der Isenach.
Das stelle ich mir für die grüne Zunft schwierig vor ...
Korrekt. Da sitze ich auf dem Hochsitz in der Dämmerung und denke: Was ist denn da jetzt los? Da laufen leuchtende LED-Halsbänder durch den Wald, mehr sieht man dann nicht. Da hört man, wie jemanden seinen Hund ruft. Ich kann keinen Schuss abgeben, wenn Menschen gefährdet werden können. Dieses Risiko muss man ausschließen. Es ist wahnsinnig schwierig, dabei einen regulären Jagdbetrieb aufrechtzuerhalten.
Wird bei Jagden das Revier abgesichert?
Auf Straßen gibt es eine Verkehrssicherung, man meldet eine Jagd bei der Kommune oder dem Landkreis an. An den Straßen stehen dann Schilder, darauf steht Vorsicht Jagd. In Waldgebieten ohne Straßen wird man auch die Schilder an den Zugangswegen aufstellen. Trotzdem gibt es Leute, die dann reingehen und uns Jäger auf die Schulter tippen und Fragen stellen. Selten erlebt man dann Menschen, die weitergehen. Und dann in unsere Jagd hineinlaufen. Damit ist die Jagd beendet.
Werden Sie oft gefragt, weshalb Wildtiere erlegt werden müssen?
Das ist eine häufige Frage. Es gibt eine Verpflichtung zur Hege, dazu gehört das Jagen. Es gibt Abschusszahlen, die müssen erfüllt werden.
Warum?
Wir leben in einer Kulturlandschaft mit Landwirtschaft und Waldbau. Wo Wild ist, muss es sich auch ernähren. Und tritt damit in Konkurrenz zu diesen beiden Gruppen. Die Populationen der Wildtiere müssen so dezimiert werden, dass sie angepasst sind. Wenn es beispielsweise zu viele Kaninchen gibt, fressen die den Landwirten die Felder leer. Oder zu viele Rehe fressen die Triebe frisch angepflanzter Waldbäume. Dafür gibt es die Abschusszahlen.
Wer legt die Zahlen fest?
Das machen die Jagdbehörden zusammen mit den Kommunen, Naturschutzverbänden, Kreisjagdmeistern, Vertretern der Landwirte, des Forstes, der Pächter und Jäger – die sitzen alle an einem Tisch und diskutieren den Wilderhaltungszustand. Dazu gehören auch Tiere, die sich unter diesem Zustand befinden. Klassisches Beispiel sind die Rebhühner. Es gibt so wenig Rebhühner, dass sie in unserem gesamten Landkreis nicht bejagt werden.
Wie zählt man denn wilde Tiere?
Dazu gibt es vorgeschriebene Verfahren. Wie die Scheinwerfer-Taxation für Hasen, die ja nachtaktiv sind. Nachts gehen Teams mit großem Scheinwerfer Flächen ab. Da die Netzhaut der Hasen das Licht spiegelt – wie bei den Reflektoren am Fahrrad – können wir sehen, wie viele Hasen auf dem Feld sind. Bei der Rebhuhn-Zählung geht man mit einem Lautsprecher durch das Revier, spielt den Laut des Hahns ab und dann antworten die Rebhähne.
Das Thema Pro und Contra Jagd ist komplex. Ich habe ein Gegenargument herausgepickt: Dass sich die Wildpopulationen selber regulieren, ganz ohne Abschuss. Was antworten Sie?
Dazu habe ich als Biologe eine dezidierte Meinung: Diese Theorie stimmt leider nicht ganz. Die Tierpopulation reguliert sich zwar. Aber nicht so, wie wir uns das wünschen. Wir leben nun mal in einer Kulturlandschaft, in der nicht nur das Wild zu seinem Recht kommen muss, sondern auch der Wald- und der Feldwirt. In unserer stark genutzten Umwelt reguliert sich die Natur nicht so, wie wir das gern hätten. Die Natur ist nicht der schöne Kuschelzoo, den man sich vielleicht vorstellt, mit drei niedlichen Bambis jedes Jahr.
Was ist die Natur für Sie als Biologe?
Wir möchten eine artenreiche Flora und Fauna erhalten – das ist für mich Natur. Und wenn wir bei den Wildtieren nicht eingreifen, werden sie sich so lange vermehren, bis ihre Nahrungsgrundlage erschöpft ist. Dazu erzähle ich Ihnen von einer Exkursion im Studium. Unser Professor für Ökologie zeigte auf ein Gebiet mit Wald und Feld und fragte: Was sehen Sie? Wir nannten Bäume, Wiesen, Felder. Er sagte: Ich sehe millionenfachen Tod und Sterben. Er meinte die Nahrungsketten – die Größeren fressen die Kleinen.
Welche Wildtiere sind in unserer Region unterwegs?
