Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Landesentscheid im Poetry Slam im Mozartsaal

Der Gewinner: Anuraj Sri Rajarajendran.
Der Gewinner: Anuraj Sri Rajarajendran.

Anjuraj Sri Rajarajendran ist Rheinland-Pfalz-Landesmeister im Poetry-Slam 2024 und wird nun beim Bundeswettbewerb Mitte November in Bielefeld antreten.

Die Beiträge der einzelnen Teilnehnmer waren sehr gemischt und reichten von bitterbös bis melancholisch, thematisierten Lebensängste bis Selbstzweifel und natürlich handelten sie auch von den kleinen oder großen menschlichen Schwächen. Schwächen, die auch im Publikum sicher nicht unbekannt waren und der Inhalt somit verständlich und nachvollziehbar war.

Es waren derbe Pointen, harsche Kritik, aber auch sanfte Töne. Wie beim Landessieger Anjuraj Sri Rajarajendran, dessen finaler Text „Echte Männer weinen nicht“ die Biografie eines Migranten erzählte, dem als Kind eingebläut wird, dass ein Mann nicht weint, auch wenn der Schmerz noch so weh tut. Der als junger Mann dannn in die Fremde geschickt wird, um Geld zu verdienen, der Heimweh hat, der es nicht schafft, die Familie zu Hause und die eigene zu ernähren, aber bei aller Sorge, bei aller Trauer nicht weinen darf. Doch das bezweifelt er am Ende, lehnt sich dagegen auf und befürwortet Tränen auch bei Männern. Anjuraj Sri Rajarajendrans Texte waren beide sehr gefühlvoll und stimmten nachdenklich – auch das mit Selbstzweifeln stark durchsetzte „einer von zehn“, das letztlich hoffnungsvoll endente mit der Erfahrung „Für einen da draußen bin ich der Eine“.

Schnellsprecher wegen Zeitlimit

Die bestuhlten Reihen im Wormser Mozartsaal waren fast voll besetzt, das Publikum überwiegend jung – aber es fanden sich auch Interessierte im fortgeschrittenen Alter. Durch die Show führte Marius Loy, selbst Poetry-Slammer und Autor. Seine Moderation war witzig, er suchte die Interaktion mit dem Publikum, aber was vor allem auffiel: Wie alle Slammer ist er ein Schnellsprecher, die Zuhörer mussten aufpassen und die Ohren spitzen. Dass die meisten Poetry-Slammer schnell sprechen mag dadurch erklärbar sein, dass sie in einem gewissen Zeitlimit – am Samstag waren das sechseinhalb Minuten – ihre Texte rüberbringen müssen.

In den Halbfinals, die wegen Wasserproblemen der Spielstätte Lincoln-Theater im Haus der Jugend, bei der Wormser Narhalla und in der Kinowelt stattfanden, hatten sich acht Teilnehmer fürs Finale qualifiziert. Darunter auch Sieger des Wettbewerbs U20, die das Halbfinale Ü20 erreichten und sich dort für das Finale durchsetzten: Leander Bauer mit einer bitterbösen Weihnachtsgeschichte und Elvin Jonas mit einer nicht minder bösen Satire zum Männlichkeitswahn.

Außer Konkurrenz lief zu Beginn des Abends der Beitrag von Jan Cönig, in dem es um einen Besserwisser und Denunzianten geht, dessen idealer Job einer beim Ordnungsamt sei, folgerte Cönig.

Per Jury als Dritter im Finale

Die Startplätze in den beiden Viererrunden waren ausgelost worden. In der ersten Runde traten neben den U20-Finalisten Joshua Vogelgesang mit einer modernen Struwwelpeter-Geschichte und Anjuraj Sri Rajarajendran an, im zweiten Durchgang Theresa Scheuch zum Thema psychische Erkrankungen und Panik, Mario el Toro, der seiner Familie originell einen Nordseeurlaub vermiesen wollte, Jan Holste über das Erwachsenwerden beziehungsweise die Verweigerung dazu und Aileen Schneider, die anders sein wollte und sich für ein gutes Elternhaus und eine wohlhabende Familie schämte. Alle Beiträge wurden im Anschluss nicht per Applausstärke, sondern von sieben Zuhörern im Publikum, die vor der Veranstaltung bestimmt und gebrieft wurden, auf einem Notentableau von 1,0 bis 10,0 bewertet.

Die Erstplatzierten der beiden Runden waren Aileen Schneider und Joshua Vogelgesang. Als dritten fürs Finale wählte die Jury den späteren Landessieger Anjuraj Sri Rajarajendran aus, die Reihenfolge des Auftritts wurde auch im Finale wieder per Los bestimmt.

Aileen Schneiders Beitrag „Ich kann nicht nein sagen“ endete provokativ und forderte das Publikum zum lauten Nein heraus, wobei es dabei etwa um Inhalte wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder Ausbeutung der Arbeitenden ging. Joshua Vogelgesang beschrieb einen „weißen Mann“, dem eigentlich nichts etwas anhaben kann, der auf der sicheren Seite des Lebens stehe. In der Punkteverteilung hatte der Sieger am Ende nur knapp mit 0,7 Punkte vor der Zweitplatzierten Aileen Schneider die Nase vorne. Der Dritte Joshua Vogelgesang erreichte 47 Punkte.

Zur Person

Anuraj Sri Rajarajendran Ist in der Pfalz als Sohn zweier Kriegsflüchtlinge aus Sri Lanka geboren. Als Kind entdeckte der heute 27-Jährige seine Liebe zum Hip-Hop, schrieb früh Raptexte, veröffentlichte eigene Songs und nahm an Rap-Wettbewerben teil. An der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau studierte er Geograhie, Englisch und Darstellendes Spiel auf Lehramt. Über You-Tube-Videos wurde sein Interesse am Poetry Slam geweckt. Er beteiligte sich und war schnell erfolgreich, zuletzt war er 2023 rheinland-pfälzischer Vize-Landesmeister. Sri Rajarajendran lebt in Edenkoben und wurde von der Poetry Slam-Bühne Landau nominiert.

Die Zweitplatzierte Aileen Schneider aus Mainz hatte nur 0,7 Punkte Rückstand.
Die Zweitplatzierte Aileen Schneider aus Mainz hatte nur 0,7 Punkte Rückstand.
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