Ich beschränke mich auf das bejagbare Wild. In unserem Kreisgebiet haben wir Rehe, Wildschweine, an einigen wenigen Ecken gibt es Damwild und an ein oder zwei Stellen gibt es sogar Muffelwild. Hirsche leben hier nicht. An kleineren Tieren gibt es das Federwild – Ente, Fasan, Rebhuhn, Krähe, Elster und die zugewanderten Neozoen Kanadagans und Nilgans. Die Graugans ist eher selten. Es bleiben die, welche man kaum sieht und trotzdem da sind: Dachse, Füchse und alle Marderarten. Seit neustem gibt es Zugänge von Bibern, Marderhunden und Nutrias.
Die Jagdzeiten sind genau vorgeschrieben in der Landesjagdverordnung. Weshalb?
Ende Januar endet die Zeit für die Drückjagd, also die Jagd mit Kugel und Gewehr auf Rehe. Die Treibjagd mit der Schrotflinte, also das, was im Revier Studernheim stattfand, konzentriert sich auf Niederwild – Hasen, Kaninchen, Fasane und manchmal auch Gänse und Enten. Außer diesen Formen der Gesellschaftsjagd gibt es noch die Einzeljagd. Die Jagdzeiten vom meisten Niederwild enden auch Ende Januar und teilweise schon Ende Dezember. Sie sind begründet mit den Paarungs- und Aufzuchtzeiten.
Und was passiert mit dem erlegten Wild?
Das gehört den Jägern oder wird vermarktet. Wer Wildbret kaufen möchte, kann auf der Homepage „Wild auf Wild“ Jäger aus seiner Umgebung finden und Wildfleisch bestellen.
Bedeutet es, dass Jäger auch selber schlachten?
Ja. Wenn Sie einen Jagdschein machen, lernen Sie auch das Schlachten. In der Fachsprache heißt es: das Tier aufbrechen und schließlich auch zerwirken, also zerlegen.
Wie beeinflussen die Afrikanische Schweinepest (ASP) und die Vogelgrippe die Arbeit der Jäger?
Massiv. Wenn es die Vogelgrippe bei wilden Vögeln in einem Gebiet gibt, müssen wir die erlegten Vögel auf diese Viruserkrankung untersuchen. Das ist beim Veterinäramt meldepflichtig. Analog geschieht das bei Wildschweinen bezüglich der ASP.
Hat Ihre Kreisgruppe Zulauf?
Vor zwölf Jahren hatten wir zirka 500 Mitglieder. Jetzt sind es 720, die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Erfreulicherweise interessieren sich immer mehr junge Leute für die Jagd.
Zur Person: Carsten Jacobi
Dr. Carsten Jacobi ist seit vier Jahren Vorstandsvorsitzender der Kreisgruppe Ludwigshafen im Landesjagdverband Rheinland-Pfalz. Die Kreisgruppe ist zuständig für den Rhein-Pfalz-Kreis sowie Speyer, Ludwigshafen und Frankenthal. Der 58-Jährige hat an der Georg-August-Universität in Göttingen studiert und ist promovierter Biologe. Seit 26 Jahren arbeitet er bei der BASF, zur Zeit im Bereich Forschung und Entwicklung. Er ist einer der zwei Jagdpächter der Reviere Mutterstadt Süd und Limburgerhof und seit 20 Jahren Jäger.
Zur Sache: Jagd in Deutschland
Organisiert sind die Jäger auf lokaler Ebene in Kreisjägerschaften oder Kreisgruppen. Diese werden in den Bundesländern von den Landesjagdverbänden vertreten. Der Deutsche Jagdverband (DJV) ist die Dachorganisation. Laut DJV gibt es bundesweit derzeit knapp 470.000 ehrenamtliche Jäger. Damit haben 42 Prozent mehr Menschen den Jagdschein erworben als drei Jahrzehnte zuvor. Dafür müssen Bewerber die anspruchsvolle Jägerprüfung bestehen, die daher auch „Grünes Abitur“ genannt wird. Außerdem arbeiten in Deutschland etwa 1000 Berufsjäger. Sie sind unter anderem in Jagd- und Forstverwaltungen angestellt.
Gejagt wird auf rund 89 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands – außer in sogenannten befriedeten Bezirken, also in geschlossenen Ortschaften und Wohngebieten. In diesen werden in einigen Bundesländern Stadtjäger beauftragt, wenn dort Wild unterwegs ist, das Schaden anrichtet oder die öffentliche Sicherheit gefährdet. Die bejagbare Fläche ist eingeteilt in Jagdreviere, auch Jagdbezirke genannt. Diese sind entweder in kommunalem Besitz oder gehören Zusammenschlüssen der Landbesitzer – den Jagdgenossenschaften – und können verpachtet werden. Laut Pressestelle der Frankenthaler Stadtverwaltung gibt es im Stadtgebiet sieben Jagdreviere: Studernheim, Ormsheimer Hof, Mörscher Vorderjagd, Mörscher Au, Flomersheim, Eppstein und Petersau.